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Ausgabe 4/08


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Dänemark: Ein skandinavischer Sonderweg zwischen Kollaboration und Widerstand?

Dänemark war im Zweiten Weltkrieg gewissermaßen eine Ausnahme. Das Land ist ohne größeres Blutvergießen durch den Krieg gekommen, dänische BürgerInnen und die dänische Widerstandsbewegung haben viele jüdische MitbürgerInnen gerettet. Dennoch hat die Regierung bis zu einem gewissen Punkt auch mit Nazi-Deutschland kollaboriert. War es – gerade angesichts der geografischen Nähe zu Deutschland – ein Erfolgsrezept, pragmatische Politik einer Balance zwischen Widerstand und Kollaboration zu betreiben?

 

Dänemark ergab sich am 9. April 1940, dem Tag des deutschen Überfalls, fast ohne Kampf. Das Land war seit diesem Tag besetzt – eine so genannte „Friedensbesetzung“. Diese „Friedensbesetzung“ war einzigartig und bedeutete, dass in Dänemark kein regulärer Krieg geführt wurde und dass Deutschland keine Gewalt gegen die dänische Bevölkerung ausübte, solange Dänemark mit Deutschland zusammenarbeitete. Die „Friedensbesetzung“ war eine Kompromisslösung für beide Parteien. Die Grenzen der Regelung waren nie klar definiert und diese Grauzone konnte Dänemark durchaus nutzen. Der Kompromiss hätte Dänemark seine Souveränität und Neutralität sichern sollen, in der Realität jedoch gab es weder Souveränität noch Neutralität. Obwohl die „Friedensbesetzung“ Dänemark einen großen Spielraum sicherte, hat die dänische Regierung mit der Zeit mehr und mehr dem deutschen Druck nachgegeben.

 

Allgemein gab es im Land keine große Sympathie für die Dänische Nationalsozialistische Arbeiterpartei und ihre Ideologie. Sie bekam nie mehr als rund 2% der Stimmen, was sicherlich auch dadurch bedingt war, dass Dänemark schon lange Zeit eine problematische Beziehung zu Deutschland hatte – das große Nachbarland im Süden war eine Bedrohung und bereitete dem kleinen Dänemark schon lange Territorialprobleme. Immer wieder waren die Grenzen neu gezogen worden, daher konnte die Dänische NS-Partei, die eine Kopie der deutschen war, auch keine große Zustimmung gewinnen. Die meisten Stimmen konnte sie noch im Süden Dänemarks einfahren, wo eine große deutsche Minderheit lebte. Von dort kamen auch viele der dänischen SS-Freiwilligen, von denen sich viele der deutschen Minderheit zurechneten.

 

Die dänische Nationalsozialistische Arbeiterpartei, DNSAP, betätigte sich primär als Informantin für die Besatzungsmacht. Sie war aber auch Rekrutierungsbasis für das „Schalburgkorps“, eine dänische SS-Einheit. Die DNSAP hoffte, dass die Zustimmung der Bevölkerung und die Anerkennung durch Deutschland steigen würden, wenn die dänische SS-Einheit die ersten Siege an der Ostfront eingefahren hätte. Das „Schalburgkorps“ entstand im Juni 1941, unmittelbar nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, und war nur für dänische Freiwillige gedacht. Bereits vorher stand skandinavischen Freiwilligen die SS-Division „Wiking“ offen. Die ersten Dänen traten ihr 1940 bei, insgesamt waren es mindestens 500 dänische Freiwillige. Am 23. April 1940 ordnete SS-Reichsführer Heinrich Himmler auch die Bildung eines Waffen-SS-Regiments unter dem Namen „Nordland“ an, das der Aufnahme skandinavischer Freiwilliger dienen sollte. Die meisten dänischen Freiwilligen meldeten sich jedoch für das „Schalburgskorps“: Von rund 13.000 Interessenten wurde etwa die Hälfte aufgenommen. Von diesen ungefähr 6.500 Personen starben etwa 2.000 bei Kampfhandlungen.

 

Da das „Schalburgkorps“ der DNSAP zunehmend Mitglieder wegnahm, hatte es die Partei, die sich nach wie vor keiner großen Popularität erfreuen konnte, sehr geschwächt. Die DNSAP konnte von ihren Verbindungen nicht profitieren und sah schließlich ihre mühsame Arbeit als vergeblich an. Die Motivation zur Rekrutierung neuer Parteimitglieder sank. Der nordschleswigsche Parteiführer Frits Clausen drohte, keine Freiwilligen mehr für das Freikorps zu stellen. Himmler versuchte Clausen zu beruhigen – er appellierte an sein Durchhaltevermögen, seine große Stunde würde schon noch kommen. Obwohl man von deutscher Seite die Partei ermutigte, hatte man sich doch nichts Großes von ihr erwartet, im Gegenteil: Legationssekretär Franz Rademacher beschreibt zwar in einer Niederschrift das Land als eine nicht unwichtige landwirtschaftliche Versorgungsquelle und militärische Operationsbasis, da aber die Dänische Nationalsozialistische Arbeiterpartei so klein und beim Volk so unpopulär war, meinte er, dass man ihr so viel Unterstützung wie möglich geben müsse. Die Partei verlor dennoch mehr und mehr an politischer Bedeutung, konnte weder an Stimmen, noch an Unterstützung aus der Bevölkerung dazu gewinnen. Im Gegenteil kam es verstärkt zu Streiks und Sabotageaktionen der dänischen Widerstandsbewegung.

 

Anstatt deutschen Forderungen verstärkt nachzukommen, dankte die dänische Regierung, die nie Sondergesetze für jüdische BürgerInnen eingeführt hatte, Ende August 1943 ab – erst jetzt befand sich Dänemark wirklich unter direkter deutscher Besatzung, die auch gleich den Ausnahmezustand verkündete und das Kriegsrecht verhängte. In weiterer Folge wurde Dänemark in die deutschen Pläne zur „Endlösung der Judenfrage“ einbezogen. In der Nacht des 1. Oktober 1943 begann die deutsche Polizei mit der Verhaftung dänischer Jüdinnen und Juden. Nicht zuletzt aufgrund der verweigerten Kooperation der dänischen Polizei und des Protests maßgeblicher Teile der dänischen Gesellschaft gelang es jedoch vielen jüdischen DänInnen, der deutschen Verfolgung zu entkommen. Dennoch deportierten deutsche Behörden rund 500 Jüdinnen und Juden aus Dänemark nach Theresienstadt, etwa 100 starben während des Holocaust. Angesichts einer jüdischen Bevölkerung von etwa 7.500 (davon rund 1.500 Flüchtlinge aus anderen Ländern) vor dem deutschen Einmarsch repräsentiert das eine der höchsten jüdischen Überlebensraten Europas.

 

 

Eldina Jaganjac

maturierte 2008 in Esbjerg, Dänemark, und arbeitet seit Oktober 2008 als EVS-Freiwillige bei „Gedenkdienst“.