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Ausgabe 4/08


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NS in Oberösterreich: Kein Regime ohne Personal

„Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist man verurteilt, sie zu wiederholen“, ist ein oft zitierter Aphorismus George Satanayas. Da man in Österreich leider oft zu der zynischen Einschätzung kommen muss, dass in punkto Vergangenheitspolitik viele Dinge noch im Argen liegen, ist es sicherlich sinnvoll, auch auf positiv zu erwähnende Prozesse, wie etwa das oberösterreichische Projekt „Lebensbiographien nationalsozialistischer Funktionäre in Oberdonau“, hinzuweisen.

 

In dreijähriger Arbeit erstellten acht Historiker und Historikerinnen 250 biographische Studien zu den wichtigsten FunktionsträgerInnen des Reichsgaues Oberdonau, welche entweder in der staatlichen Verwaltung oder in der örtlichen NSDAP tätig waren. Frauen waren auf höherer Verwaltungs- und Parteiebene eher rar, allerdings finden sich auch hier einige unter den TäterInnen. Die historische Arbeit wurde dabei sowohl durch den nationalsozialistischen Dualismus von Partei und Staat als auch durch die verstreute Aktenlage erschwert: Die Unterlagen waren auf das Landesarchiv selbst, das Österreichische Staatsarchiv und das Bundesarchiv Berlin verteilt.

 

TäterInnen im Netz

 

Die Ergebnisse sind als Internetpublikation auf der Homepage des Oberösterreichischen Landesarchivs einzusehen. Diese Erscheinungsform wurde nicht zufällig gewählt, sind sich doch auch die MacherInnen im Klaren, dass diese Forschungen keinesfalls ein Endergebnis sein kann, sondern einen Ansatzpunkt für eine weitergehende Beschäftigung mit TäterInnenschaft und MittäterInnenschaft darstellt. Die flexible Form der Publikation bietet die Möglichkeit, auch weitere soziologische Forschungen – etwa was Gruppenprofile, biographische Gesetzmäßigkeiten und Abweichungen usw. usf. betrifft – durchzuführen.

 

Als InteressierteR hat man sowohl die Möglichkeit, konkret nach Personen in der biographischen Datenbank zu suchen, als auch einfach nur zu „stöbern“. Gewählt werden kann zwischen kurzen biographischen Angaben oder ausführlicheren PDFs, welche auch die verwendeten Quellen ausweisen und/oder weiterführende Literaturangaben beinhalten. Erfasst wurden FunktionsträgerInnen, die im Bereich der staatlichen Verwaltung auf Ebene der Bezirkshauptmannschaften, ab 1938 dann in den Landratsämtern tätig waren und jene, die in der Landeshauptmannschaft, ab 1940 dann in der Reichsstatthalterei, eine Funktion inne hatten. Im Bereich der NSDAP wurden leitende Organe in der Gauleitung, in Gauämtern und in diversen Kreisleitungen kenntlich gemacht.

 

Lebenslügen und Kontinuitäten

 

Dass dieser institutionell-funktionelle Zugang auch seine Tücken hat, ist auch den HistorikerInnen des Oberösterreichischen Landesarchivs durchaus bewusst. So fehlen in der Datenbank etwa viele Personen, die zwar nicht in dieses institutionell-funktionale Schema hineinpassen, sehr wohl aber einflussreich waren, sowie natürlich die große Gruppe derjenigen, welche als unbeteiligte ZuschauerInnen den NS-Verbrechen tatenlos zur Seite und gegenüberstanden.

 

Dennoch: Details und Zusammenhänge werden präsentiert, Lebenslügen ehemaliger Nationalsozialisten aufgedeckt. Gruselig wird es dann, wenn aufgeführt wird, in welchen Funktionen die untersuchen TäterInnen nach 1945 beschäftigt waren und personelle Kontinuitäten nachgezeichnet werden können. Um mit Dr. Goldberger vom Oberösterreichischen Landesarchiv zu schließen: „Der Nationalsozialismus in Oberösterreich ist kein Regime ohne Personal mehr.“

 

Die biographischen Datenbanken sind über www.landesarchiv-ooe.at (Biografische Datenbank) oder www.landesarchiv-ooe.at/xchg/SID-28B456E1-04B248D5/hs.xsl/was_bgd_DEU_HTML.htm einzusehen.

 

 

Ina Markova

studiert Geschichte an der Universität Wien