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Ausgabe 4/08


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Die Novemberpogrome in ZeugInnenberichten

Bei der großen medialen Aufmerksamkeit, die den Novemberpogromen in den letzten beiden Jahrzehnten zukam und nach wie vor zukommt, stellt sich die Frage, welche Narrative diese Ereignisse dermaßen repräsentativ und repräsentierbar machen. Auf fallend an den Darstellungen der Novemberpogrome sind zum einen die teilweise stark abweichenden Angaben hinsichtlich des tatsächlichen Ausmaßes der Zerstörung und der Anzahl der Opfer, zum anderen erweist sich sowohl die Bezeichnung „Kristallnacht“ als auch die Datierung der Novemberpogrome als problematisch.

 

Obwohl Mitte der 1950er Jahre bzw. in den 1960er Jahren kleine Einzelstudien von Hermann Graml und Herbert Rosenkranz zu den Novemberpogromen vorlagen1, erhielten sie erst ab den 1980er Jahren anlässlich des 50-jährigen Gedenkens historische Beachtung. Sowohl Hermann Graml als auch Herbert Rosenkranz setzen „Reichskristallnacht“ im Titel unter Anführungszeichen, eine Form der Distanzierung, die mittlerweile zu den gängigen Topoider Berichterstattung gehört. Allerdings wurden die „Ausschreitungen“ gegen Juden und Jüdinnen im November 1938 in AugenzeugInnenberichten und Tagebucheintragungen bereits als Pogrome eingestuft, die jedoch unterschiedlich benannt wurden. Victor Klemperer verweist etwa in seiner Tagbucheintragung vom 22. November 1938 auf die „Pariser Grünspan-Schießaffäre“.2 Eugen Kogon bezeichnet die Pogrome in seiner grundlegenden Studie „Der SS-Staat“ als „RathAktion gegen die Juden“.3 Jonny Moser benennt den Novemberpogrom in seiner 1966 erschienenen Studie „Die Judenverfolgung in Österreich 1938 – 1945“ ebenfalls als „Rath-Aktion“.4 Albert Drach wiederum erinnert in seinem 1968 erschienenen Roman „Z.Z – das ist die Zwischenzeit“, dass die „Kristallnacht“ scheinbar in Analogie zum Röhm-Putsch „Nacht der langen Messer“5 genannt wurde. Und schließlich findet sich in der Wiener Zeitung vom 18. Oktober 1945 ein Artikel mit der Überschrift „Grauenvolle ‚Nacht der Scherben‘“, der Untertitel des Beitrages lautet: „Details über das große Novemberpogrom“6. Obwohl es also in den ersten Jahren nach dem Ereignis offensichtlich vielfältige Bezeichnungen für die Novemberpogrome gab, bestand von Beginn an kein Zweifel daran, dass es sich dabei um einen Pogrom handelte. Damit trägt aber der geradezu unvermeidliche Hinweis auf die euphemistische Bezeichnung „Kristallnacht“ mit dazu bei, den Begriff zu tradieren und zu festigen.

 

Während die Geschichtsschreibung und vor allem Medien die Novemberpogrome in den 1980er Jahren als erinnerungswürdiges historisches Ereignis entdeckten, finden sich in der Literatur höchstens Spuren der Novemberpogrome. Wichtig bei der Hinwendung zur Literatur und zu ZeugenInnenberichten ist jedoch, dass damit die Seite der Betroffenen ins Blickfeld gerät, denn bis in die 1980er Jahre wurden die Novemberpogrome mit wenigen Ausnahmen vor allem auf der Grundlage von NS-Akten aufgearbeitet. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Wiener Library in London über ein Konvolut von 300 AugenzeugInnenberichten zum Novemberpogrom ver fügt, die bereits Ende 1938 und im Jänner 1939 gesammelt wurden.

 

Einer dieser Berichte trägt den Titel „Der 10. November 1938. Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden in Deutschland“, der Samuel Brückheimer zugeschrieben wird.7 Diese Datierung, die sich in frühen ZeugInnenberichten öfter findet, ist insofern wichtig, als sich die Frage stellt, warum sich ausgerechnet der vor allem in Deutschland historisch überladene 9. November als Gedenktag der Pogrome durchgesetzt hat, obwohl die Pogrome de facto am 10. November und an den darauffolgenden Tagen stattfanden. In narrativer Hinsicht überlagert damit die Planung der Pogrome durch die NS-Spitze die Auswirkungen der Pogrome auf die jüdische Bevölkerung in Deutschland und Österreich.

 

Kaum literarische Spuren

 

Ausgangspunkt für meine Suche nach Spuren der Novemberpogrome in der Literatur war die Sammlung von etwa 350 ZeugInnenberichten bzw. -protokollen, über die das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) verfügt. Die ZeugInnenberichte wurden zum Großteil bereits in den Jahren 1944 bis 1950 gesammelt und hatten zunächst die Funktion, Fakten feststellen zu können. In der Sammlung befinden sich zwischen 70 und 80 ZeugInnenberichte von deutschen und österreichischen EmigrantInnen. Obwohl viele dieser ZeugInnen 1938 in die Niederlande flüchteten, findet sich mit einer Ausnahme kein einziger Bericht, in dem die Novemberpogrome erwähnt werden. Das einzige Dokument, in dem sich eine Spur zu diesem Ereignis findet, stammt von Kurt Schlesinger, dem so genannten Oberdienstleiter des Durchgangslagers Westerbork. Doch auch Schlesinger erwähnt die Pogrome nur kurz und in Klammer gesetzt, in Zusammenhang mit legaler und illegaler Einwanderung in die Niederlande. Von Interesse ist, dass auch er vom „großen Pogrom“ spricht und diesen mit 10. November datiert.8

 

Dass die Novemberpogrome in der so genannten Holocaust-Literatur kaum Erwähnung finden, hat unter anderem damit zu tun, dass diese vor allem in den ersten Jahrzehnten einer relativ klaren Struktur unterlagen, d.h. die Darstellung beginnt in der Regel mit der Festnahme und endet mit der Befreiung. Einer der wenigen Ausnahmen findet sich in dem bereits erwähnten Bericht von Eugen Kogon: „Was sich damals im Lager [Buchenwald, VZ] zutrug, läßt sich mit wenigen Worten nicht schildern. Erwähnt sei lediglich, daß gleich in der ersten Nacht 68 Juden wahnsinnig geworden und von Sommer wie tolle Hunde – immer je vier Mann – totgeschlagen worden sind. […] In weniger als drei Wochen hatten diese Aktions-Juden Hunderte von Toten.“9 Kogon erlaubt mit seinem Bericht eine kaum beachtete Perspektive auf die Novemberpogrome, nämlich die Ankunft jener häufig erwähnten 20.000 Juden, die während der Novemberpogrome verhaftet und nach Dachau und Buchenwald deportiert wurden.

 

Nicht nur in ZeugInnenberichten des Holocaust auch in Exilmemoiren finden sich kaum Hinweise auf die Novemberpogrome. Wenn, werden vor allem die „Anschluss“-Pogrome erwähnt – wie etwa in Klaus Manns Autobiographie „Der Wendepunkt“10 – oder es kommt zu einer Verschränkung von „Anschluss“-Pogrom und Novemberpogrom – wie dies unter anderem in Fred Wanders Erinnerungen Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken11 der Fall ist.

 

Latente Tendenz zum Pogrom

 

Es gibt zweifellos mehrere Gründe, warum sich kaum Spuren der Novemberpogrome in Berichten von Überlebenden des Holocaust und in Memoiren des Exils finden, in Bezug auf Österreich ist jedoch insbesondere zur berücksichtigen, dass nach dem „Anschluss“ eine latente Tendenz zum Pogrom vorhanden war. Herbert Rosenkranz zieht daraus den Schluss: „Im Vergleich mit dem Terror, der die Straßen in Wien beherrschte, stellt der Novemberpogrom nur eine Verschärfung des bisherigen latenten Pogroms dar, jedoch keinen plötzlichen Einschnitt in bisherige Lebensbedingungen wie in Deutschland.“12

 

Tendenziell nimmt seit der öffentlichen Diskursivierung der Novemberpogrome deren Thematisierung in autobiographischen Berichten von Überlebenden des Holocaust zu. So finden sich etwa in dem 1993 vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes heraus gegebenen Buch „Jüdische Schicksale“ mehrere Interviews, die auf die Novemberpogrome eingehen.13 Unter anderen erwähnt auch Ruth Klüger die Novemberpogrome in ihrer 1992 erschienenen Autobiographie „weiter leben“.14

 

Doch wird in den letzten beiden Jahrzehnten am 9. November nicht nur der Novemberpogrome gedacht, dieser Tag wurde zu einem der markantesten Daten im Zusammenhang mit dem Gedenken des Holocaust. Werden die Gedenkveranstaltungen zum Novemberpogrom in Erinnerung gerufen, so ist am österreichischen Narrativ der Erinnerung auffallend, dass es zu einer latenten Überlagerung von Novemberpogromen und Holocaust kommt, wobei der Holocaust jedoch zumeist nicht weiter thematisiert wird. Die Differenzierung von Novemberpogrom und Holocaust ist jedoch insofern wichtig, als die Novemberpogrome zwar offensichtlich in anschaulicher Weise zum Ausdruck bringen, was als Barbarismus des Nationalsozialismus vorgestellt wird, allerdings war der Novemberpogrom, wie Raul Hilberg wohl zu Recht feststellt, „die letzte Gelegenheit, auf deutschen Straßen Gewalttaten gegen Juden zu verüben. […] In der Folgezeit wurde das Für und Wider jeder Maßnahme genauestens abgewogen […]. Es war der bürokratische Vernichtungsprozeß, der in seinem planmäßigen, Schritt für Schritt erfolgenden Vorgehen schließlich zur Auslöschung von fünf Millionen Opfern führte.“15 Mit anderen Worten fand die Barbarei nicht mehr im öffentlichen Raum statt, sondern umso schrankenloser im abgeschlossenen Raum von Konzentrations- und Vernichtungslagern. Für Österreich lässt sich abschließend feststellen, dass das Gedenken der Novemberpogrome seit den 1980er Jahren eine Art Stellvertretungsfunktion für das Gedenken an den Holocaust übernahm.

 

 

1 Hermann Graml, Der 9. November 1938. „Reichskristallnacht“, Bonn: Bundeszentrale für Heimatdienst 1956; Rosenkranz, „Reichskristallnacht“. 9. November 1938 in Österreich. Wien/Frankfurt/ Zürich: Europa 1968.

2 Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, hg. v. Walter Nowojski, unter Mitarbeit v. Hadwig Klemperer. Berlin: Aufbau 1995, S.431.

3 Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, München: Heyne 1974, S.229.

4 Jonny Moser, Die Judenverfolgung in Österreich 1938–1945, Wien/Frankfurt/Zürich: Europa 1966, S.8.

5 Albert Drach, „Z.Z.“ das ist die Zwischenzeit, Hamburg/Düsseldorf: Classen 1968, S.296.

6 „Grauenvolle ‚Nacht der Scherben‘. Details über das große Novemberpogrom, Wiener Zeitung, 18. Oktober 1945, S.3.

7 Der Bericht wurde 1986 von Herbert Schultheis unter dem Titel Die Reichskristallnacht in Deutschland nach Augenzeugenberichten publiziert.

8 Siehe NIOD, Collectie 250d, Kampenen gevangenissen, Inv.no. 828.

9 Siehe Kogon, Der SS-Staat, S.230f.

10 Klaus Mann, Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1993, siehe v.a. S.531f.

11 Fred Wander, Das gute Leben oder Von der Fröhlichkeit im Schrecken. Erinnerungen. Göttingen: Wallstein 2006, siehe v.a. S.21.

12 Rosenkranz, „Reichskristallnacht“, S.16.

13 Siehe Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten, Wien: Österreichischer Bundesverlag 1992, S.97-163.

14 Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend, Wallstein: dtv 1992, S.28.

15 Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 1, Frankfurt/Main: Fischer 1990, S.52f.

 

 

Veronika Zangl