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Ausgabe 4/08


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vor.gelesen|rezensionen

Tötungsanstalt Hartheim

Brigitte Kepplinger, Gerhart Marckhgott, Hartmut Reese (Hrsg.), 2. erweiterte Auflage, OÖ Landesarchiv, Linz, 2008

 

Normalerweise ist es ja nicht üblich, dass man anlässlich einer Zweitauflage eines Buches eine Rezension über selbiges veröffentlicht. Normalerweise ist es aber auch nicht üblich, dass eine Zweitauflage – selbst wenn es eine ergänzte ist – seinen Umfang gegenüber der Erstauflage verdoppelt. Zehn der neunzehn Beiträge des Buches „Tötungsanstalt Hartheim“ sind völlig neue Arbeiten, die restlichen wurden zum Teil grundlegend überarbeitet. Insofern sprechen die Herausgeber zu Recht eher von einer Neubearbeitung denn von einer Neuauflage.

 

Im Zentrum des Werkes steht die Darstellung der „Aktion T4“ in der „Ostmark“. Entsprechend leitet Wolfgang Neugebauer den Band mit einem Überblick über diesen systematischen Massenmord an Insass-Innen von Heil- und Pflegeanstalten in sechs Euthanasietötungsanstalten ein. Brititte Kepplinger widmet sich der Struktur und dem Ablauf der „Aktion“ in Österreich, bevor sie in einem weiteren Beitrag auf die Tötungsanstalt Hartheim selbst eingeht.

 

Die darauffolgenden Beiträge widmen sich eher spezifischeren Fragen. Hier sind vor allem die weitgehend neu aufgenommenen regionalen Studien zu nennen, welche das örtlich weit verzweigte Netz des Massenmordes vor Augen führen. Folgerichtig stellt sich auch die Frage, was die Bevölkerung denn von den Tötungen gewusst hat, der Irene Leitner in ihrem Beitrag nachgeht und dabei auch dem Widerstand gegen die NS-Euthanasie Raum gibt.

 

Weitere Beiträge setzen sich mit der Frage der Er fassung der Opfer auseinander, wobei Andrea Kammerhofer in ihrem Beitrag vor allem auch die ökonomischen Aspekte und Zusammenhänge der Vernichtungsmaschinerie andeutet. Diese kommen auch in der „Sonderbehandlung 14f13“ zum Ausdruck, die Florian Schwanninger in einem neuen Artikel nachzeichnet, der zwar relativ viel Umfang im Verhältnis zu den anderen Artikeln einnimmt, aber gleichzeitig durch eine enorm präzise Darstellung von „14f13“ besticht und nur durch die notwendige und seriös durchgeführte Auseinandersetzung mit Quellenlage und Forschungsstand etwas länger geraten ist.

 

Ergänzt wird das Buch durch Beiträge zu (bau-) archäologischen Spuren und dem Gedenken an die NS-Euthanasie in Österreich, sodass ein insgesamt sehr umfang- und facettenreiches Gesamtwerk entstanden ist, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man sich ernsthaft mit der NS-Vernichtungspolitik auseinandersetzen möchte. Die umfangreiche und kritische Auseinandersetzung mit Quellenmaterial ist für eine ebensolche Ernsthaftigkeit notwendig, aber auch weniger bedarfte LeserInnen können dem Buch viel Wissen über die Tötungsanstalt Hartheim abgewinnen. Dass die Erstauflage des Buches 2005 innerhalb kürzester Zeit vergriffen war, zeugt vom öffentlichen Interesse an jenem Kapitel nationalsozialistischer Herrschaft, das als eines der längsten im Dunkel der Geschichte verblieb. Dass es nun in zweiter Auflage mit seinem gesamten Umfeld umfassend dargestellt wird, zeugt nicht nur davon, dass man diesem Interesse nachgekommen ist. Die eingeflossenen Überarbeitungen zeigen auch die Fortschritte, welche die Forschung in den letzten Jahren vollbrachte.

 

Sollten LeserInnennachfrage und neue Forschungsergebnisse eine weitere überarbeitete Neuauflage notwendig machen, so wäre eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Bedeutung der NS-Euthanasie für die Entwicklung der „Endlösung der Judenfrage“, wie sie in den Beiträgen von Neugebauer und Schwanninger nur kurz angedeutet wird (S. 31, 204/5), v.a. hinsichtlich ihrer technischen und personellen Kontinuitäten wünschenswert, obwohl sie für eine spezifische Auseinandersetzung mit der Tötungsanstalt Hartheim nicht zwingend notwendig ist. Ebenfalls wünschenswert wäre eine breitere Auseinandersetzung mit der juristischen Strafverfolgung der TäterInnen nach 1945 und zur Reintegration derselben in die Nachkriegsgesellschaft, wofür der Beitrag von Brigitte Kepplinger zu Euthanasie-Gedenkstätten auch bereits einen Rahmen vorgibt (siehe S. 549 – 552). KoWa

 

 

 

Hans Safrian/Hans Witek: Und keiner war dabei. Dokumente des alltäglichen Antisemitismus in Wien 1938.

Picus Verlag Wien, 2008

 

Als das Buch „Und keiner war dabei. Dokumente des alltäglichen Antisemitismus in Wien 1938“ im „Gedenkjahr“ 1988 erschien, sorgte es sowohl in Österreich als auch international für mediales Aufsehen. Die in diesem Jahr verlegte erweiterte Neuauflage des mittlerweile als Standardwerk geltenden Buches beschreibt bisher wenig beachtete Aspekte antisemitischer Verfolgung, wie etwa die Rolle der Wiener Ministerialbürokratie bei der Entrechtung und Enteignung von WienerInnen jüdischer Herkunft.

 

„Und keiner war dabei“ zeigt anhand von Berichten von ZeigtzeugInnen, offiziellem Schriftverkehr, Verlautbarungen von NS Behörden und anderen Dokumenten, wie „offizieller“ und „privater“ Antisemitismus, „ordentlicher“ und „unordentlicher“ Terror Hand in Hand gingen - oder in Konkurrenz zueinander standen, etwa wenn das NS-Innenministerium den Gauleiter von Wien auffordert, etwas gegen die „wilden Arisierungen“ zu unternehmen, damit „die erforderlichen Maßnahmen (…) auf gesetzlicher Ebene getroffen werden“ können. Diese weitreichenden „Arisierungen“ von offizieller Seite durch die Einsetzung kommissarischer Verwalter werden anhand zahlreicher Dokumente analysiert. Ein weiteres Kapitel behandelt die Ereignisse um den 9. November 1938, auch hier zeugen Berichte von Opfern und Tätern von den Verstrickungen zwischen offiziellem Terror und persönlicher Bereicherung. Der Epilog des Buches schließlich thematisiert mit einem Eingangszitat aus Helmut Qualtingers „Herr Karl“ den Umgang Österreichs und der ÖsterreicherInnen mit dem zuvor Beschriebenen in der Zweiten Republik. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass „die meisten österreichischen NS-Täter, die ‚Arisierungs-Gewinnler‘ und jene, die ‚nur‘ die bedrohte Situation ihrer jüdischen Mitbürger ausgenutzt hatten“ mit geringen Strafen oder unbehelligt davongekommen seien. „Bei eventuellen Nachfragen hielt man sich, in Anlehnung an die offizielle Staatsdoktrin – an die bekannten drei Affen: Keiner hat’s gesehen, keiner hat etwas gehört. Und keiner war dabei.“ Peter Larndorfer

 

 

 

Klaus W. Tofahrn: Das Dritte Reich und der Holocaust.

Frankfurt am Main, Peter Lang GmbH., 2008.

 

Klaus W. Tofahrn ist 1946 geboren und derzeit Privatdozent an der Universität Bochum. Er stellt in seinem neuen Buch „Das Dritte Reich und der Holocaust“, das im Jahr 2008 im Verlag Peter Lang erschienen ist, gleich zu beginn die Frage nach der Relevanz eines neuen Buches über das Dritte Reich und den Holocaust. Es gibt ja bereits eine sehr breite Literatur über das Thema und dennoch „haftet [das 20. Jahrhundert] mit seinen Geschehnissen als historische Erinnerung sowohl in unserem sozialen als auch kollektiven und auch kulturellen Gedächtnis“. Außerdem, so der Autor, geht der Wissensstand bei Jugendlichen in Deutschland über den Nationalsozialismus und den Holocaust wieder zurück. Vor allem Jugendliche aus den „neuen“ Bundesländern Deutschlands weisen erschreckende Wissenslücken in diesem Bereich auf. Ein Grund für diese Entwicklung liegt auch in der Bildungsarbeit an den Schulen, so Tofahrn weiter. Und an diese Gruppe wendet er sich auch mit seinem Buch.

 

Der erste Teil des Buches gibt einen knappen Überblick über die Historiographie in Deutschland nach 1945 zum Thema „Drittes Reich“. Diesem folgen Berichte von fünf Holocaust-Überlebenden. Sie berichten über ihr Leiden in Deutschland und geben so ein bedrückendes Zeugnis. Die kurzen Biographien von wichtigen Persönlichkeiten zur Zeit der Shoa werden (leider nur teilweise) durch Literaturhinweise ergänzt, die es ermöglichen sich weiter zu gewissen Persönlichkeiten und Themen zu vertiefen. Alles in allem ein Werk, das es dem/der LeserIn ermöglicht, einen ersten Einstieg in die Geschichte des Holocaust zu erhalten, das über viele Literaturhinweise eine weitere Auseinandersetzung mit der Thematik ermöglicht. Martin Schmidt leistete 2007/08 Gedenkdienst am Jüdischen Historischen Institut in Warschau