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Ausgabe 1/09


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„Jews don’t fight!“?

Edward Zwick’s „Defiance“ bringt den Widerstandskampf der jüdischen BielskipartisanInnen auf unsere Kinoleinwände

 

Jeder meiner Vorgänger wird mir sicherlich bestätigen, dass Langeweile ein Ausdruck ist, der dem Gedenkdiener am London Jewish Cultural Centre (LJCC) fremd ist. Abgesehen von der anspruchsvollen Aufgabe der Leitung des "Speaker Programme" - das Besuche von Holocaust-Überlebenden an Schulen organisiert - helfe ich dabei, Projekte zu planen und Veranstaltungen zu betreuen. Ist der Arbeitstag einmal zu Ende, hält London noch ungeahnte Möglichkeiten und Aufgaben bereit, die von einer Vielzahl an kulturellen Ereignissen bis zu der wartenden Bügelwäsche zu Hause reichen.

 

Doch das für mich Wertvollste an meiner Aufgabe hier ist der persönliche Kontakt mit den ZeitzeugInnen unseres Programms. Diese beeindruckenden, aufrechten und liebenswerten Persönlichkeiten sind dabei, mich und meine Sicht des Lebens zu prägen. Einer von ihnen ist Jack Kagan, der aus dem weißrussischen "Shtetl" Novogrodek stammt. Mit der Ankunft der Nazis wurde die dort ansässige 6.000-köpfige jüdische Gemeinde, der Jack angehörte, auf einen Schlag auf 900 dezimiert und diese Verbleibenden in ein Ghetto gepfercht. Obwohl die Lebensumstände schrecklich und grausam waren, gelang es einigen Gefangenen, durch einen selbstgegrabenen, über 150 Meter langen Tunnel zu entkommen. Mit seiner so gewonnenen Freiheit stiess Jack zu einer PartisanInnengruppe. Diese befand sich unter der Leitung der Brüder Tuvia, Asael und Zus Bielski, die in den weitläufigen umliegenden Wäldern ein komplexes Netzwerk für jüdische Flüchtlinge aufgebaut hatten und sich auch an Kampfhandlungen gegen Nazideutschland und seine Kollaborateure beteiligten.

 

Im September 2007 begann Regisseur Edward Zwick die Geschichte der Bielski Gruppe zu verfilmen. Die Produzenten zogen Jack als Berater zu den Planungen hinzu. Dieser konnte daher nach Fertigstellung des Films seine Kontakte nutzen um uns mit den Organisatoren der Europapremiere in London bekannt zu machen. Diese zeigten sich sehr interessiert an der Arbeit des LJCC in Bezug auf „Holocaust and Anti-Racism Education“ und stellten uns ein "private screening" vor dem offiziellen Filmstart, so wie eine Handvoll Tickets zur tatsächlichen Premiere zur Verfügung, um mit den erworbenen Einnahmen und dem Verkauf der Premierentickets unsere Tätigkeit zu unterstützen.

 

Am Tag der Premiere nahm die für mich ohnehin schon spannende Geschichte eine neue Wendung, als uns zwei der verkauften Tickets wieder zurückgegeben wurden und die Chefin des LJCC diese an meine Kollegin Rachel und mich weiterschenkte. Nach der Arbeit verwandelten wir mein kleines Zimmer in einen "dressing room" und schon bald standen Rachel - in einem umwerfenden Cocktaildress - und ich am roten Teppich des Londoner Leicester Square und schüttelten Jack die Hand, obwohl dieser alle beide voll damit zu tun hatte, Fernsehkanälen Interviews zu geben.

 

Die Handlung in „Defiance“ setzt 1941 ein, als die Familien der Bielski Brüder (gespielt von Daniel Craig,  Liev Schreiber und Jamie Bell) von lokalen Kollaborateuren der deutschen Besatzer ermordet werden. Nach einer Flucht in die Wälder errichten sie dort einen geheimen Zufluchtsort für ebenfalls geflüchtete Juden und gehen durch viele Gefahren um deren und ihr eigenes Leben zu retten. Zwangsläufig wird „Defiance“ so zu einem Film mit vielen Tempowechseln, der sich zwischen Actionszenen und der inneren Darstellung der Vorgänge in der PartisanInnengruppe bewegt. Mit einer Mischung aus Action, Dramatik und alltäglichen Szenen bringt er sowohl den Widerstand mit Waffen, als auch den psychischen Widerstand und den Kampf um innere Stärke und Durchhaltevermögen in den Wäldern ins Bewusstsein des Publikums. Obgleich „Defiance“ die Bielskibrüder als Helden darstellt, vergisst Regisseur Zwick nicht darauf, auch ihre menschlichen Seiten zu charakterisieren: Verzweiflung, Uneinigkeit und Angst wechseln sich mit Mut, Tapferkeit und Entschlossenheit ab. Eine besondere Note erfährt der Film dadurch, dass der Wald als Spiegel der Eindrücke und Stimmungen der Menschen verwendet wird. Die gelungene Kameraführung arbeitet dabei allgemein mit vielen Nahaufnahmen und geht auch manchmal ins epochal-biblische. So erinnert die Flucht der PartisanInnen durch einen Sumpf fast ein wenig an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Abgerundet wird das Ganze durch einen Soundtrack von James Newton Howard.

 

Auch wenn sich die Charakteristika typischer Hollywoodstreifen in „Defiance“ wiederfinden - natürlich darf auch etwas Romantik dabei nicht fehlen – so ist es Zwick doch gelungen, manche sensible Themen in seinem Film zumindest anzureißen. So erklärt etwa ein Offizier der benachbarten sowjetischen PartisanInnen: „Jews don’t fight“. Gegen dieses Vorurteil kämpft Zwick mit seinem Film an. Und gerade angesichts der Verfolgung, der sich jüdische PartisanInnen heute v.a. in Litauen gegenübersehen, tut er gut daran, der breiten Öffentlichkeit in Erinnerung zu rufen, in welcher Situation sich diese damals befanden.

 

Der erwähnte Offiziersausspruch ruft aber auch die Reserviertheit der sowjetischen PartisanInnen gegenüber ihren jüdischen Verbündeten in Erinnerung. Zwar kommt es zu Hilfeleistungen gegenüber diesen, gleichzeitig werden aber auch antisemitische Einstellungen innerhalb der sowjetischen PartisanInnen dargestellt.

 

Wer sich auf herkömmliche Kinoberieselung freut, ist hier sicher fehl am Platz und auch das Popcorn blieb während der Premiere ob der Thematik Großteils unberührt. Der Film hinterlässt einen tiefen Eindruck, das Leben in den Wäldern, die Härte des Winters und die persönlichen Konflikte berühren tief, obwohl ich mich anfänglich auf den einstudierten weißrussischen Akzent der Schauspieler einstellen musste. Nicht nur ich fand den Film sehenswert – auch Jack zeigte sich sehr zufrieden. Ihn zu kennen, ließ mich den Film mit anderen Augen sehen. Er war Teil dieser Widerstandsgruppe und so konnte auch er den Film in einem anderen Licht sehen: mit der Gewissheit, dass man sich durch diesen Film mehr als zuvor an ihren antifaschistischen Kampf erinnern wird.

 

Philipp Engel

leistet Gedenkdienst am London Jewish Cultural Centre