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Ausgabe 1/09


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Was gibt’s an Politik zu lernen?

In der deutschen Diskussion der Rolle der politischen Bildung als Unterreichsfach, die - wenig verwunderlich – eine Art Maßstab für die österreichische bildet, wird zumeist über die Abgrenzung des Faches zu anderen Disziplinen gestritten. Meint politische Bildung die Ausbildung von StaatsbürgerInnen im Sinne von Institutionenkunde? Oder zielt sie auf Verhalten, Denkweisen und demokratische Normen des Einzelnen ab? Schon Adorno weist in seinem Vortrag „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?“ darauf hin, dass Demokratie nicht einfach eines unter verschiedenen Regierungssystemen ist, das man nach Belieben wählen kann, sondern dass sie substanziell vom Verhalten des Einzelnen abhängt.

 

So kann man die „Trennung“ der politischen Bildung von anderen Lerngegenständen schon vom Inhalt her kritisieren: Auf der Suche nach „ewigen Eigentümlichkeiten“ der deutschen Kultur und in weitblickender Besorgnis um ihren genetischen Erhalt finden sich bei Fichte[1] und im deutschen Idealismus Verknüpfungen von völkischem Gedankengut und kulturellen Hoheitsansprüchen. In diesem Fall ist es also die Literaturgeschichte, die uns zeitweilen den Weg zu einem Bewusstsein ebnet, das sich einerseits mit menschenrechtlichen Ansprüchen auseinandersetzen muss und andererseits auf den poetischen Grundlagen eines Nationalkollektivs stolziert.

 

Es formulieren sich, je nach Zielsetzung, unterschiedliche Ansprüche an sämtliche Lernfächer. Die sogenannte „Demokratieerziehung“ ist ein neueres Konzept, das auf die ultimative Verankerung von demokratischen Werten in allen Lebensbereichen und somit besonders im Schulalltag setzt. Im „Magdeburger Manifest“ der deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik[2] von 2005 zählt die Perspektive des Einzelnen als Maßstab: „Politisch wie pädagogisch beruht der demokratische Weg auf dem entschiedenen und gemeinsam geteilten Willen, alle Betroffenen einzubeziehen (Inklusion und Partizipation), eine abwägende, am Prinzip der Gerechtigkeit orientierte Entscheidungspraxis zu ermöglichen (Deliberation), Mittel zweckdienlich und sparsam einzusetzen (Effizienz), Öffentlichkeit herzustellen (Transparenz) und eine kritische Prüfung des Handelns und der Institutionen nach Maßstäben von Recht und Moral zu sichern (Legitimität)“. Was hier zwar nach einem einleuchtenden aber theoretischen Wertekatalog klingt, hat durchaus große Auswirkungen auf den Schulunterricht. Denn nicht nur die Inhalte, sondern vor allem auch die Form des Unterrichts - und zwar jeder pädagogischer Situation - müsste sich diesen Prinzipien unterordnen.

 

Dass damit der konkrete Unterrichtsstil von LehrerInnen in der Kritik steht und dementsprechend der Widerstand gegen solche Ideen, solange sie nicht nur als Formalitäten gehandhabt werden, groß sein wird, lässt sich ausrechnen. Auch im neueren „Grunderlass politische Bildung“ des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur und im Lehrplan für das ab Herbst 2008 an AHS eingeführte Pflichtfach „Politische Bildung“ finden sich starke Bezüge zum demokratiepädagogischen Ansatz.[3]

 

Da auch LehrerInnen sich nicht von einem Tag auf den anderen neu erschaffen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses neue Fach von Inhalten der ökonomischen Bildung und von Inhalten der Geschichte überlagert wird, sehr groß. Ist aber politische Bildung ein Gegenstand, der sich ohne weiteres zu anderen „hinzuaddieren“ lässt? Aus einer Perspektive der Erziehung über den Nationalsozialismus und den Holocaust muss das verneint werden. Der nationalsozialistische Totalitarismus führt uns die Politisierung aller Lebensbereiche vor Augen – zum Beispiel einen gleichgeschalteten Wissenschaftsbetrieb, der den Begriff der Wahrheit selbst ad absurdum führt. Die Forderung einer „Erziehung zur Mündigkeit“ lautet deshalb vor allem auch: Erziehung zur Kritikfähigkeit. Und solche Kritik kann nicht vor Fächergrenzen stehenbleiben.

 

Till Hilmar

leistete 2007/8 Gedenkdienst an der Jugendbegegnungsstädte Terezín und leitet das Projekt „Erinnerungsorte Erschließen“

 


[1] J. G. Fichte: Was ein Volk sei in der höheren Bedeutung des Worts und was Vaterlandsliebe. Die achte der Reden an die deutsche Nation. 1808. In: Deutsche Reden und Rufe, München 1961, S. 43f.

[2] Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik: www.degede.de

[3] Zu finden unter www.politik-lernen.at