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Ausgabe 1/09


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Antirassistische Arbeit als Privileg?

Den Schrecken zum Anlass nehmen – das hätte nach den Vorkommnissen der letzten Monate die Motivation sein können, wegen der sich Anfang Februar in den „Gedenkdienst“-Räumlichkeiten eine interessante Runde einfand, um anti-rassistische und anti-faschistische Arbeit im Bereich von Lehrlingen und BerufsschülerInnen zu diskutieren.

  

Die geladenen Gäste konnten auch einige Erfahrung in diesem Bereich vorweisen. Bernhard Stoik ist Bildungsreferent der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GdG) und deren vormaliger Jugendreferent. Als sein Nachfolger in letzerer Funktion nahm Robert Okenka an der Diskussion teil und erörterte die verschiedenen Bereiche, in denen die GdG in anti-rassistischer Jugendarbeit aktiv ist: Über Plakate, Sticker und T-Shirts werden Slogans und Kampagnen transportiert; es finden regelmäßig Seminare und Workshops zu dem Themenkreis statt, der damit natürlich auch bei Sitzungen ein Thema ist. Auch Fahrten zu den jährlichen Gedenkfeiern in Mauthausen sowie Studienfahrten, z.B. nach Auschwitz bietet die GdG an. Klarerweise sei man dabei auch oft mit heiklen Situationen konfrontiert. Okenka: „Wir hatten einmal einen Kollegen, der eher der rechten Szene zuzuordnen war. Wir haben dann Gespräche mit ihm geführt und ihn zu Seminaren und Studienreisen mitgenommen, was auch Erfolge gezeigt und einen Umdenkprozess ausgelöst hat.“ Leider sei das nicht immer möglich, so Stoik: „Wir hatten einmal mehrere Berufsschüler, die am Hitler-Geburtstag mit einschlägigen Fahnen in der Berufsschule aufgetaucht sind. Da muss man sich überlegen, wie sinnvoll es hier ist, zu diskutieren. Es geht ja nicht um Frontaldiskussionen, sondern in erster Linie um Bewusstseinsbildung.“ Dazu würden auch Kooperationen mit Dienstgebern angestrebt: „Es gibt bei der Gemeinde Wien in einer Berufsschule zum Beispiel einen einzigartigen Schulversuch, der nennt sich ‚Interkultureller Austausch‘. Die Berufsschüler müssen sich zwischen mehreren Ausbildungsmodulen entscheiden und das ist eben eines davon.“ Es sei aber zuwenig, das nur in einer Schule zu tun, auch wenn man damit zumindest 150 SchülerInnen erreiche. „Wir versuchen aber, das über die Gewerkschaftsjugend auch in anderen Schulen zu forcieren, weil wir festgestellt haben, dass es von den Schülern gut aufgenommen wird.“

 

 

„Ein Betriebsrat hat zur Zeit andere Sorgen“

 

 

Die Frage, ob sich die antirassistische Arbeit in der Gewerkschaftsjugend gegenüber früheren Jahren geändert habe, verneinte der dritte geladene Gesprächsteilnehmer, Willi Mernyi, der im Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) das Kampagnenreferat leitet und auch Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich (MKÖ) ist. Ein Problem sei die traditionelle Herangehensweise an das Thema – es stelle meist ein Jugendthema dar. „Ich würde mir das Engagement der Jugend auch bei den Erwachsenen wünschen.“ Wieso das bei letzeren weniger der Fall wäre? „Ein Betriebsrat hat zur Zeit andere Sorgen – Kurzarbeit, Sozialpläne etc. Das Problem ist, dass es nie der ‚richtige‘ Zeitpunkt ist für diese Themen, dass sie ständig auf die lange Bank geschoben werden.“

 

Auf die Frage, ob sich anti-rassistische Bewusstseinsbildung nicht mit konkreten Problemen der Arbeitswelt verknüpfen lasse und ob es dafür konkrete Beispiele gäbe, nannte Bernhard Stoik zunächst ein Negativbeispiel: „Wir wollten in einem größeren Betrieb einen Betriebsrat gründen. Da viele KollegInnen mit Migrationshintergrund in dem Betrieb arbeiten haben wir natürlich versucht, die auch auf die Liste zu bringen. Und wie wir mit der Wahlwerbung durch den Betrieb gehen und zu einem serbischen Kollegen kommen, sagt der: ‚Wie soll mich der Türke vertreten?‘“

 

Willi Mernyi vertrat eher die Meinung, sich dem Problem rassistischer Vorurteile über die gesellschaftspolitische Schiene, über die Migrationsfrage anzunähern. Es seien in diesem Bereich einige Dinge passiert, die er „nicht für gescheit“ halte. „Man hat sich dabei vielen Fragen, die im Raum standen, nicht gestellt und sie nicht thematisiert.“ Stoik konnte dies an einem Beispiel festmachen: „Es kann ja nicht sein, dass man das Problem der Ghettoisierung in den Gemeindebauten anspricht und SPÖ-Funktionäre diese Diskussion vom Tisch wischen und meinen, sie wollen jetzt das Wort ‚Ghetto‘ nicht mehr hören, weil es gäbe in Wien keine Ghettos. Wenn die Leute das als Problem wahrnehmen, dann ist es ein Problem! Ob das von Parteifunktionären so gesehen wird oder nicht, ist eine vollkommen andere Frage.“

 

Antirassistische Projekte - nicht für alle

 

In Bezug auf die – zumindest gefühlte – Ghettoisierung im Gemeindebau ließe sich auch anwenden, was Willi Mernyi in anderem Zusammenhang sagte: „Das, was die Leute aufregt sind ja in erster Linie nicht die MigrantInnen. Das Problem ist, dass ihre Kinder mit 30 anderen Schülern, wovon die Hälfte MigrantInnen sind, in der Klasse sitzen, während andere Kinder das nicht tun müssen. Und so sehen sie jeden Tag ihren Platz in der Gesellschaft. Und das reibt sie auf und es ist schwer, da mit rationalen Argumenten ranzukommen. Man darf aber aus anti-rassistischer Perspektive nicht den Fehler machen, diese Menschen, die – zugegebenermaßen ungeschickt und nicht ganz intelligent – ihre Ängste artikulieren, als ‚Rassisten‘ oder ‚Faschisten‘ zu beschimpfen.“ Dass es gerade an jenen Schulen, wo dieser soziale Sprengstoff vorhanden wäre, kaum Mittel und Möglichkeiten für anti-rassistische Projekte gäbe, verschärft das Problem. Mernyi: „Mein Sohn hatte im Kindergarten einen besten Freund. Mein Sohn ist dann in eine Mehrstufenklasse gekommen. Lauter alternative, anti-faschistische Lehrer. Anti-Diskriminierungsprojekte, Workshops, keine Noten, alle ‚per Du‘ - eine Super-Schule. Wie viele Türken waren in dieser Schule? Keine. Es war nämlich eine Ganztagesschule, wo nur Kids hindürfen, von denen beide Elternteile berufstätig sind, was bei vielen türkischen Familien nicht der Fall ist. Das hat aber geheißen, dass in der Nebenschule der Anteil türkischer Kinder 80 % war. Dort war auch der beste Kindergartenfreund meines Sohnes. Die haben natürlich keine anti-rassistischen Projekte gehabt. Die waren halt nicht in Mauthausen. Das sind dann aber eher die Leute, die auf den Lehrstellenmarkt kommen.“

 

 

„Wie soll ich über den Nationalsozialismus reden, wenn die nicht einmal den Herbert Prohaska kennen?“

 

 

Auch von diesem Lehrstellenmarkt hatte Mernyi eine Anekdote parat: „Wir haben einmal einen Kabarettisten an einer Berufsschule gehabt und der fragt die Lehrlinge: ‚Warum habt ihr so eine Angst? Warum fürchtet ihr euch vor den Anderen? Habt ihr kein Selbstvertrauen?‘ Und daraufhin sagt ihm ein Kochlehrling: ‚Du brauchst eh ka Angst haben vorm spanischen Kabarettisten, weil den versteht ma ned.‘ In dem Bereich ist der Verdrängungswettbewerb einfach spürbarer. Und dass man dort besser zündeln kann ist auch klar.“

 

Es sei schwierig, mit den klassischen anti-rassistische und anti-faschistischen Ansätzen dort einen Ansatzpunkt zu finden. Mernyi: „Da erzählt mir zum Beispiel der Vorsitzende von einem Austria-Fanclub: ‚Was soll ich mit meine Buam über den Nationalsozialismus diskutieren? Die wissen ja nicht einmal wer der Herbert Prohaska ist!‘ Ist klar, worauf ich hinauswill? Wie soll man in einem Milieu, das kaum ein Geschichtsverständnis hat, herkommen und über Lehren aus dem Nationalsozialismus diskutieren? Meine Frau macht Bewerbungstrainings für Jugendliche im letzten Jahr der Pflichtschule. Auf die Frage ‚Was ist die Staatsform von Österreich?‘ wissen 80 % keine Antwort, aber viele sagen ‚Gitarre‘.“ Daher warf Mernyi auch die Frage auf, ob es überhaupt sinnvoll sei, mit Lehrlingen für anti-rassistische Bildung und Diskriminierungsfragen überhaupt den Umweg über den Nationalsozialismus zu nehmen. „Wenn 30 Leute aus einer Hauptschule nach Mauthausen fahren, sind davon vielleicht 15 nicht aus Österreich und haben von ihrer Herkunft her keine Verbindung zu Mauthausen. Wenn die dann eine 08/15-Führung hören, die aufhört mit: ‚Und dann kam der 8. Mai und dann wurden wir befreit‘ – das geht an deren Lebensrealität sowas von vorbei.“

 

Ehemalige Gedenkdienstleistende hielten dem entgegen, dass heutige Fragen aufgrund von Kontinuitäten in der österreichischen Politik nicht losgelöst von der Zeit des Nationalsozialismus betrachtet werden könnten. Aus eigener Erfahrung wurde berichtet, dass es beispielsweise am US Holocaust Memorial Museum durchaus möglich sei, Jugendlichen, die vom Zweiten Weltkrieg nicht viel mehr wüssten, als das, was sie im Film „Pearl Harbor“ gesehen hätten, zum Nachdenken anzuregen. Es gehe v.a. um die Frage, wie man das Thema vermittle. Dem pflichtete Bernhard Stoik mit einem Beispiel bei: „Wir haben einmal versucht, nur mit Gruppen nach Auschwitz zu fahren, bei denen sich aufgrund ihrer Arbeitsrealität ein Bezug zum Thema herstellen ließ. Zum Beispiel mit KrankenpflegerInnen, die 18 Jahre und älter sind. Da haben wir den Schwerpunkt eben auf medizinische Versuche gelegt. Das sind dann vollkommen andere Zugänge und andere Betroffenheiten.“ Willi Mernyi fügte dem hinzu, dass es notwendig sei, auch alternative Möglichkeiten aufzuzeigen, die Frage zu stellen, wie es anders gehe.

 

Ein ehemaliger Gedenkdiener in Yad Vashem warf in diesem Kontext die Frage auf, ob viele Gedenkveranstaltungen nicht eine Auseinandersetzung mit dem Thema verunmöglichen, da sie darauf ausgerichtet seinen, dass ein Opferbild vermittelt werde und man im Anschluss traurig sein müsse und das wäre es dann. „Ich möchte das nicht in Abrede stellen, aber ich denke schon, dass man darüber hinausgehen muss.“

 

 

Für eine kurze Nachdenkpause sorgte die Frage, ob man als GewerkschafterIn mehr Verantwortung oder Anreiz habe, sich mit dem Thema „Drittes Reich“ zu beschäftigen, als jedeR andere österreichische StaatsbürgerIn.

 

Für Willi Mernyi habe man schon mehr Verantwortung, weil man ja als GewerkschafterIn wissen müsse, wohin das geführt habe. „Vor dem ‚Anschluss‘ hat es ja in Österreich keinen einheitlichen Gewerkschaftsbund gegeben, sondern drei Richtungsgewerkschaften – Sozialdemokraten, Kommunisten und Christliche. Die waren sich in ihrer politischen Strategie und Taktik wie sie auf den ‚Anschluss‘ reagieren sollen natürlich nicht einig. Wo sie dann wieder vereint waren, das war in Mauthausen, in Dachau. Als Gewerkschafter muss ma das checken, sehen, wer als erstes dran war.“ Für Robert Okenka hat sich diese Frage so noch nie gestellt: „Ich mache das einfach aus meiner gewerkschaftlichen Überzeugung heraus. Für viele gehört das zur gewerkschaftlichen Arbeit und Bildung dazu.“ Darin liege laut Mernyi auch Potenzial: „Das Thema ist an sich interessant. Ich mein, auch in der Wirtschaftskrise haben etwa Themen wie jene von Attac nicht den massenmäßigen Zulauf. Es gibt aber viele Jugendliche, die sagen: ‚Gegen Faschismus und Rassismus, da möchte ich mich engagieren.‘“ Dazu Stoik: „Die Frage ist, ob das nicht auch mit einer Radikalisierung auf beiden Seiten zu tun hat. Der Zulauf auf rechter Seite in den letzten Jahren hat meiner Meinung dazu geführt, dass glücklicherweise auch mehr Leute dagegen aktiv werden wollen.“

  

Wo bleibt die Mitte?

  

Das führte unter künftigen und ehemaligen Gedenkdienern zur Frage, ob ein ‚gemäßigtes Vorgehen‘ von der Mitte nicht effektiver im Kampf gegen die Rechte wäre als jenes der ‚radikalen Linken‘. Hierauf wiederum analysierten die geladenen Diskussionsteilnehmer paradoxerweise, aber auch schwer von der Hand zu weisen, dass es in Österreich zum einen keine ernst zu nehmende ‚radikale Linke‘ gäbe, dass sich aber auch die Mitte kaum bewege, wenn es um Antifaschismus und Antirassismus gehe. Mernyi: „Ich frage mich oft: ‚Wo ist der Aufschrei?‘ Was machen etwa österreichische Kirchenvertreter, wenn der Bischof Williamson den Holocaust leugnet? Mir geht’s nicht um den Herrn Graf, mir geht’s um die ÖVPler die ihn gewählt haben und die Sozialdemokraten. Das macht mich fertig!“

 

Abschließende Einigkeit herrschte freilich darin, dass das Thema mit der abendlichen Diskussion nicht erschöpft ist. Stoik: „Das ist ein langfristiger Prozess, der über verschiedene Projekte laufen muss. Wir können ja nicht in die Berufsschulen reingehen und so tun, als wäre von heute an alles anders.“ Mernyi: „Wir können ja heute auch nicht zu einem Lehrling hingehen und sagen: ‚Du bist nicht sozial benachteiligt.‘ Er ist es und er weiß es. Und wir müssen ihm nicht nur eine Perspektive aufzeigen, wir müssen sie ihm auch ermöglichen. Ich glaube, dass das eine unserer Antworten sein muss.“

  

KoWa