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Ausgabe 2/09


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Von Kondensatoren, Spulen und Widerständen

Seit April 2009 läuft die vom Verein Gedenkdienst organisierte Ausbildung für zukünftige StudienfahrtenbegleiterInnen - auch „Guides“ genannt. Hier im Schnelldurchlauf eine erste Zusammenfassung.

 

 

„Ich habe eine Platine aus meinem alten DVD Player mitgebracht“, sage ich bei der Kennenlernrunde. „Auf der einen Seite ist sie voll von vereinzelten Lötspuren, die auf den ersten Blick nicht mehr als ein hübsches Muster ergeben. Erst über die elektronischen Kleinteile auf der Rückseite tut sich ein Verbindungsnetz hinter den Punkten auf.“ Lange habe ich im Vorfeld überlegt, welchen Gegenstand ich mitbringen soll; war die Aufforderung der OrganisatorInnen doch etwas auszuwählen, das den eigenen Bezug zu Holocaust, Nationalsozialismus und Geschichtsdidaktik widerspiegeln soll. „Die kleinen Erhebungen stehen für das, was von Vergangenheit heute noch übrig ist. Will ich sie verstehen, muss ich mir auch das, was darunter liegt, anschauen. Will ich damit arbeiten, muss ich mir einen Weg durch Kondensatoren, Spulen und Widerstände bahnen.“

 

Verschiedenste Antworten auf die Frage, warum an einem Lehrgang teilnehmen, der eineN im Umgang mit Gruppen auf Reisen zu (Holocaust-)Gedenkstätten firm machen soll, folgen. Laut Plan wird diese Ausbildung in fünf Wochenendseminaren und eigenständiger Gruppenarbeit bis Mitte Oktober abgeschlossen sein. Der nächste Tag lässt die Dimensionen dieser Unternehmung ein erstes Mal erahnen. Mit „Gedenkdienst“-Obmann Florian Wenninger entbrennt eine Diskussion um die Themen „Erinnern“ und „Gedenken“. Erste Grundsatzfragen tun sich auf. Und trotzdem steht fest: Alle Anwesenden haben Lust auf gegenwartsbezogene politische Arbeit und wollen sich derselben nun über diesen Weg nähern.

 

Eine Woche später geht es dann raus aus Wien. Klassenfahrtstimmung kommt auf, als wir alle gemeinsam im Zug Richtung Ulmerfeld (Niederösterreich) sitzen. Die nächsten zwei Tage sind voll mit Programm. Gruppendynamik steht angeleitet von Kommunikationshistoriker Gert Dressel im Zentrum des Samstags. Wir können uns selbst in nachgespielten Situationen erproben, andere beim erinnernden Erzählen beobachten und bekommen einen Einblick in das weite Universum der didaktischen Möglichkeiten. Selbstreflexion ist hier das Schlagwort der Stunde; und weist so nicht das erste Mal über die engen zeitlichen Grenzen der gemeinsamen Arbeit hinaus. Mir wird klar: Das wird alles mehr Raum in Anspruch nehmen, als es der Blick auf den Ausbildungsplan vermuten hat lassen. Ein Workshop zu Rechtsextremismus und Neonazismus mit Friedemann Bringt vom Kulturbüro Sachsen eröffnet den nächsten Seminartag. Am Nachmittag steht dann der bislang heikelste Punkt an: Je nach Destinationswunsch sollen sich Interessensgruppen für die zukünftige gemeinsame Arbeit finden. Mit der NS-Geschichte welchen Landes mag ich mich denn nun am liebsten beschäftigen? Schon während ich die Frage so für mich formuliere, kommt sie mir absurd vor. Ich bin überfordert, kann mich nicht entscheiden und bleibe so zwischen Deutschland und Polen hängen.

 

Aber auch rund um Italien, Rumänien, Serbien, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ukraine und, ja, Kärnten haben sich Gruppen gefunden, die sich seither selbstorganisiert Gedanken dazu machen, wie denn ihrer Vorstellung nach eine Studienfahrt dorthin auszusehen hätte. In kleinen Schritten geht es in diesen Formationen darum, die Ziele auf eine Handvoll Orte einzuschränken und sich weiters Überlegungen dazu zu machen, was genau man dort eigentlich vermitteln will und kann. Ein riesiges Potenzial tut sich plötzlich für mich auf. Mich motiviert die Arbeit mit all diesen engagierten Menschen, denn endlich habe ich einen konkreten realen Anknüpfungspunkt gefunden, der in meiner vielleicht naiven Sichtweise etwas in der österreichischen Vergangenheitspolitik verändern kann. Ich bin gespannt wie es weiter geht.

 

Angela Tiefenthaler

begleitet ab nun Studienfahrten des Vereins „Gedenkdienst“