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Ausgabe 2/09


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Immer auf der Seite der Frauen

Die Lagergemeinschaft Ravensbrück: Zur Geschichte einer einzigartigen Frauenorganisation

 

 

Die „Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück (und FreundInnen)“ ist eine Organisation von Überlebenden des Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und existiert seit 1947. Seit rund zehn Jahren sind auch jüngere Frauen aus den nachfolgenden Generationen in der Lagergemeinschaft aktiv, versuchen die „Ravensbrückerinnen“ bei ihrer Arbeit zu unterstützen und ihr Vermächtnis weiterzutragen.

 

„... den Lebenden zur Mahnung“

 

Der Grundstein für die „Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück“ (ÖLGR) wurde vermutlich schon im Frauen-KZ Ravensbrück gelegt. Basis der Organisation nach der Befreiung war die Solidarität unter den Frauen und der illegale Widerstand im Konzentrationslager selbst. Ziel der ehemals politisch verfolgten Frauen, die die Lagergemeinschaft gründeten, war es, Überparteilichkeit, Solidarität, Hilfe und das Andenken an die Opfer hochzuhalten, wie es die Ravensbrück-Überlebende Irma Trksak einmal formulierte. Die Maxime lautete, weiterhin gemeinsam – ungeachtet der weltanschaulichen Differenzen – gegen den Faschismus in all seinen Formen anzukämpfen.

 

Angesichts der Dokumente, die aus dem Gründungsjahr noch vorhanden sind, lassen sich drei wesentliche Motive für die Gründung der Lagergemeinschaft feststellen, die in den folgenden Jahrzehnten im Zentrum der Arbeit der ÖLGR stehen sollten:

 

Insbesondere wollten die Frauen der Lagergemeinschaft die Öffentlichkeit und vor allem die Jugend über die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur, aber auch über die Rolle der Frauen im Kampf um ein freies Österreich aufklären. Als ein Beispiel unter vielen möchten wir hier die von der ÖLGR konzipierte und betreute Ausstellung „Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung“ nennen, die von 1960 bis 1965 durch Österreich wanderte und von rund 130.000 Personen, vor allem von Jugendlichen, besucht wurde.

 

Zum zweiten sollte die ÖLGR eine Solidargemeinschaft bilden, die als Anlaufstelle und Fürsprecherin für die Anliegen der Ravensbrück-Überlebenden fungiert und in der sich Frauen über ihre spezifischen Erfahrungen sowie Probleme austauschen können. Durch die Etablierung monatlicher Zusammenkünfte, die bis heute stattfinden, konnte dafür ein geeigneter Rahmen geschaffen werden. Einen wichtigen Stellenwert über all die Jahre hinweg hatte auch das Erinnern und Gedenken an die ermordeten Kameradinnen, v.a. anlässlich der jährlichen Befreiungsfeiern in Ravensbrück.

 

Zum dritten sind die frauenpolitischen Beweggründe unübersehbar. Gefordert wurde nicht nur die Anerkennung der Leistungen der Widerstandskämpferinnen, sondern auch eine entsprechende Berücksichtigung dieser Frauen in wichtigen politischen Ämtern und allgemein bei der Postenvergabe.

 

Zudem musste die ÖLGR immer wieder darauf verweisen, wie stark Verleugnung und Geschichtsverzerrung in Österreich dominierten. Die „Ravensbrückerinnen“ sahen von Seiten der politischen MachthaberInnen wenige Bemühungen, dem entgegenzutreten, was sie in zahlreichen Resolutionen und Protestschreiben regelmäßig zum Ausdruck brachten und einforderten. Neben Forderungen nach einer Reform des Zeitgeschichteunterrichts protestierten die sie immer wieder gegen neonazistische, rechtsextremistische, antisemitische und rassistische Entwicklungen und Vereinigungen.

 

Bemerkenswert ist, dass es die Überlebenden des KZ Ravensbrück waren, die als erste in Österreich eine Lagergemeinschaft gründeten und damit auch eine Vorbildwirkung für andere ehemalige KZ-Häftlinge hatten.

 

Mitte der 90er Jahre hat sich die ÖLGR entschlossen, Frauen der nächsten Generationen aufzunehmen, um mit ihnen gemeinsam die Erinnerung an das Frauen-KZ hochzuhalten und auch, um Erbinnen für ihre Geschichte und ihr Engagement heranzuziehen. Gezielt besuchten sie antifaschistische und feministische Veranstaltungen und warben interessierte Frauen an. Und sie formulierten klare Wünsche: zuallererst, Ravensbrück in Österreich zum Begriff zu machen – und zwar für eine neue Generation von Jugendlichen. Es bildete sich über die Jahre hinweg eine Gruppe jüngerer Frauen in teilweise fluktuierender Besetzung, die aber bemerkenswerterweise bis heute immer wieder neue Frauen anspricht. Daraus entstand ein Projektnetzwerk, das wissenschaftliche Arbeiten mit Film- und Ausstellungsprojekten verband.

 

Nachdem es mittlerweile leider nur noch eine Handvoll aktiver „Ravensbrückerinnen“ gibt, die gesund genug sind, zu den monatlichen Treffen zu kommen und da nur noch die wenigsten von ihnen imstande sind, in Schulen und bei Veranstaltungen zu sprechen, beschlossen sie 2005, die Lagergemeinschaft in dieser Form aufzulösen und gemeinsam mit uns einen neuen Verein zu gründen, in dem wir die Verantwortung zumindest formal ganz allein übernahmen. Der neue Verein heißt Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen (ÖLGRF).

 

„... aber immer auf der Seite der Frauen“

 

Dass es sich bei der ÖLGR um eine Frauenorganisation handelt, war für uns jüngere Frauen Ansatzpunkt für viele Fragen, z.B. nach geschlechtsspezifischer NS-Verfolgung oder nach frauenspezifischen Aspekten des (Über-)Lebens im KZ. Viele – aber nicht alle – jüngeren Frauen bezeichnen sich selbst als Feministinnen, während das bei den „Ravensbrückerinnen“ nur die wenigsten von sich sagen. „Ich würde mich zwar nicht als Feministin bezeichnen – aber immer auf der Seite der Frauen!“, drückte es die Überlebende Irma Trksak einmal aus. Vielleicht geht es hier ja nur um eine Frage des Sprachgebrauchs zwischen verschiedenen Generationen...

 

Bei der Betrachtung der Geschichte der ÖLGR fällt aber sehr wohl ein deutlicher Fokus auf, der nicht zuletzt der gesellschaftlichen Abwertung weiblichen Widerstands geschuldet war. So positionierten sich die „Ravensbrückerinnen“ im Rahmen der Gründungsfeier der ÖLGR als couragierte politische Frauen und als Frauen der Tat. Demgegenüber wurden sie vom damaligen Wiener Bürgermeister Theodor Körner in seiner Rede bei der Gründungsfeier dazu aufgefordert, die künftigen Generationen für den Frieden zu erziehen, womit er sie in die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung zwängte: Politik für die Männer, Erziehungsarbeit für die Frauen. Unter den Pressemeldungen zur Gründung fällt zudem jene in der sozialdemokratischen „Arbeiterzeitung“ auf. Hier wurde ein verallgemeinerndes Bild von der in den Widerstand hinein geschleuderten Frau gezeichnet. Eigenständige politische Meinung und aktive Teilnahme am Widerstand wurde Frauen nicht zuerkannt.

 

In der Themenwahl der „Ravensbrückerinnen“ spiegeln sich auch ihre mehrfachen Identitäten als Frauen wider. Als Frauen, Mütter und Widerstandskämpferinnen thematisierten sie über Jahrzehnte hinweg die Verfolgung, Inhaftierung und Ermordung von Kindern. Ein Thema, das von männlichen Überlebenden kaum aufgegriffen wurde. Eine interessante und offene Frage ist auch, inwieweit sich die „Ravensbrückerinnen“ dagegen wehrten, dass ihre Stimmen innerhalb der Gemeinschaft der ehemals politisch Verfolgten wenig gehört wurden und sie auch bei der Zusammenarbeit mit Kameraden nicht gleichberechtigt waren, was uns aus informellen Gesprächen bekannt ist.

 

Wie bedeutsam die Geschlechtsspezifität der Verfolgungserfahrungen in den Erinnerungen der „Ravensbrückerinnen“ war und ist, verdeutlichen mehrere Publikationen und Aktivitäten. Ein interessantes Beispiel ist eine Broschüre, die gleich nach der Befreiung - im Jahr 1945 - entstand. Bei den Autorinnen handelt es sich um elf spätere Gründungsmitglieder. Hier kamen Themen zur Sprache wie die Liebe zum „falschen Mann“ („Rassenschande“) als Haftgrund, die sexuell konnotierten Demütigungen durch die SS oder die ersten schockierenden Erfahrungen insbesondere während der Aufnahmeprozedur im Lager. Hygiene, Menstruation etc. wurden ebenso thematisiert wie die Sex-Zwangsarbeit im KZ-System oder Zwangsabtreibungen und die Situation der Mütter in Ravensbrück, deren neugeborene Kinder kaum eine Überlebenschance hatten. So intensiv und offen beim Namen genannt wurde die Bedeutung des Geschlechts – vor allem im Kontext Konzentrationslager – danach nie wieder. Möglicherweise stieg in den folgenden Jahren der Druck, sich dem dominanten Narrativ, nämlich dem männlichen, anzupassen. Es stellt sich die Frage, welche Bilder von jenen Frauen gezeichnet wurden, die nicht aus eng definierten politischen Gründen verfolgt und damit in der Regel auch nicht Teil der Lagergemeinschaft waren (siehe dazu auch den Artikel von Helga Amesberger in dieser Ausgabe) und welche Ansichten es diesbezüglich in der ÖLGR gab bzw. gibt.

 

Der Kampf muss weitergehen ...

 

Fest steht aber, dass ohne die „Ravensbrückerinnen“ das Bild von der in den Widerstand hineingeschlitterten Frau nicht aufgebrochen worden wäre. Und v.a. sie selbst entsprechen nicht der Konstruktion der „passiven“, der „unpolitischen Frau“. Damit entfalteten sie auch für uns Vorbildfunktionen in mehrfacher Hinsicht: als politische und widerständige Frauen, die sich seit 1947 (!) selbständig organisieren, die ihr Leben lang für ihre Ideale eintraten und die auch heute als alte Frauen nichts von ihrem Kampfgeist verloren haben. So war jüngst nicht nur der Ebensee-Skandal Anlass für ein Protestschreiben an die Innenministerin, sondern auch Rassismus und Antisemitismus sind Dauerthemen und machen uns klar, wie viel Arbeit weiterhin vor uns liegt.

 

Sylvia Köchl und Kerstin Lercher

 

Sylvia Köchl ist Politikwissenschafterin und Journalistin; seit 1998 bei der ÖLGRF engagiert und seit 2005 Schriftführerin; Mitglied der Ausstellungsgruppe „Wege nach Ravensbrück“; Projektarbeit u.a. zu Häftlingen mit dem „Grünen Winkel“; Bildredakteurin bei der Zeitschrift „Malmoe“ und freie Lektorin. Kerstin Lercher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung und seit 2006 aktives Mitglied der ÖLGRF sowie stellvertretende Schriftführerin. U.a. Mitarbeit im Forschungsprojekt „Namentliche Erfassung der ehemals inhaftierten ÖsterreicherInnen im KZ Ravensbrück“.

 

Literaturhinweis:

Amesberger, Helga  / Lercher Kerstin (2008): Lebendiges Gedächtnis. Die Geschichte der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück, Wien: Mandelbaum Verlag

 

Website der ÖLGRF: www.ravensbrueck.at

Kontakt: LGRav_FreundInnen@gmx.net