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Ausgabe 2/09


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Die Produktion von Geschlecht in lebensgeschichtlichen Interviews

Eine Analyse am Beispiel von Überlebenden des KZ Mauthausen.

 

Historische Ereignisse werden geschlechtsspezifisch erinnert. Dabei werden nicht ausschließlich subjektive Sichtweisen, sondern vielmehr gesellschaftlich erworbenes Wissen reproduziert. In den Interviews spiegeln sie somit immer auch Weltbilder und Geschlechterverhältnisse wider.

 

Die Produktion von Geschlecht in lebensgeschichtlichen Interviews kann man zum Einen auf der inhaltlichen Ebene – also worüber gesprochen wird –, zum anderen auf der Ebene der Interaktion zwischen Interviewten und Interviewenden nachvollziehen.

 

Inhaltliche Produktionen von Geschlecht

 

Der Vergleich von Interviews mit weiblichen und männlichen Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen bringt zahlreiche direkte und indirekte Geschlechtsbezüge auf inhaltlicher Ebene zutage. Die von den Frauen und Männern angesprochenen Themen sowie die Art und Weise, wie diese Geschlechterbilder herstellen, unterscheiden sich jedoch mitunter gravierend.

 

In den analysierten Interviews sprechen Frauen und Männer gleichermaßen über Freunde und Verwandte, mit denen sie zusammen den Alltag im Konzentrationslager bewältigten. Es gibt keine Hinweise, dass Männer häufiger als Frauen von sich das Bild des „einsamen Kämpfers“ zeichnen. Zählt man aber, wie viele Personen jeweils in den Interviews genannt werden, so erwähnen Männer insgesamt deutlich weniger andere Personen als Frauen. In den Interviews mit Männern ist zudem deutlich seltener vom anderen Geschlecht die Rede. In den männlichen Erzählungen kommen vorwiegend weibliche Verwandte vor: Frauen reden hingegen auch von nichtverwandten Männern wie Widerstandskämpfern und Mitgefangenen. Solche Erzählstrukturen spiegeln patriarchale Machtverhältnisse und traditionelle Geschlechterbilder wider, indem Frauen abseits ihrer reproduktiven Rolle negiert werden. Üblicherweise sprachen männliche Überlebende von weiblichen Mitgefangenen nur, wenn sie danach gefragt wurden. Eine solche Frage evozierte dann meist eine Erzählung über das Häftlingsbordell in Mauthausen bzw. Gusen.

 

Wie wirksam geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen sind, wird auch am Beispiel der (Nicht-)Erwähnung von Kindern offensichtlich. Obwohl Männer ebenso mit Kindern und Jugendlichen deportiert wurden und/oder auf diese in den Konzentrationslagern trafen, sprechen sie nicht über das Schicksal dieser Kinder. In den Erzählungen von Frauen hingegen nimmt das Los der Kinder und Mütter im Konzentrationslager einen breiten Raum ein und dies unabhängig vom Alter und Familienstand der Interviewpartnerinnen zum Zeitpunkt der Verfolgung. Männer wie Frauen reproduzieren damit gesellschaftlich sanktionierte Vorstellungen geschlechtsspezifischer Aufgaben.

 

Ein weiterer häufig angewandter Mechanismus zur Produktion des weiblichen Geschlechts ist die thematische Verknüpfung von Schönheit und Geschlecht. Insbesondere in Erzählungen über die Gewalttaten von SS-Aufseherinnen an Frauen und Mädchen steht die Chiffre Schönheit für zweierlei: In Hinblick auf das weibliche Opfer verweist der Topos auf Unschuld und Jungfräulichkeit; die zerstörte weibliche Schönheit fungiert als Verkörperung des Leidens. Die Gewalttätigkeit der Aufseherinnen oder weiblichen Funktionshäftlinge hingegen wird durch die thematische Verbindung mit Schönheit nochmals nachhaltig verstärkt und bestialischer. Immer wieder werden Erzählungen über gewalttätige Frauen mit dem Satz abgeschlossen: „Die waren grausamer als die Männer.“ In den Interviews mit männlichen Überlebenden, in denen auch von der Brutalität männlicher Funktionshäftlinge und von SS-Männern die Rede ist, finden sich weder solche geschlechtsspezifischen Vergleiche, noch die thematische Kombination von Schönheit und Gewalttätigkeit.

 

Die von Frauen getroffene Gegenüberstellung von Täterinnen und Tätern verdeutlicht, dass hier Erwartungen in Bezug auf gesellschaftlich konformes geschlechtsspezifisches Verhalten und Geschlechterbilder der friedfertigen und fürsorglichen Frau zutiefst verletzt wurden; von Männern ausgeübte Gewalt hingegen als „normal“ und somit dem Geschlechterbild konform erscheint. Daraus folgt auch, dass Täterinnen nicht notwendigerweise grausamer sein mussten als die Täter; sie erschienen den Betroffenen eventuell nur so, weil sie drastisch im Widerspruch zu den sozial anerkannten Verhaltensmustern von Frauen standen.

 

Produktion von Geschlecht durch Interaktion

 

Geschlecht wird nicht nur von InterviewpartnerInnen produziert. Forschende und Interviewende tragen während des Forschungsprozess ebenso dazu bei. Obwohl alle InterviewerInnen mit dem gleichen Interviewleitfaden ausgestattet waren, fragten beispielsweise nicht alle InterviewerInnen nach dem so genannten privaten Leben. Und es gibt eine Tendenz, dass männliche Überlebende seltener nach der Familiengründung gefragt wurden, Frauen hingegen weniger häufig nach ihrem späteren beruflichen Leben. Deutlich häufiger war das politische Leben des Vaters von Interesse, aber nicht jenes der Mutter. Nicht nur erfahren wir so nichts über die politischen Einstellungen der Mutter, Frauen erscheinen damit apolitisch und ihr Leben wird auf die so genannte private Sphäre reduziert.

 

Die Geschlechterbilder der ForscherInnen erhellen sich neben der Reflexion, wer was gefragt wurde, auch durch die Codes, die bestimmten Fragen inhärent sind. Die Frage nach der Kleidung von SS-Aufseherinnen beispielsweise evoziert vor allem Erzählungen über deren Brutalität. Das propere und modische Outfit der SS-Aufseherinnen wird zu einem Code für deren Bösartigkeit.

 

Abschließende Bemerkungen

 

Lebensgeschichten sind nie ausschließlich subjektive Konstruktionen. Vielmehr reflektieren sie soziale Konventionen, Normen, Werte sowie gesellschaftlich sanktionierte Erzählweisen[i] - und damit auch Geschlechterverhältnisse. Jede erzählte Lebensgeschichte ist zudem das Resultat einer Interaktion von mindestens zwei Personen, so auch das lebensgeschichtliche Interview. Soziodemographische Eigenschaften der Interviewten und der Interviewenden wie das Alter, Geschlecht, die Klassenzugehörigkeit, der ethnische Background, Bildung usw. beeinflussen Inhalt und Verlauf des Interviews ebenso wie die aktuelle soziale, politische und wirtschaftliche Situation. Auch haben Erwartungen an das Gegenüber bzw. an die AdressatInnen der Erzählung Auswirkung auf die Gestaltung der Lebensgeschichte. Erzählte Lebensgeschichten vermitteln somit niemals die „wahren“ Ereignisse schlechthin. Sie sind vielmehr Geschichten darüber, wie das Leben empfunden wurde und, wichtiger noch, wie man es sich erklärt.[ii] Die Erstellung einer Biographie kann also nicht vollkommen willkürlich geschehen. Durch unsere spezifische soziale Situation nehmen wir Dinge auf eine ganz bestimmte Art und Weise wahr, interpretieren sie individuell und bauen sie, indem wir sie mit unseren anderen Erfahrungen abgleichen, in unsere Erinnerungen ein.

 

Eine grundlegende Konstante moderner Gesellschaften ist die Vergeschlechtlichung von Individuen, wobei die Geschlechtsidentität strikt zweigeschlechtlich und hierarchisch entworfen ist. Wir schließen vom Aussehen – Kleidung, Frisur, Figur – auf das Geschlecht, wobei diese Geschlechtszuordnungen gleichzeitig mit scheinbar natürlichen, genetisch bedingten verhaltensmäßigen und psychologischen Merkmalen einhergehen. Obwohl die Zweigeschlechtlichkeit ein Resultat der Geschichte ist, wird sie als naturgegeben angesehen und bleibt so unhinterfragt. Da die Vergeschlechtlichung eine Grundkonstante unserer Gesellschaft ist, wird in jeder Interaktion – so auch dem lebensgeschichtlichen Interview – weitgehend unbewusst Geschlecht produziert. „Geschlecht zu produzieren“ verweist daher auf die alltägliche Wiederherstellung geschlechtsspezifischer Stereotypien, auf die Schaffung von Unterschieden zwischen Mädchen und Buben, zwischen Frauen und Männern, die keineswegs natürlich und biologisch sind.

 

Die Frage nach Geschlechtlichkeit im Forschungsprozess birgt jedoch die Gefahr in sich, dass stereotype Geschlechterbilder reproduziert und gestärkt werden. Diesem Dilemma können wir aber nicht entgehen. Geschlecht als sozial relevante Kategorie nicht zu inkludieren, würde sowohl einer Nichtberücksichtigung existierender Machtverhältnisse und Ungleichheiten als auch einem Verlust an Informationen mit der Konsequenz inkorrekter Analysen gleichkommen.

 

Helga Amesberger

ist Sozialwissenschafterin; langjährige Mitarbeiterin am Institut für Konfliktforschung mit den Forschungsschwerpunkten Frauen und nationalsozialistische Verfolgung, Oral History und Rassismus. Mitautorin des Buches „Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern“ (Mandelbaum 2004).

 


[i] Scholz, Sylka (2003): Das narrative Interview als Ort eines männlichen Spiels‘? Prozesse des Doing Gender in der Interviewinteraktion“; in: Bruder, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Die biographische Wahrheit ist nicht zu haben; Psychosozial-Verlag: Gießen, 139–161, hier 141–144.

[ii] Welzer, Harald (2003): „Was ist autobiographische Wahrheit? Anmerkungen aus Sicht der Erinnerungsforschung“, in: Bruder, op.cit., 183–202, hier 186.