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Ausgabe 2/09


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Frauen in österreichischen Prozessen wegen NS-Verbrechen

Frauen wie Männer treten in Gerichtsprozessen in verschiedenen Rollen auf: als RichterIn, als AngeklagteR, als Zeuge/Zeugin (hier wiederum als möglicheR MittäterIn, als Opfer und/oder als AngehörigeR) sowie als Schöffe/Schöffin bzw. als GeschworeneR.

Dieser Beitrag setzt sich mit Frauen auseinander, die wegen NS-Verbrechen vor österreichischen Gerichten zwischen 1945 und 1955 vor Gericht standen. Im Gegensatz zu den österreichischen NS-Verfahren ab 1955, bei denen keine einzige Frau angeklagt war, führten Volksgerichte[i] Prozesse gegen Frauen durch, vor allem solche wegen Denunziation. 23,2 % aller Wiener Volksgerichtsverfahren wurden wegen dieses Delikts geführt, davon 28 % gegen Frauen. Trotz des zahlenmäßigen überdurchschnittlichen Anteils an Verurteilungen wegen Denunziation wäre es aber zu kurz gegriffen, diesen Straftatbestand zum weiblichen Delikt im Nationalsozialismus schlechthin zu erklären[ii], denn auch bei Männern liegt der Anteil an Denunziationsprozessen weit über jenem anderer Prozesse.[iii]

 

In der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregten die so genannten Euthanasieprozesse. Allerdings war auch hier die Zahl der Verfahren gegen Frauen im Vergleich zu den Verfahren gegen Männer weitaus geringer. So wurden vom Volksgericht Linz lediglich sechs Frauen wegen Verbrechen in der Euthanasieanstalt Hartheim sowie in den Nebenstellen Niedernhart und Ybbs angeklagt, keine von ihnen jedoch verurteilt. Aber es gab vor dem Volksgericht Linz überhaupt nur zwei Euthanasie-Prozesse, in denen vier Männer Haftstrafen zwischen zwei und fünfeinhalb Jahren erhielten. Insgesamt ermittelte das Volksgericht Linz in der Strafsache „Hartheim“ gegen 61 Personen, davon gegen 18 Frauen.

 

Das Volksgericht Wien fällte in zehn Prozessen gegen 29 Personen ein Urteil. Die höchste Strafe, nämlich die Todesstrafe, wurde gegen den deutschen Staatsangehörigen, Primararzt Dr. Ernst Illing, den Leiter der Heilpädagogische Klinik „Am Spiegelgrund“, verhängt. Die Hinrichtung erfolgte am 23. November 1946. Von den 29 Beschuldigten waren 13 Frauen, sechs von ihnen erhielten Haftstrafen. Die höchste Strafe im Ausmaß von zehn Jahren erging gegen die Ärztin Marianne Türk, eine Mitangeklagte von Dr. Illing im ersten Steinhofprozess. Die einzigen Todesurteile eines österreichischen Volksgerichts gegen Frauen fällte der Außensenat des Volksgerichts Graz in Klagenfurt im April 1946 gegen die Oberpflegerin der psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt, Antonie Pacher, die zwischen 1942 und 1945 als Oberpflegerin mindestens 200 PatientInnen vorsätzlich getötet und die Tötung von mindestens 13 PatientInnen veranlasst hatte, sowie gegen Ottilie Schellander, die zwischen 1942 und April 1945 mindestens 20 PatientInnen vorsätzlich getötet und andere PatientInnen derart misshandelt hatte, dass diese in der Folge daran starben. Allerdings wurden die beiden Todesurteile nicht vollstreckt, sondern jenes gegen Pacher in eine lebenslange Haftstrafe, jenes gegen Schellander in eine Haftstrafe von 20 Jahren umgewandelt.

 

Insgesamt ergingen in Österreich zwischen 1945 und 1955 in 526 Prozessen Urteile wegen eines Tötungsdeliktes. In 91 Prozessen davon standen Frauen vor Gericht und wurden verurteilt (17,3 %). In den 526 Prozessen wurden 796 Personen wegen eines Tötungsdeliktes abgeurteilt, 121 davon waren Frauen (15,2 %). 81 der 91 Verfahren gegen 87 Frauen hatten Denunziationsverbrechen, fünf der Verfahren gegen 29 Frauen Euthanasieverbrechen zum Verhandlungsgegenstand.

 

Eine umfassende Untersuchung sämtlicher Verfahren gegen Frauen auf der Grundlage des vollständigen Gerichtsaktes zur Analyse ihrer Rolle als NS-Täterinnen ist bisher noch ausstehend. Eine Untersuchung der Anklageschriften und Urteile von Prozessen wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen konnte aber einen ersten Eindruck der Zuordnung von Täterinnenbildern durch das Gericht geben.[iv] Zwei Kategorien von Täterinnen seien hier näher beleuchtet.

 

1. Die von den Männern abhängige und für ihre Handlungen nicht verantwortliche Frau

 

Ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis bis hin zu sexueller Hörigkeit wurde in der Regel nur bei weiblichen Angeklagten angenommen. In einem psychiatrischen Gutachten „über den Geisteszustand der […] in Untersuchung befindlichen“ 41-jährigen Stationsschwester Anna K. befragte der Sachverständige die Angeklagte ausführlich über ihr Sexualleben (nach ihrer Scheidung hatte sie mehr als zehn Jahre keinen Mann und keinerlei Sexualkontakte) und sie bestätigte, dass ihr ihr Vorgesetzter, der Leiter der Kinderklinik „Am Spiegelgrund“ in Wien, Dr. Erwin Jekelius, „sehr gut gefallen“ hätte und sie „in ihn verliebt“ gewesen sei.[v] Anna K. stand im April 1948 vor dem Volksgericht Wien, weil sie laut Anklageschrift von 1942 bis 1945 durch Verabreichung von Luminal-, Veronal- oder Morphiuminjektionen bzw. Tabletten mindestens 24 Kinder getötet hatte. Das Gutachten fokussiert in erster Linie ihre Hörigkeit gegenüber Dr. Jekelius – allerdings „darf man annehmen, dass sich deren Ver­liebtheit vornehmlich auf psychischem Gebiete abgespielt hatte“:

 

„Es finden sich […] Hinweise darauf, dass auch das Sexualleben der B[eschuldigten] nicht in den normalen, gesunden Bahnen verläuft. Mit 30 Jahren etwa scheint sie zum ersten Mal in einem überwältigenden Grad an einen Mann gebunden gewesen zu sein und der war gerade der Dr. Jekelius […]. […] erstreckte sich ihre Ergebenheit auf sein Tun und Lassen in jeder Beziehung und nach allen Richtungen.“[vi]

 

In seiner abschließenden Einschätzung kam der Gutachter zu dem Schluss, dass sämtliche der Angeklagten vorgeworfenen Handlungen aus dieser zwar „platonischen“, aber trotzdem sexuell geprägten Abhängigkeit abzuleiten seien, und riet dem Gericht, diese Erkenntnis in die Beurteilung einfließen zu lassen. Zwar handelte es sich bei dem Sachverständigengutachter um den Neuropathologen Dr. Ernst Sträussler (bekannt durch das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom, eine übertragbare spongiforme Enzephalopathie ähnlich der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit), der sicherlich auf seinem Fachgebiet medizinisch kompetent gewesen sein wird. Außerdem ist aus der Psychoanalyse Freud´scher Prägung der Sexualtrieb als Motor für menschliche Handlungen bekannt. Dennoch erweckt das Gutachten des Dr. Sträussler über weite Strecken den Eindruck, dass er zu seiner Diagnose durch eine voyeuristische Befragungsmethode gelangte, und die von ihm gewählte Diktion zeigt, dass er nach wie vor unter dem Eindruck nationalsozialistischer Denkmuster stand. Welchen Stellenwert das Volksgericht Wien dem ärztlichen Befund in seinem Urteil vom 9. April 1948, in dem Anna K. zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt wurde, eingeräumt hat, geht aus seiner Begründung nicht eindeutig hervor.

 

2. Die nicht dem gängigen Frauenbild entsprechende Frau

 

Von Frauen begangene Gewaltverbrechen – etwa in Konzentrationslagern – werden vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung häufig geschlechtsspezifisch rezipiert. Die erschreckende „Normalität“ wird männlich konnotiert, hingegen gilt die Täterin als Ausnahme und tritt oft als „Tier“ oder „Bestie“ auf.[vii] Die Historikerin Regula Ludi begründet dies damit, dass weibliche Aggression nicht nur das Gesetz verletze, „sondern sie verstößt auch gegen den zweiten, implizierten Code der Geschlechterordnung. Frauen, die gewalttätig handeln, stellen Grundannahmen über die Natur der Geschlechter in Frage, weil sie in ein männlich konnotiertes Feld eindringen.“[viii] Für Frauen galten – und gelten – höhere moralische Ansprüche als für Männer. Sie werden als Repräsentantinnen des „Friedens“ und des „Guten“ schlechthin angesehen, und vielfach überlagert ihr moralisch-menschliches Versagen ihre vermeintliche weibliche „Bestimmung“, das Abweichen von einer traditionellen weiblichen Geschlechterrolle und ihre politische Schuld. Deshalb wird ihr „normabweichendes“ Verhalten oft als besonders brutal wahrgenommen.[ix] Das Bild der Hexe oder Bestie wird allerdings nicht über den Gerichtsakt transportiert, sondern entspringt der medialen Inszenierung und ist uns in erster Linie aus den Berichterstattungen über Irma Greese (die „Hyäne von Auschwitz“), Ilse Koch (die „Hexe von Buchenwald“), Erna Dorn oder Carmen Mory (beide „Monster von Ravensbrück“) bekannt.

 

Doch auch Frauen, die nicht selbst mordeten, wurden oftmals durch die Gerichte ob ihres nicht-frauentypischen Verhaltens beurteilt. Die Hausfrau Rosa Sch. etwa denunzierte 1942 ihren jüdischen Ehegatten wegen vermeintlicher kommunistischer Betätigung bei der Gestapo. Angeblich wollte sie die Scheidung, weil sie einen andern Mann, einen fanatischen Nationalsozialisten, kennengelernt hatte. Der Ehemann wurde daraufhin 1943 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, von wo er nicht mehr zurück kam. Darüber hinaus erstattete Frau Sch. Anzeige gegen ihre sieben Kinder aus der Ehe mit ihrem jüdischen Mann. Sie verleumdete eine ihrer Töchter, den Judenstern nicht getragen zu haben. Einen ihrer Söhne bezichtigte sie des Verkehrs mit einem arischen Mädchen. Alle Kinder wurden ebenfalls nach Theresienstadt deportiert, haben aber überlebt. In der Anklageschrift vom 28. März 1947[x] legte die Staatsanwaltschaft Wien Rosa Sch. zur Last:

 

„Als [sie] sich nunmehr des Mannes entledigt […] hatte, empfand sie keineswegs etwa Reue über ihre unmenschliche Handlungsweise, sondern prahlte vielmehr, sie sei froh, weil ihr Mann nun nicht mehr da sei. […] [Sie] drohte [auch] den Kindern wiederholt, sie werde sie hinauswerfen und vernachlässigte sie, während sie selbst in den Prater ging, um sich dort mit Männern zu unterhalten. […].“

 

Das Gericht sah also eine „Rabenmutter“ vor sich, die ihre Mutterpflichten gröblichst vernachlässigt hatte und stattdessen lieber in den Vergnügungspark ging. Ein Verhalten, das dem Bild der obsorgenden Mutter diametral entgegen stand, was sowohl in der Anklageschrift als auch im Urteil mit moralisch erhobenem Zeigefinger entrüstet ausgebreitet wurde. Weitaus weniger breiten Raum erhielt die rechtliche Würdigung des tatsächlichen Delikts, nämlich der Denunziation ihres Ehemannes mit Todesfolge. Frau Sch. wurden schließlich mildernde Umstände zugebilligt, weil sie ihrem nationalsozialistischen Liebhaber vollkommen hörig gewesen sei. Das machte unter dem Strich ein Urteil von gerade einmal fünf Jahren aus, obwohl das Gesetz für eine derartige Straftat eine Strafhöhe von 10 bis 20 Jahren vorsah.

 

Fazit

 

Frauen als Angeklagte in Prozessen wegen NS-Gewaltverbrechen stellen – nicht nur – in Österreich statistisch gesehen eine Ausnahmeerscheinung dar. Von einer gleichberechtigten Mitschuld der Frauen an den Gräueln des Nationalsozialismus kann also aus juristischer Sicht nicht die Rede sein.[xi] Das ist sowohl in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik begründet, als auch in der Definition der Straftatbestände, da eine Hauptfunktion des Strafrechts darin besteht, den gesellschaftlich unerwünschten Exzess als „normal“ geltende männliche Aggressivität zu absorbieren, weshalb die vom Gesetz vorgegebene Auswahl der inkriminierten Handlungen auf männlich definierte Felder ausgerichtet ist.[xii]

 

 

Claudia Kuretsidis-Haider

ist wissenschaftliche Ko-Leiterin der „Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz“ am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes; Historikerin; Forschungsschwerpunkte: Nachkriegsjustiz in Österreich und im europäischen Kontext, Vergangenheitspolitik, Holocaustforschung, Widerstand und Verfolgung  

 


[i] Zur österreichischen Volksgerichtsbarkeit siehe u.a.: Kuretsidis-Haider, Claudia (2006): ‚Das Volk sitzt zu Gericht.‘ Österreichische Justiz und NS-Verbrechen am Beispiel der Engerau-Prozesse 1945-1954; Wien-Innsbruck-Bozen sowie die Aufsätze zur österreichischen Nachkriegsjustiz in: Albrich, Thomas / Garscha, Winfried / Polaschek, Martin (Hrsg., 2006): Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht – Der Fall Österreich; Wien-Innsbruck-Bozen

[ii] Diese These stellt Helga Schubert auf: Judasfrauen. Zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich; Frankfurt/Main, 1990.

[iii] Zu diesen und den nachfolgenden Zahlen siehe die Website der Zentralen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz: www.nachkriegsjustiz.at.

[iv] Siehe dazu und zu den nachfolgenden Ausführungen ausführlich: Kuretsidis-Haider, Claudia (2008): „Täterinnen vor Gericht. Zur Kategorie Geschlecht bei der Ahndung von nationalsozialistischen Tötungsdelikten in Deutschland und Österreich“; in: Krauss, Marita (Hrsg.): Sie waren dabei. Mitläuferinnen, Nutznießerinnen, Täterinnen im Nationalsozialismus; Göttingen, S. 187-210.

[v] Befund und Gutachten betreffend Anna K. durch den Sachverständigen Prof. Dr. Ernst Sträussler vom 29. Ok­tober 1946 (LG Wien Vg Vr 5442/46), S. 9.

[vi] Ebenda, S. 13.

[vii] Von Braun, Christina (2003): „Die unterschiedlichen Geschlechtercodierungen bei NS-Tätern und -Täterinnen unter medienhistorischer Perspektive“, in: Weckel, Ulrike / Wolfrum, Edgar (Hrsg.): ‚Bestien‘ und ‚Befehlsempfänger‘: Frauen und Männer in NS-Prozessen nach 1945; Göttingen 2003 S. 256.

[viii] Ludi, Regula (2003): „Von Verführung und Verführten. Repräsentationen der schweizerischen Kriegsverbrecherin Carmen Mory“; in: Ebd., S. 157.

[ix] Meyer, Kathrin (2003): „‚Die Frau ist der Frieden der Welt‘. Von Nutzen und Lasten eines Weiblichkeits­stereotyps in Spruchkammerentscheidungen gegen Frauen“; in: Ebd., S. 131, 137.

[x] LG Wien Vg Vr 5056 / 46, Anklageschrift S. 3f.

[xi] Schmölzer, Hilde (1996): Der Kriegs ist männlich. Ist der Friede weiblich?; Wien, S. 191

[xii] Ludi, op.cit., S. 141.