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Ausgabe 2/09


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Das Vergessen vergessen

Die Wiedererlangung des historischen Gedächtnis in Spanien

 

Eine Gruppe von ArchäologInnen und Gerichts-Sachverständigen exhumierte im Dezember 2000 in der spanischen Provinz León die Leichen von dreizehn im Oktober 1936 ermordeten Zivilisten. Sie gelten als erste Opfer des Spanischen BürgerInnenkrieges und der Franco-Diktatur. Die Exhumierung war gleichzeitig Anlass zur Gründung des „Vereins zum Wiedererlangen des historischen Gedächtnisses“. Dieser versucht über 30 Jahre nach dem Tod Francos, Exekutionsorte und Massengräber zu lokalisieren und die dort Begrabenen zu identifizieren. Einer seiner Gründer, der spanische Journalist und Schriftsteller Santiago Macías, wirft einen Blick auf diese dunkle Seite der Geschichte Spaniens und sein Gedächtnis.

 

Unmittelbar nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1975 kamen die großen politischen Parteien der spanischen Linken mit den RepräsentantInnen der Diktatur überein, die Vergangenheit beiseite zu lassen und keine Gerechtigkeit für die Tausenden Opfer des Franquismus zu fordern. In die Wurzeln der sich erholenden Demokratie schrieb man das Amnestiegesetz ein, das alle Verantwortlichen der zahlreichen Menschenrechtsverletzungen mit Straflosigkeit versah. Paradoxerweise wurde dieses Gesetz sowohl mit den Stimmen der Sozialistischen Arbeiterpartei Spaniens als auch der Kommunistischen Partei Spaniens im Oktober 1977 angenommen. Die zwei politischen Verbände, die für die Entschädigung der Opfer hätten kämpfen sollen, beschlossen, dass es besser sei, mit einem Gesetz einen Schlusspunkt zu setzen.

 

Am Rand dieser politischen Parteien begann in den letzten Jahren ein Prozess zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung bezüglich BürgerInnenkrieg und Diktatur. Das ist gewissermaßen eine Reaktion auf acht Jahre Volkspartei-Regierung, in der sowohl Ministerpräsident José María Aznar als auch verschiedene seiner MinisterInnen von Familien abstammen, die während der franquistischen Diktatur verantwortungsvolle Posten besetzten.  Es handelt sich um einen sozialen Prozess, der hauptsächlich von Enkelkindern der RepublikanerInnen, die den Bürgerkrieg verloren und die Diktatur erlitten haben, vorangetrieben wird. Sie haben beschlossen, ihr Familiengedächtnis in kollektiver Form zu würdigen. Eine Generation, die nicht am Pakt des Schweigens teilnahm, auf den der demokratische Wandel aufgebaute und die das „Vergessen zu vergessen“ in Marsch gesetzt hat.

 

Im Oktober 2000 exhumierten ArchäologInnen und Gerichts-Sachverständige die menschlichen Überreste von dreizehn republikanischen ZivilistInnen, die von falangistischen[i] Pistolenschützen am 16. Oktober 1936 ermordet wurden. Die Ausgrabung fand in Priaranza del Bierzo statt, einem kleinen Dorf in der Provinz León. Während der Grabungsarbeiten näherten sich zahlreiche Familienangehörige von Verschwundenen, um Hilfe zu erbeten. Aus diesem Kontext entstand der „Verein zur Wiedererlangung des historischen Gedächtnis“ (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica) .

 

Unmittelbar nach dem Bürgerkrieg gab General Franco den Forschungsauftrag, festzustellen, wer und wie zahlreich „seine Toten“ während des Krieges waren. Dafür wurde eigens eine Staatsanwaltschaft gegründet, die alle Informationen zusammentrug, die in Spanien unter dem Namen „Causa General“ bekannt ist. Infolgedessen wurden Tausende tote Franquisten exhumiert und auf Friedhöfen bestattet und ihre Familien erhielten zahlreiche Begünstigungen von staatlicher Seite. Währenddessen kämpften die Familien der RepublikanerInnen ums Überleben, verfolgt von einem diktatorischen Regime, das bis in die lokale Verwaltungen eine strenge soziale Kontrolle ausübte. Was ihre verschwundenen Angehörigen betraf: Nach ihnen zu fragen oder eine Anstrengung zu unternehmen, sie zu suchen, bedeutete eine politische Forderung zu stellen und sich in große Gefahr zu begeben. Eine ernst zu nehmende Gefahr, wenn wir in Rechnung stellen, dass in der Nachkriegszeit - in Zeiten des „Friedens“ - das Regime mehr als 45.000 Personen hinrichtete. In diesem sozio-politischen Kontext sahen sich die republikanischen Familien gezwungen, ihre Identität zu verbergen und ihr eigenes Gedächtnis zu unterdrücken, ihr eigenes Erinnern zu verdrängen.

 

Als die Diktatur zu Ende ging und der Prozess der Wiedererlangung der Demokratie begann, konnten die Familien der Opfer nicht mit ihren politischen Vertretern rechnen, um die Argumente zurückzuweisen, mit denen das franquistische Regime zwei Generationen von SpanierInnen erzogen, überwacht und bestraft hatte. Das Amnestiegesetz sicherte der franquistischen Elite juristische und politische Straflosigkeit, , aber keine soziale. Niemand konnte abschätzen, wie die Familien der in Massengräber „verschwundenen“ RepublikanerInnen reagieren würden. Deren natürlicher Wunsch, ihre Angehörigen zu würdigen, trat mit den politischen Parteien in Konflikt, die beschlossen hatten, sie zum Vergessen zu verurteilen.

 

Im Jahr 1979 wurden die ersten Gemeinderatswahlen nach Francos Tod abgehalten. In diesen erhielten die politischen Parteien, die während der Diktatur im Untergrund gewesen waren, wichtige Bürgermeisterämter. Viele sahen diesen politischen Wechsel als Signal, auf das sie gewartet hatten. In Gebieten Spaniens wie La Rioja oder Navarra wurde damit begonnen, zahlreiche Exhumierungen vorzunehmen und in einigen Fällen, wie dem in Calahorra, wurde mit der Forderung nach Gerechtigkeit vor den Häusern der falangistischen Täter demonstriert . Diese soziale Bewegung wuchs zwei Jahre lang, bis zum 23. Februar 1981. An diesem Tag unterbrach der Oberleutnant der „Guardia Civil“, Antonio Tejero, eine Parlamentssitzung mit dem Ziel eines Staatsstreiches. An diesem Tag spürten Tausende SpanierInnen die Angst, mit der sie während der Diktatur erzogen worden waren. Das bewirkte, dass die soziale Bewegung, die sich zu formieren begonnen hatte, unterbrochen zurück blieb.

 

Eineinhalb Jahre nach dem Putschversuch kam die Sozialistische Partei unter Felipe González an die Regierung. Während der vierzehn Jahre, die sie an der Macht blieb, hielt sie die Abmachung aufrecht, die sie im Übergang zur Demokratie geschlossen hatte: Die Verantwortlichen unter den noch lebenden Franquisten wurden nicht verfolgt, was mit einschloss, dass den Opfern der Repression keine Hilfe zuteil wurde.

 

Der Wandel, der sich in Spaninen in den letzten fünf Jahre ereignet hat, ist am Rand der politischen Parteien eingetreten. In dieser Zeit hat die spanische Gesellschaft erst ihre eigene Geschichte kollektiv kennen gelernt: die Wahrheit über die entführten Kinder der verhafteten RepublikanerInnen,; die Existenz von dutzenden Konzentrationslagern, in denen mehr als 400.000 RepublikanerInnen inhaftiert waren; das Abkommen zwischen Hitler und Franco, mit dem tausende RepublikanerInnen in das KZ Mauthausen deportiert werden konnten; die Existenz von tausenden „politischen Sklaven“, die über Jahre hinweg öffentliche und private Arbeiten verrichteten; die Existenz von mehr als 30.000 „Verschwundenen“, die in Massengräbern verscharrt oder ins Meer geworfen wurden, um keine Spuren zu hinterlassen.

 

Der „Verein zur Wiedererlangung des historisches Gedächtnis“ hat dazu einen wichtigen Impuls gesetzt. Die Berichte über die „Verschwundenen“ haben einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Spanien bewirkt und seine Arbeit hat viel damit zu tun, dass am 20. November 2002 im spanischen Parlament der franquistische Staatsstreich - das erste Mal und mit Einstimmigkeit - verurteilt und eine explizite Anerkennung der Opfer ausgesprochen wurde.  Das wiederum verursachte die Reaktion der politischen Rechten, die soziologisch noch immer mit dem Franquismus verbunden ist. In den letzten Jahren hat die revisionistische Geschichtsschreibung zugenommen, die versucht, mitten im 21. Jahrhundert die gleiche Interpretation des Bürgerkriegs und der franquistischen Diktatur zu verbreiten, die das Regime des Diktators über Jahrzehnte hinweg angeboten hatte. Im Dokumentarfilm „Die Gräber der Stille“ (2002) des katalanischen Fernsehens wurde eine Frau, die an einer Andacht für die toten Franquisten teilnahm, zu den Exhumierungen der republikanischen Massengräber gefragt. Ihre Antwort war die folgende: „Das ist eine vom Teufel angeführte Kampagne; sie machen alles kaputt, wir haben ihnen schon vergeben.“ Es ist evident, dass dieses Vergeben niemals existiert hat, aber der Satz, der die wunderbaren Vorteile des Vergessens für die Franquisten repräsentiert, ist „sie ruinieren alles“. Die Frau drückt auf diese Art aus, dass der demokratische Wandel „alles geordnet“ zurück gelassen hatte; allerdings nur für die tausenden Franquisten, die keine Verantwortung für die Zerstörung der ersten spanischen Demokratie, der Zweiten Republik, die Ermordung, die illegalen Verhaftungen und das Exil von hunderttausenden Personen übernehmen mussten.

 

Der Regierungswechsel im März 2004 hat einen Wandel im Verhältnis der öffentlichen Institutionen mit dem historischen Gedächtnis eingeleitet. In dieser neuen Etappe der sozialistischen Regierung gilt das Argument der Gefahr eines militärischen Eingreifens nicht mehr und so sind die Möglichkeiten, den Prozess zu bremsen geringer. Im Juli 2004 kündigte der Ministerrat tatsächlich die Bildung einer interministerialen Kommission für die Opfer des Bürgerkriegs und der franquistischen Diktatur an. Diese Institution hatte die Aufgabe, die Situation der Opfer zu recherchieren, Hilfestellung zu leisten und Schaden wieder gut zu machen.

 

In vielen Bereichen der Gesellschaft misstraute man den Maßnahmen, die die Regierung setzen könnte. Die Angst, die extreme Rechte zu wecken, die bis dahin ruhig geblieben war, ging um. Im Morgengrauen des 16. März 2005 beschloss die Regierung eine Reiterstatue General Francos in einer öffentlichen Straße in Madrid abzumontieren. Die Demontage wurde in der Nacht vollzogen, ohne jemanden zu informieren; mit der Ausrede, dass man den AnhängerInnen des franquistischen Regimes keine Möglichkeit hätte geben wollen, das Entfernen der Statue zu verhindern. Aber viele SympathisantInnen der Linken betrachteten die Geheimhaltung mit Enttäuschung: Sie wären gerne vor Ort gewesen, um „ein Fest der Demokratie“ zu feiern. Wenn die sozialistische Regierung sich endlich entschließen sollte, sich verantwortungsvoll ihrer Arbeit zu stellen, hätte sie viele Aufgaben zu erledigen. Es gibt in Spanien immer noch tausende Gassen, Straßen und Denkmäler zu Ehren der franquistischen Generäle. In den Schulbüchern sind die Inhalte, die sich der Geschichte der Zweiten Republik, des Bürgerkriegs und der Diktatur annehmen, äußerst defizitär. Tausende Jugendliche wissen nicht, wer General Franco war und nichts von den Auswirkungen, die sein Staatsstreich hatte; und schließlich verbleiben die Gebeine des Diktators im „Tal der Gefallenen“, einem gigantischen Mausoleum, das mit den Steuergeldern aller StaatsbürgerInnen erhalten wird.

 

Während einer Ausgrabung, die wir im Sommer 2002 durchführten, schenkte uns ein Mann ein Bild von Castelao, einem galizischen Intellektuellen, der in seinem Exil in Buenos Aires gestorben war. Im Jahr 1937 gestaltete er eine Reihe von Zeichnungen mit dem Titel: „Märtyrer Galizien“. Auf dem Bild, das uns geschenkt wurde, sieht man eine Gruppe von Männern, die Kadaver in ein Massengrab werfen. Darunter steht geschrieben: „Sie begraben keine Kadaver, sondern Samenkörner“. Die Zeichnung erklärt perfekt den Prozess, in dem Spanien heute steht: Wir sammeln diese Samenkörner, die uns die Männer und Frauen hinterlassen haben, die unsere erste Demokratie erbauten und die deswegen ermordet wurden. Wir Enkel sind ein „soziologischer Unfall“, die diejenigen nicht vorgesehen haben, die das Vergessen erfunden haben. Wir sind bereit, ihr Gedächtnis, ihre Erinnerung zu würdigen und ihnen einen Platz in der Geschichte zuzuweisen, den sie verdient haben.

 

 

 

Santiago Macías

(Übersetzung: Philipp Mettauer)

 

http://www.memoriahistorica.org/

 


[i] Die Falange war ab 1942 die Einheitspartei der franquistischen Diktatur, Anm. der Red.