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Ausgabe 3/09


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Erinnerung an Jean Jaurès

Im 3. Wiener Bezirk Landstraße gibt es die Jaurèsgasse. Anlässlich seines 150. Geburtstages und 95. Todestages stellen wir uns mit einigen Ansatzpunkten zur Vita des Namensgebers ein.


Der Internationalist und Friedenskämpfer Jean Jaurès wurde am 3. September 1859 in bürgerlichen Verhältnissen im Department Tarn in Frankreich geboren und wirkte nach Abschluss seines Philosophiestudiums als Mittelschullehrer und Universitätsprofessor.


Bereits in jungen Jahren wurde er, noch als bürgerlicher Radikaler, Parlamentsabgeordneter. Aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse des Bergarbeiterbezirks den er vertrat fand Jaurès jedoch bald den Weg in die französische Arbeiterbewegung. Diese war damals noch in mehrere Organisationen zersplittert. Jaurès gehörte mit Jules Guesde, Leòn Blum und anderen zu ihren Einigern und wurde zu einem ihrer bedeutendsten Anreger sowie politischen und intellektuellen Repräsentanten. Er fand bald auch in der „Zweiten nternationale“ breite Anerkennung und erfuhr eine hohe politische und menschliche ertschätzung.


Jaurès kritisierte die monarchistischen, nationalistischen und revanchistischen Grundhaltungen der französischen Konservativen, trat für die Aussöhnung Frankreichs mit dem von den Nationalisten zum „Erbfeind“ erklärten Deutschen Reich ein, stritt für die Wiederherstellung der Ehre des hinterhältig verfemten Hauptmanns Alfred Dreyfus, bekämpfte die französische Aufrüstung und erlangte in der „Internationale“ als unbeugsamer und unüberhörbarer Gegner der drohenden Entwicklung zu einem Krieg der imperialistischen Großmächte große Bedeutung. Deswegen entfachte die politische Rechte eine Hetzkampagne gegen ihn. Am 31. Juli 1914 wurde er von einem fanatisierten Kleinbürgersohn durch zwei Pistolenschüsse in den Kopf ermordet. Die hasserfüllten Tiraden gegen Jaurès waren von seinem Mörder zu Ende gedacht und in die Tat umgesetzt worden.


Das war drei Tage nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, am Tag der Generalmobilmachung in Österreich-Ungarn und in Russland, einen Tag vor der Kriegserklärung des Deutschen Reichs an Russland und fünf Tage vor der Kriegserklärung an Frankreich. Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen, der Kontinent Europa begann in Blut und Tränen unterzugehen.


Die Parteien der „Zweiten Internationale“, die einen Angriffskrieg grundsätzlich ablehnten, waren von den Kriegstreibern mit der Behauptung ausgetrickst worden, dass es um die Verteidigung des jeweils eigenen Landes gehe. Sie erstarrten darob in „Burgfrieden“ und „Vaterlandsliebe“ und leisteten so nicht nur dem Krieg, sondern auch dem Verhängnis der ersten großen Spaltung ihrer eigenen Bewegung Vorschub.


Die „Arbeiter-Zeitung“ vom 2. August 1914 schrieb anlässlich des Mordes an Jean Jaurès: „Es ist ein grausiges Symbol: Bevor das Furchtbare über sie hereinbrechen kann, mußte die Menschheit um diesen ragenden Kopf kürzer gemacht werden, mußte die internationale Sozialdemokratie ihres hervorragenden Repräsentanten, ihres glühendsten Friedensapostels und Zukunftskünders beraubt werden. Nur über die Leiche Jaurès‘, nur über den heißesten sozialistischen Friedenswillen hinweg geht der Weg zum Weltkrieg.“


Jaurès Mörder wurde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zwar angeklagt, aber freigesprochen, seine Tat blieb ungesühnt. Die Kosten der Prozessfarce wurden der Witwe des Opfers angelastet.


Peter Ulrich Lehner


Redakteur der „mitbestimmung - Zeitschrift für Demokratisierung der Arbeitswelt“, Mitarbeiter der „Initiative für eine sozialistische Politik der SPÖ“ Anlässlich Jaurès 150. Geburtstag erscheint eine ausführliche Würdigung seines Lebens und Wirkens im Jahrbuch 2009 des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer, Opfer des Faschismus und Aktiver AntifaschistInnen.