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Ausgabe 3/09


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Arnetzhoferstraße - Ein Straßenname als Mahnmal

Das von Anrainern ins Leben gerufene Projekt „ARNEZHOFERSTRASSE – EIN STRASSENNAME ALS MAHNMAL“ vermittelt anhand von 7 Tafeln die Geschichte der Arnezhoferstraße. Die  Eröffnung  fand  am  2.  August 2009 statt.


Johann Ignaz Arnezhofer

 

Johann Ignaz Arnezhofer, Kommissär „zur Ordnung der Israelitischen Angele-
genheiten“ organisierte 1670 im Auftrag von Kaiser Leopold I die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus dem Ghetto „Unteres Werd“, heute Teil des 2. Wiener Gemeindebezirks.  In vielerlei Hinsicht mussten die 13461 Jüdinnen und Juden für ihre eigene Vertreibung Steuern entrichten. Für zurückzulassendes Hab und Gut wurde die jüdische Gemeinde nicht entschädigt: „...andere/wegen so kurtzen Termins/zum unversehenen Abzug ihre Substanz um einen Spott verkauffen  lassen/die meisten aber mit  lären Händen/ausser eines geringen Zehrpfennigs/fortziehen müssen/.../unwissend/wo sie mit  ihren unmündigen  Kindern  nur  über Nacht herbergen/...“2 


1670  wurde  die  „neue  Synagoge“ umgebaut und 1671 als Kirche geweiht (heute: Große Pfarrgasse). Der  1640 geborene  Arnezhofer  bewarb  sich 1671 beim Bürgermeister der Stadt Wien um die neu gegründete Pfarrstelle St. Leopoldi:


 „..hernach auch 4 ganzer jahr bei ihro Hoch Bischoff: Hochwürden und
G: Herrn Leopold Grafen v Kollonitz die Capellaniam vorstehen, mit ihnen in Un-garn zu Neutra gewesen, nicht weniger mich in wehrend Juden Comission ge-brauchen lassen...“3


Nach neun Jahren Seelsorge in der Pfarre St. Leopoldi verstarb Arnezhofer
1680 an der Pest.


1906 ließ Dr. Karl Lueger (1844-1910) einen Teil der damaligen Erlafstraße,
1020 Wien, nach Johann Arnezhofer benennen. Der damalige Stadtrat Op-penberger beantragte in der Stadtrats-Sitzung vom 19. April 1906:

 „ ... den [...] Teil der Erlafstrasse nach Johann Ignaz Arnezhofer, welcher um
1671 der erste Pfarrer der an der Stelle der niedergerissenen Synagoge erbauten Kirche in der Leopoldstadt war, der Kommission zur Ordnung der jüdischen Angelegenheiten angehörte und nach segensreicher Tätigkeit bei Ausübung seines priesterlichen Berufes der Pest erlag, mit Arnezhoferstrasse zu benennen.“4


Der Wiener Bürgermeister bediente sich oft massiver antisemitischer Propaganda und nutzte die Verhetzbarkeit der unteren Mittelschicht für seine politischen Ziele. In der Zeit intensiver Zuwanderung vielfach armer Bevölkerungs-schichten aus dem gesamten damaligen Kaiserreich setzte Lueger ein Zeichen:
Die Vertreibung der „Fremden“ kann jederzeit wieder durchgeführt werden. In diese Geisteshaltung tauchte Adolf Hitler ein als er sich ab 1907 vergeblich um Aufnahme an der Malschule der Wiener Kunstakademie bemühte.


In diesem Kontext erscheinen die Ausführungen der offiziellen Homepage der Stadt Wien zum Thema „Straßennamen“ befremdlich:


„Die Wiener Straßennamen dienennicht nur der Orientierung im Straßen-
netz, sie erzählen auch Geschichten und beschreiben so den Charakter der Stadt. Sie erinnern an wichtige Ereignisse und ehren bedeutende Persönlichkeiten. Inanderen Städten sind viele Straßen einfach durchnummeriert. In Wien hat jede der über 6.200 Verkehrsflächen ihren eigenen, aussagekräftigen Namen.“5


„...die Judenschaft von Wien abzuschaffen wäre“


Die ab dem Mittelalter in Wien lebende jüdische Gemeinde wurde im Zuge
des Pogroms von 1420/21 vollständig zerstört. Viele Jüdinnen und Juden wurden in den Selbstmord getrieben oder in kleinen, ruderlosen Booten auf der Donau ausgesetzt, mehr als 200 Menschen wurden am Scheiterhaufen verbrannt. Ab dem 16. Jahrhundert setzte die Ansiedlung von Juden in der heutigen Innenstadt wieder ein. Auf Druck der Wiener Bürger wurde den Juden 1624 ein Wohnbezirk jenseits des heutigen Donaukanals zugewiesen. In den 1650er Jahren errichtete die jüdische Gemeinde ebendort ein Bethaus, die „neue Synagoge“6.


Die vor der Vertreibung etablierte Kommission „zur Ordnung der Israeliti-
schen Angelegenheiten“ empfiehlt dem Kaiser im 1669 erstellten und äußerst
umfangreichen Votum die Vertreibung der Juden. Das Votum trägt den Unter-
titel „Ursachen, warumben die Judenschaft von Wien abzuschaffen wäre“7


Der Erlass des überaus gläubigen Katholiken Kaiser Leopold I zur Vertrei-
bung der jüdischen Gemeinde wurde von seiner Gemahlin Margaretha The-
resia8, Bischof Leopold Graf von Kollonitsch (weitere Schreibweise: Kollonitz)9, Hofkanzler Johann Paul Hocher, hochrangigen Jesuiten sowie Bürgermeister und Räten der Stadt Wien maßgeblich beeinflusst.10


Die von letzteren verfasste Bittschrift an den Kaiser Leopold I, in der um Aus-
weisung der jüdischen Gemeinde ersucht wird, weist auf die Namensgebung
der heutigen Leopoldstadt:


 „...erbiethen wir uns hiemit diejenigen 10.000 fl., ..., E. K. M. in Dero Hofcammer, ..., alle Jahre richtig und unablässig zu erlegen und zu bezahlen, wenn hingegen zu Verhietung alles mehreren Unheils und Aufnemben der sehr geringen Burgerschaft das gottlose Volck der Juden von hinnen af ewig genzlichen abgeschafft und uns dero Häuser zu Aufrichtung einer neuen Statt allergnädigst
überlassen werden. [...] mit mehrern Trost und Versicherung die sogenante
Judenstatt in Leopodinam verändern,aus der teuflichen Synagog einen Got-
testempl aufrichten, benebens anstatt der verderblichen und schädlichen Ju-
den die neue Statt mit geschwohrnen catholischen Burgern mit landsfürstlichen frölichen Augen ansehen; [...] Als langt an E. K. M. unser und der gesambten armen betrangten, doch getreuen Burgerschaften allerunterthenig gehorsambistes, umb Jesu, des von den Juden Gecreuzigsten, willen, höchstflehent-liches Bitten und Seufzen, ..., von der unleidentlichen, vergiften, jüdischen bösen Sucht zu erledigen und befreyen und zu dem End allen jüdischen Anhang auf ewig genzlichen ausschaffen...“11


Zur Aktualität des Themas seien die Äußerungen und Handlungen von
Jugendlichen bei der Gedenkfeier im Museum Ebensee am 9.Mai 2009 und
bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz Ende April 2009 erwähnt. Die
weiter reichende Bedeutung der Wahl von Martin Graf zum Dritten National-
ratspräsidenten, sein Zugang zu Vertretern der jüdischen Gemeinde seien ebenso in Erinnerung gerufen wie ein neuerlich rechtsextremer Wahlkampf der FPÖ im Frühjahr 2009 „Abendland in Christenhand“.12  


Nicht-Sehen-Wollen


Das Projekt erzählt die Geschichte der Arnezhoferstraße in vier chronologisch
geordneten, fragmentarischen Abrissen. Diese Episoden werden mittels 7 an die Fassade der Liegenschaft Arnezhoferstraße 7 applizierten Tafeln erläutert. Anhand jener Tafeln unternehmen Passanten eine Zeitreise in der sie sich vom 17. Jahrhundert zur Gegenwart bewegen.


Die transparenten und kaum wahrnehmbaren Acrylglas-Tafeln sind eine
Metapher für das Nicht-Sehen-Wollen des Wiener Antisemitismus. Die Anzahl
der Tafeln verweist auf jene 7 in NS-Vernichtungsstätten ermordeten Jüdinnen und Juden, die vor ihrer Deportation in der Arnezhoferstraße 7 wohnten. Die Zahl 7 ist eine gleichwohl im Christentum als auch im Judentum mythisch besetzte Ziffer, nicht zuletzt aufgrund der gemeinsamen Basis Altes Testament bzw. Thora. „7“ symbolisiert ein Ganzes, eine Fülle. Gleichzeitig ist dieses „Ganze“ wiederum häufig Teil einer größeren Entität, z.B. 7 Tage der Woche. 49 Tage (7 x 7) trennen die Feste Ostern und Pfingsten bzw. Pessah und Schawuot.


Das Eröffnungsdatum des Projekts erinnert an die Eröffnung der Ausstellung
„Der ewige Jude“ am 2. August 1938, ebenfalls im 2.Bezirk. Diese Wanderausstellung diente den Nationalsozialisten zur weiteren Verhetzung der Bevölkerung, bei der sie Akzeptanz für die Novemberpogrome, 9./10.Nov.1938, sowie
für die Shoah schafften.


Nach meiner kurzen Begrüßung referierten Uschi Lichtenegger und Karl
Öllinger über Aktivitäten der einzelnen Fraktionen auf Bezirksebene bzw. über
die Symbolkraft der Umbenennung. Jan Tabor, Architekturkritiker, sprach im Anschluss über das weitere Schicksal der 1670 vertriebenen Juden. Diese konnten sich 1673 in Safov13 an der heutigen österreichisch-tschechischen Grenze
ansiedeln.


Ehrenschutz der Veranstaltung: Raimund Fastenbauer (Generalsekretär des
Bundesverbands der IKG in Österreich), Uschi Lichtenegger (Bezirksrätin Leo-
poldstadt, Wien, Die Grünen); Karl Öllinger (Abgeordneter zum Nationalrat,
Die Grünen); Josef Pröll  (Finanzminister, Vizekanzler, ÖVP); Albert Steinhau-
ser (Abgeordneter zum Nationalrat, Die Grünen); Terezija Stoisits Volksanwältin, Die Grünen).


Neben positiven Signalen seitens der Diözese Wien sowie der SPÖ Leopold-
stadt gab es auch kritische Reaktionen. Zwei neonazistische Websites14 empfanden die Veranstaltung ebenso entbehrlich wie die FPÖ:


„FPÖ/Wien/Leopoldstadt /Seidl/Arnezhoferstraße FP-Seidl gegen unsin-
nige Straßenumbenennung im 2. Bezirk, Utl.: SPÖ und Grüne wollen Anrainern Geld aus der Tasche ziehen Wien, 14-08-2009 (fpd) - Während in Wien täglich neue Kriminalitätsrekorde aufgestellt werden, sorgen sich SPÖ und Grüne um Straßenschilder, auf denen der Namen eines von den roten und grünen Gutmenschen ertappten, angeblich antisemitischen Pfarrers aus dem 17. Jahrhundert(!) prangt. „Ihnare Sorgen und das Geld vom Gates mechat i haben“, meint dazu der Leopoldstädter FPÖ-Obmann KO Wolfgang Seidl und fordert ein Ende der unsinnigen Diskussion um die Arnezhoferstraße. Bezahlen die gutmenschelnden Gesinnungsschnüffler aus den Reihen von SPÖ und Grünen die Kosten für Ummeldungen, Dokumentenumschreibungen und andere daraus resultierende finanzielle und organisatorische Belastungen? Nachdem dies eher unwahrscheinlich ist, sollen Kubik und Hasch das Wühlen in der Vergangenheit beenden und die Bewohner der Arnezhoferstraße in Ruhe lassen, sagt Seidl. (Schluss)“15


Dokumentation der Eröffnung:
http://wientv.org/2009/08/09/wer-war-arnezhofer/
Projekt-Website:  
http://arnezhoferstrasse.currentlynowhere.com


Arch. DI Erich Koller
Projektinitiator
Gedenkdienstleistender Jerusalem 1996/97


1 Neumanns Bericht an den Kurfürsten Friedrich Wilhelm,19. Feb.1669, Acta des Königl. Geheimen Staatsarchivs, Dt. Zentralarchiv
2 Memorial der Judenschaf zu Wien an I. K. M. (Kaiser Leopold I) 1669, Walther Pichler, „Von der Synagoge zur Kirche“. Wien Dom Verlag, 1974
3 Brief von Johann Ignaz Arnezhofer an Bürgermeister und Rat der Stadt Wien, 9.Sept.1671, Archiv der Stadt Wien, A.H. Akten, 18/1671
4 Protokoll der Stadtrats-Sitzung vom 19.April 1906, Nr. 38 – 11.Mai 1906, Aktenzahl (15919 XVI, 6204) S943, Archiv der Stadt Wien
5 Homepage der Stadt Wien: http://www.wien.gv.at/kultur/strassennamen/     Abrufdatum: 2009-06-02
6 Pierre Genée, „Die zerstörten Synagogen Wiens“, Hsg. Bob Martens, Herbert Peter, Mandelbaum Verlag, 2009
7 Alfred Francis Pribram, „Die Heirat Kaiser Leopolds I. mit Margaretha Theresia von Spanien“, Urkunde 197-108, Wien 1891
8 Die junge Kaiserin aus Spanien vermutete in der Anwesenheit der jüdischen Gemeinde den Grund ihrer Unfruchtbarkeit. Walther Pichler, „Von der Synagoge zur Kirche“. Wien Dom Verlag, 1974
9 Der Bischof von Wiener Neustadt. Als Bischof von Neutra, Ungarn vertrieb er über tausend Juden aus dem Bistum Neutra. Berichte des schwedischen Gesandten in Wien Hanns Heinrich von Gebsattel, 1667-1670, Germanica, BI, Reichsarchiv Stockholm
10 lt. Walther Pichler, „Von der Synagoge zur Kirche“. Wien Dom Verlag, 1974
11 Alfred Francis Pribram, „Die Heirat Kaiser Leopolds I. mit Margaretha Theresia von Spanien“, Urkunde a. a. O., 208ff
12 Homepage der Freiheitlichen Partei Österreichs: http://www.fpoe.at/index.php?id=7701 Abrufdatum<//a>: 2009-06-02
13 Deutscher Name: Schaffa
14 http://forums.skadi.net/showthread.php?p=961966#post961966
  http://www.alpen-donau.info/WP/2009/08/mal-wieder-ein- mahnmal-die-arnezhoferstrase/
 Abrufdatum beide: 2009-08-02
15 OTS0053 5 II 0148 NFW0002 CI, 14. Aug. 2009