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Ausgabe 3/09


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"Die Judenfrage ist in Serbien nicht mehr"

Am 15. April 1941 wird Serbien von deutschen Truppen besetzt. Als eines der wenigen von dem Dritten Reich besetzten Gebiete verbleibt Serbien unter der Verwaltung der Wehrmacht. Die höchste Autorität im Land ist er Militärbefehlshaber in Serbien“, dem nicht nur die Besatzungstruppen sondern auch die zivile Verwaltung in Serbien untersteht und damit, gemeinsam mit der Sicherheitspolizei die so genannten „Judenangelegenheiten“.


In einem Bericht über antijüdische Maßnahmen in den besetzten Gebieten
vom 29. Mai 1942 notiert der Judenexperte des Auswärtigen Amtes: „Die
Judenfrage ist in Serbien nicht mehr. Es handelt sich dort nur noch um die Rege-
lung vermögensrechtlicher Fragen.“ Übersetzt aus dem Amtsjargon des Drit-
ten Reiches bedeutet diese Meldung dass die Ermordung der Juden Serbiens
durch die Sicherheitspolizei und die Wehrmacht abgeschlossen war.


Außerordentlich an der Vernichtung der Juden Serbiens sind der Zeitpunkt
als auch die zwei Phasen des Prozesses. Am 29. Mai 1942, als der oben ge-
nannte Bericht fertig gestellt wurde, waren zwar zwei der drei Vernichtungslager
der „Aktion Reinhardt“ schon in Betrieb allerdings war die „Aktion Reinhardt“, die geplante Vernichtung der Juden in den so genannten „besetzten Ostgebieten“
noch nicht angelaufen. Der vergleichs-weise frühe Zeitpunkt des Vernichtungs-
prozesses in Serbien steht in engem Zusammenhang mit der Verwaltung
Serbiens durch die Wehrmacht und deren Politik gegenüber dem serbischen
Aufstand gegen die Deutschen im Sommer und Herbst 1941.


Schon im April 1942, nach dem Einmarsch der Deutschen, unterwarfen diese die Juden ersten, diskriminierenden Gesetzen und Maßnahmen. Doch mit dem Beginn des Partisanenaufstandes in Serbien im Juni 1942 begann sich die Situation für die jüdische Bevölkerung in kürzester Zeit massiv zu verschlechtern. Da Juden im Weltbild der nationalsozialistischen Führung mit antideutschen Partisanen eng verbunden waren und diesen Hilfe leisteten, begann die Wehrmachtsverwaltung in Serbien im August 1941 Juden aus Gebieten mit starker Partisanentätigkeit auszusiedeln und in zwei Konzentrationslagern nahe Belgrad zu internieren. Mit der Eskalation des Aufstandes und den vermehrten Aktionen der Partisanen gegen die deutschen Truppen und Behörden befahl Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht in Berlin, dem „Kommandierenden General in Serbien“, Franz Böhme, ehemals General des Österreichischen Bundesheeres,
für jeden verwundeten deutschen Soldaten 50 und für jeden getöteten 100 Gei-
seln zu erschießen. Böhme zog vornehmlich männliche Juden als Geiseln heran und setzte die Quoten dieser so genannten „Vergeltungspolitik“ fort bis fast alle männlichen Juden Serbiens zwischen 14 und 65 ermordet worden
waren.


In der zweiten Phase der Vernichtung der Juden in Serbien ermordete die Si-
cherheitspolizei in Serbien die verbleibenden Frauen, Kinder und Personen
über 65 im Konzentrationslager Sajmiste nahe Belgrad. Errichtet von jüdischen
KZ-Häftlingen selbst im Dezember 1941, traf dort Ende Februar, Anfang März ein
in Berlin konstruierter Gaswagen ein. Jeweils um die hundert Häftlinge des La-
gers wurden in diesen umgebauten Möbelwagen gezwungen, bei dem die Ab-
gase aus dem Auspuff in den Lagerraum mit den jüdischen Häftlingen umgeleitet
wurden. Täglich, manchmal sogar mehrmals, fuhr der Gaswagen von dem Lager
in Sajmiste durch die Innenstadt von Belgrad zu einer nahe gelegenen Erschie-
ßungsstätte, wo die Leichen der ermordeten Juden von serbischen Zwangsar-
beitern vergraben wurden. Im Mai war die Operation abgeschlossen und die In-
sassen des Lagers Sajmiste tot.


Die genaue Zahl der ermordeten Juden in Serbien ist nach wie vor unklar.
Man schätzt die Zahl der ermordeten männlichen Juden auf ca. 10.000 wäh-
rend man beim Konzentrationslager in Sajmiste, in dem auch Roma und Sinti
interniert waren, von ca. 7.000 Opfer ausgeht.Sajmiste ist ein heute fast vergessenes Lager. Im heutigen Stadtteil Neu Belgrad gibt es zwar ein Denkmal an die Opfer der deutschen Besatzung, doch erwähnt es weder die ermordeten Juden
noch das Lager. Seit den 80er Jahren haben sich mehrere Initiativen darum be-
müht auf dem ehemaligen Lagergelände ein Museum oder eine Gedenkstätte zu
errichten, doch sind diese Versuche bisher nicht erfolgreich gewesen.


Johannes Breit
Gedenkdienst am US Holocaust Memorial Museum
in Washington 2008/2009

 
Literaturverweis:


Walter Manoschek: „Serbien ist
judenfrei“ - Militärische Besatzungs-
politik und Judenvernichtung in Serbien
1941/42, München 1995


Christopher Browning: Fateful months:
essays on the emergence of the final
solution, New York, 1985


Dirk Auer: Aus der Zeit gefallen,
Jüdische Allgemeine 36/09, 3. Septem-
ber 2009