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Ausgabe 3/09


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Theresienstadt und Wien

Eine pädagogische Annäherung

Der Jahrestag des Novemberpogroms 1938, die Nacht vom 9. auf den 10. November, nimmt als Gedenktag eine zentrale Rolle ein. So auch bei der wiener Organisation ESRA, die sich um Opfer traumatischer Ereignisse und deren Spätfolgen und insbesondere um Überlebende der NS-Verfolgung kümmert.  In Zusammenwirkung der Sozialabteilung der  Israelitischen Kultusgemeinde Wien und der Stadt Wien entstand 1994 das psychosoziale Zentrum ESRA. Seither bemühen sich die MitarbeiterInnen von ESRA um eine sowohl medizinische,  als  auch  therapeutische Versorgung von Opfern der Shoah und deren Angehörigen, sowie um die Beratung  im  sozialarbeiterischen Sinn  und  Betreuung  von  in  Wien lebenden Juden und Jüdinnen. Auch Integrat ionshilfen für jüdische   MigrantInnen, bietet ESRA an.


Im Rahmen des 15-jährigen Bestehens der   ESRA wurde am 9. und 10. November 2009 die Kinderoper „Brundibár“  im Rahmen einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Novemberpogroms und die Kinder Theresienstadts aufgeführt. Partner dabei war die Israelitische Kultusgemeinde.


ESRA wollte mit dieser Aufführung einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und zur Sensibilisierung von Jugendlichen gegen Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus leisten, deshalb veranstaltete sie zwei moderierte Aufführungen für Schulklassen. 


Die Oper „Brundibár“


Die Oper „Brundibár“ entstand 1938 als Gemeinschaftswerk des Librettisten Adolf Hoffmeister und des Komponisten Hans Krása  in Prag. Die Uraufführung fand heimlich 1941  in einem jüdischen Waisenhaus statt, da die Stadt von den Nationalsozialisten besetzt war und der jüdischen Bevölkerung es verboten war zu musizieren. Als Krása im August 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, konnte er die Partitur nicht mitnehmen und komponierte eine neue Fassung der Oper. Zwischen 1943 und 1944 wurde „Brundibár“ in Theresienstadt 55 mal von dort  inhaftierten Kindern und Jugendlichen aufgeführt. Die großartige Musik und die Botschaft der Oper - eine Parabel vom Sieg des Guten über das Böse - stellten für die Menschen einen Gegensatz zu ihrem von Unterdrückung, Hunger, Krankheit und Tod geprägten Alltag dar. Die Botschaft der Oper, dass man gemeinsam stärker ist und das Böse besiegen kann, stand in der damaligen Zeit stark im Vordergrund, ist aber auch heute noch von zentraler Bedeutung.


„Freundschaft alle Zeit, hilft euch  in jedem Streit und schafft Gerechtigkeit. Nehmt euch bei der Hand, und knüpft das Freundschaftsband!“ so die Schlussworte der Oper. Die Geschwister Aninka und Pepicek wollen für ihre kranke Mutter Milch kaufen. Aufgrund  ihrer Armut können sie diese nicht bezahlen. Sie suchen eine Möglichkeit Geld zu verdienen und werden auf den Leierkastenspieler Brundibár aufmerksam. Sie versuchen es  ihm gleich zu  tun und versuchen zu singen,  aber  ihre  Stimmen  sind  zu schwach um gegen die laute Musik des Leierkastenspielers anzukommen. Die Kinder werden erst von Brundibár verspottet,  dann bedroht und  schließlich verjagt. Aninka und Pepicek bekommen jedoch Hilfe von einem Spatz, einer Katze und einem Hund. Diese rufen die Kinder aus der Nachbarschaft zusammen und gemeinsam singen sie und sind so stark und laut, dass sie Brundibár besiegen können. Die Geschwister bekommen Geld und können der kranken Mutter die heilende Milch kaufen.


Die meisten SängerInnen und auch Hans Krása wurden 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Greta Klingsberg überlebte als eine der wenigen. Sie sang die weibliche Hauptrolle der Aninka 53 mal in Theresienstadt. Nach der Befreiung ging sie nach Israel und studierte dort Gesang. Auch heute dreht sich ihr Leben um die Musik: sie erklärte sich dazu  bereit,  die  Veranstaltungen  der ESRA zu moderieren und für Fragen zur Verfügung zu stehen.


GEDENKDIENST geht an die Schulen


ESRA  trat an den GEDENKDIENST heran und bat um Unterstützung  in der Vorbereitung und Vermittlung für SchülerInnen. Aufgrund ihrer Vielfältigkeit bietet die Oper „Brundibàr“ mehrere Möglichkeiten Themen  im Zusammenhang mit den Fächern Musik, Geschichte oder Religion zu behandeln. Das Anliegen war es, die SchülerInnen für die Thematik zu sensibilisieren und mit den historischen Hintergründen zu Theresienstadt für eine individuelle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu ermuntern.


Zeitgeschichtliche, musikalische und ethische Fragen wurden dabei erörtert. TrainerInnen des GEDENKDIENST konzentrierten sich vor allem auf die Aspekte des Alltags der jüdischen Kinder sowohl in Wien ab 1938, als auch in Theresienstadt. Ein besonderes  Interesse galt dabei der Bedeutung von Kunst und Kultur  in dem als Musterghetto dargestellten Lager, welches noch heute als harmlos wahrgenommen wird. Von den ca. 15.000 nach Theresienstadt deportierten Kindern waren zu Kriegsende nur noch einige hundert am Leben.


Durch die Klärung des Begriffunterschieds  „Reichskristallnacht“  und „Reichspogromnacht“ fand sich ein Einstieg in die Thematik. Je nach Wissensstand der SchülerInnen wurden die Abschnitte des Nationalsozialismus besprochen und ein Fokus auf den Anschluss von Österreich 1938 und die damit zusammenhängende Verfolgung und Deportation gegeben. Vor allem die Beziehungen zwischen ÖsterreicherInnen und Theresienstadt wollten wir dabei herausstellen.


Der praktische Teil, in dem die SchülerInnen agieren sollten, war eine Analyse dreier Bilder, die in Theresienstadt zur Zeit des Ghettos illegal gemalt wurden. Die zentralen Fragen waren dabei: Was ist auf dem Bild zu sehen? Wer könnte dieses Bild gemalt haben? Und warum wurde dieses Motiv gemalt?


Die SchülerInnen sollten herausfinden, was die Bilder zeigen. Dann sollte über die Motive solcher Zeichnungen gesprochen werden und  warum genau diese gemalt wurden.


Dabei war es wichtig herauszustellen, dass mit den Motiven versucht wurde die Lagerrealität von Theresienstadt zu dokumentieren um sie für die Zeit nach der Befreiung verständlich zu machen.  Deshalb waren sämtliche Darstellungen die die brutale Realität im Ghetto zeigten von den Nationalsozialisten verboten und unter Strafe gestellt worden. Solche Motive waren Transport, Hunger, Krankheit, Tod – also sämtliche Aspekte der Lagerrealität. Die Bilder gelten als eine Dokumentation des Schreckens als Gegenstück zu der alltäglichen propagandistischen Inszenierung und halfen eine gewisse Distanz zu den Geschehnissen herzustellen. Ein weiteres wichtiges Motiv das die große Zahl an im Ghetto produzierten Kunstwerken zu erklären vermag ist der positive Effekt, den schöpferische Tätigkeiten  auf den/die Einzelne/n  hat. Zu  malen bedeutete für viele Menschen im Ghetto, dass ein Raum  für die eigene Individualität geschaffen werden konnte – an solch einem Ort, wie dem Ghetto Theresienstadt. Sei es malen, singen oder auch im Publikum zu sitzen und zuzuhören – solche Tätigkeiten halfen den Menschen dabei, an eine Normalität und an ein Leben nach dem Ghetto zu glauben.


Die besprochenen Bilder wurden illegal in der „Grafischen Abteilung“, ein innerhalb der Struktur der „Selbstverwaltung“  in Theresienstadt eingerichtetes Zeichenbüro, angefertigt. Die Grafische Abteilung war eigentlich dazu da, um propagandistisches Material  also Zeichnungen, grafische Darstellungen „praktischer“ Aspekte des Lebens in Theresienstadt herzustellen. So wurden  dort  z.B. Bilder der Kanalisation, der Elektrifizierung,  sämtlicher Abteilungen  der Selbstverwaltung, aber auch „Naturbilder“ mit meist menschenleerem Ghetto produziert.


Für die Nachbereitung bot GEDENKDIENST den Schulklassen den NS-Propagandafilm „Theresienstadt- Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet“ (auch unter dem Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ bekannt) an. Mit dem aktuellen Gedenkdiener  in Theresienstadt sprachen die Lehrer über den Einsatz eines solchen Filmes, der dann aber bewusst nicht  in den Unterrichtseinheiten gezeigt wurde, weil viel Zeit und Raum für eine Kontextualisierung und Diskussion des Propagandastückes notwendig gewesen wäre.


Eine detaillierte Vorbereitung über die verschiedenen Aspekte des Alltags  in Theresienstadt ist essenziell für eine kritische  Auseinandersetzung  mit  dem Film. Die Absicht der Auftraggeber war die  inszenier te  Vor täuschung  einer scheinbar perfekten Gemeinschaft der jüdischen Bevölkerung    in Theresienstadt, die wahren Zustände wurden mit romantischen Bildern  von  spielenden Kindern und glücklichen Gärtnern übertüncht.


Die Häftlinge Theresienstadts wurden zur Täuschung missbraucht und anstelle des versprochenen Lohns wurden die meisten die bei den Dreharbeiten mitgearbeitet  hatten  nach  Auschwitz  verschleppt und dort ermordet.


Der in Fragmenten erhaltene Film kann heute gut verwendet werden, um das propagandistische Bild mit der Realität  im Ghetto Theresienstadt zu vergleichen.  In der Nachbereitung würde zuerst eine Erklärung in welchem Zusammenhang der Propagandafilm gedreht wurde erfolgen. So genannte Verschönerungsaktionen wurden vorgenommen, um einer Delegation vom Roten Kreuz vorzutäuschen, wie gut es die Häftlinge in Theresienstadt hätten. Tatsächlich wurden zum Beispiel hunderte Menschen in die Gaskammern weitertransportiert,  um  das  Ghetto  nicht überfüllt aussehen zu lassen.


Die Überreste dieses Films  im Unterricht mit Jugendlichen zu verwenden ist daher nicht von vornherein auszuschließen, jedoch relativ aufwendig. Vorwissen und Vorbereitung über die verschiedenen Aspekte des Alltags  in Theresienstadt sind dabei ausschlaggebend um den Film im Kontext betrachten zu können.


Erfahrungen für die Zukunft


Unsere Erfahrungen in den Schulklassen zeigten, dass sowohl Wissen außerhalb des Unterrichts erlangt wurde, als auch persönliche Erfahrungen mit diesem Thema gemacht wurden.  So spielt beispielsweise das Nachfragen in der eigenen Familiengeschichte eine zentrale Rolle für das Erkennen der historischen und politischen Zusammenhänge. Die SchülerInnen arbeiteten sehr nteressiert mit und es entstanden viele spannende Diskussionen. So erzählten auch SchülerInnen von ihren Großeltern, die selber in Theresienstadt waren, es wurde über Bücher gesprochen oder ber Filme, die damit im Zusammenhang stehen.


Die  Aufführungen  von  „Brundibár“ zum Jahrestag der Novemberpogrome boten vielschichtige Möglichkeiten, sich mit den Thematiken Shoah und Nationalsozialismus  zu  beschäftigen  und den Opfern zu gedenken. Die Vor- und Nachbereitungen des Opernbesuches für Jugendliche,  die vom Verein GEDENKDIENST  organisiert  und  durchgeführt wurden, sollten zusätzlich den Kontext der Oper besser verständlich machen und über die Bedeutung von „Brundibár“, die über den Wert als wunderschöne Kinderoper hinaus geht,  informieren. Alle Beteiligten sind sowohl mit der Vorbereitung, als auch mit der Durchführung sehr zufrieden. Aufgrund des guten Gelingens stehen weitere Kooperationen  in Aussicht. Im Rahmen der Didaktikwerkstatt werden sicherlich weitere solcher Projekte entstehen.


Jenny Linde
arbeitet für den Verein GEDENKDIENST