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Ausgabe 3/09


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DidaktikWerkstatt

Neu Arbeitsgruppe für historisch-politische Bildungsarbeit des Verein Gedenkdienst

 

Seit Oktober gibt es im Verein eine neue Arbeitsgruppe die sich mit historisch-politischer Didaktik auseinandersetzt, diesbezügliche Fragen diskutiert und neue pädagogische Konzepte entwickelt.


Die Gründung der DidaktikWerkstatt basiert auf dem Bedürfnis den didaktischen Grundsatzdebatten innerhalb des Vereins ein Forum zu bieten. 2009 war ein aktives Jahr für den Verein - Sowohl in der so eben abgeschlossenen Guide-ausbildung, als auch in der Vorbereitung auf die Gedenkdienst-Tagung mit dem Arbeitstitel „Geschichtsdidaktik und Geschichtsvermittlung“ Ende 2010 sind viele Fragen und Themenkomplexe neu zur Diskussion gestellt worden. Und darum gibt es uns jetzt!


Wir, die „DidaktikWerkstatt“, das sind 20 Frauen und Männer die unter anderem
aus den Fachbereichen Pädagogik, Geschichte, Politikwissenschaft, Philosophie und Kulturwissenschaften kommen und spezifisches Wissen sowie unterschiedliche Erfahrungen in der Jugendarbeit mitbringen.


Unser Ziel ist es, gemeinsam neue Ansätze für die zu vermittelnden Inhalte zu entwickeln und uns das Handwerkszeug für die Praxis anzueignen. Die inhaltliche Planung sowie die Moderation der monatlichen Arbeitstreffen und die thematischen Referate werden von uns TeilnehmerInnen abwechselnd übernommen.
Hier kommen wir dem Bedarf nach Austausch von Grundlagen und Methoden für elungene Workshops nach. Themenschwerpunkte sind dabei unter anderem Moderationstechniken, Zielgruppenanalysen aber auch der Umgang mit Grup-penprozessen. Diversitäre und gendersensible Aspekte finden dabei besondere Beachtung. Neben der praktischen Methodenanwendung stehen thematische Inputs und die Reflexionen auf der Metaebene im Fokus, um den interdisziplinären ustausch unter didaktischem Blickwinkel auch tatsächlich gewährleisten zu können.


Unsere inhaltlich pädagogische Arbeit orientiert sich an den Grundsätzen der Interkulturellen Bildung, der Antirassismusarbeit sowie der Gedenkstättenpäd-agogik. Sowohl vereinsintern als auch in der Arbeit mit Jugendlichen verfolgen ir das Prinzip der Freiwilligkeit sowie der partizipativen Teilnahme. Wir verstehen Didaktik als die Lehre von der Vermittlung - „wer behandelt mit wem warum welches Thema in welchem Rahmen?“. Didaktische Kompetenzen sind für uns die Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Vermittelnden, den Lernprozess der einzelnen Lernenden optimal zu fördern.


Wir engagieren uns als BegleiterInnen und VermittlerInnen in der historisch-
politischen Bildungsarbeit, möchten schultypen- und jahrgangsübergreifend
arbeiten und der regen Nachfrage von LehrerInnen nach einem professionellen
Zugang der außerschulischen Geschichtsvermittlung nachkommen.


Ein weiteres Ziel der DidaktikWerkstatt ist die Erarbeitung eines Handbuches so-
wie eines Werkstatt-Wikis. Hier sammeln wir unsere Protokolle, Methodenanleitun-
gen, Literaturhinweise und theoretischen Diskussionen. Außerdem stehen sämtli-
che Materialien selbstverständlich vereinsinternen Projekten wie den Vorberei-
tungsseminaren für zukünftige Gedenkdienstleistende und der Studienfahrten-
gruppe zur Verfügung.


Projekte


Gerade weil wir in vergangenen Projekten schon Er fahrungen sammeln
konnten, haben wir noch viel vor! Zwei Projekte möchten wir an dieser Stelle vorstellen. TeilnehmerInnen der DidaktikWerkstatt organisierten und konzipierten
folgende Workshops, die exemplarisch und richtungsweisend für unser Engage-
ment stehen:


In Zusammenarbeit mit dem psycho-sozialen Zentrum ESRA konnte der Be-
such der Kinderoper „Brundibár“, die zum Gedenken an die Reichspogromnacht im Theater Akzent aufgeführt wurde, mit SchülerInnen vorbereitet werden. Inhalt
der Workshops war es, in den Klassen den politischen und zeitgeschichtlichen
Kontext der Oper zu behandeln und die SchülerInnen mit der Geschichte There-
sienstadts, speziell mit der Rolle von Kunst und Kultur für das Leben im Ghetto, vertraut zu machen.


Im November wurde eine Projektreihe mit der siebten Klasse eines Gymnasi-
ums und in Kooperation mit dem Jugendcafé „Roter Kakadu“ (Verein Rettet das
Kind) konzipiert und durchgeführt. Gemeinsam mit den SchülerInnen arbeite-
ten wir lebensweltorientiert in fünf Workshops zu Themen wie Identität, Antiras-
sismus und Zivilcourage. Nicht nur in diesem speziellen außerschulischen Bereich
war es wichtig, den Jugendlichen auf Augenhöhe und in einem geschützten Rah-
men zu begegnen, um so Diskussionen Platz einzuräumen und diese professio-
nell zu moderieren.


Anpassung


An diese methodische Schwerpunktsetzung und andere Neuausrichtungen
anknüpfend, ist auch die Abänderung des „Vereinsbeinamens“ in der Generalver-
sammlung 2009 zu sehen. Die Begriffe der „Holocaust-Education“, des „Ziviler-
satzdienstes“ und des „Europäischen Freiwilligendienstes“ decken die Arbeit
des Vereins nur noch bedingt ab. Das Studienfahrtenprogramm, die nachdrück-
liche Forderung und temporäre Ermöglichung aus Eigenmitteln eines Gedenk-
dienstes für Frauen und die theoretische sowie praktische Auseinandersetzung
mit Pädagogik gehen weit über diese, relativ einschränkenden Begriffe hinaus.


Besonders der Begriff „Holocaust-Education“, der als Schlagwort und Titel
in vielen Zusammenhängen verwendet wird, ist überraschend undefiniert. Zwar
legt er das „Lernen über den Holocaust“ oder das „Lernen aus dem Holocaust“
nahe, doch bereits zwischen diesen beiden Definitionen können ganze Weltan-
schauungen liegen. Zudem wird der Begriff in der Praxis weit über die Zeit des
Nationalsozialismus hinaus gezogen und schließt die Behandlung anderer Geno-
zide oft mit ein.


Die Bemühungen des Verein Gedenkdienst in den letzten Jahren, um die
Ermöglichung eines Gedenkdienstes für Frauen unter gleichen Konditionen wie es
Männern im Rahmen des Zivilersatzdienstes möglich ist, impliziert geradezu die
Ergänzung oder Weglassung der Begriffe „Zivilersatzdienst und Europäischer
Freiwilligendienst“. Der Gedenkdienst, der im Ausland gerne als diplomatisches Instrument des staatlichen „Wiedergutmachens“ oder Zeichen des „eh was
tuns“ ge- und benutzt wird, soll von seinem männlichen Monopol gelöst werden.
Die Einteilung in Gedenkdienst als Zivilersatzdienst für Männer, finanziert aus Staatsmitteln und Gedenkdienst (begrenzt auf europäische Länder) als EVS
Freiwilligendienst für Frauen, finanziert aus EU-Mitteln geht klar an dieser Forderung vorbei. Damit einher geht auch eine prinzipielle Aufwertung von der aus staatlicher Sicht billigeren alternativen Ableistung der Wehrpflicht.


„Gedenkdienst -Verein für historisch-politische Bildungsarbeit und Internatio-
nalen Dialog“ lautet der Name, der künftig die Aktivitäten des Vereins breiter abdecken soll. „Bildungsarbeit“ als offener Begriff, der eine Vielzahl an Ebenen auf denen die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte und im speziellen
der Zeit des Nationalsozialismus geschieht umfassen soll, erweitert das
Spektrum an Aktivitäten ohne die „Kerngeschäfte“ auszulassen. Die Attribute
„historisch“ und „politisch“ schließen auch die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und Folgen bzw. Folgerungen aus der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein. „Internationaler Dialog“ weist den Dienst im Ausland aus, öffnet ihn aber weiter als die bisherige Festlegung auf Zivilersatz- und EVS Dienst.


Was bringt die Zukunft?


Viele offene Themenfelder stehen im kommenden Jahr auf dem Programm der
DidaktikWerkstatt: „Gendersensible Arbeit“, „ZeitzeugInnenarbeit“ und „Migra-
tionsaspekte in der Bildungsarbeit“ sind nur einige davon. Auch 2010 ist es für uns wichtig, Konzepte für neue Projekte in der DidaktikWerkstatt offen zur Diskussion zu stellen. Darüber hinaus sind neue TeilnehmerInnen, Ideen und Herausforderungen immer herzlich willkommen.


Über zukünftige Aktivitäten der DidaktikWerkstatt und Bildungsangebote für
Schulklassen informieren wir auf der Homepage des Vereins Gedenkdienst.
Weitere Infos und Kontakt:


anne.froelich(at)gedenkdienst.at
 Linda Erker und Anne Frölich
studiert Geschichte und ist Mitglied
der DidaktikWerkstatt;
Pädagogin und Mitglied der DidaktikWerkstatt