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Ausgabe 3/09


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Un itzt zaynen mir farbrekher?

Von PartisanInnenverfolgung und Medienhetzen – Von Litauen und der EU

 

Mehr sagt sie nicht. Sie spricht nicht weiter; spricht es schon gar nicht an. Fania Yocheles Brantsovsky ist verletzt. Sie nimmt das Bild und legt es zurück ins Bücherregal des Vilne Yiddish Instituts. Seit Jahren arbeitet sie als eine der wenigen noch jiddisch sprechenden als Bibliothekarin am Institut. Das Bild zeigt ihre Familie vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie holte es am Anfang unseres Gespräches um ihre Lebensgeschichte zu erzählen: Geboren 1922 in eine Jiddisch sprechende Familie, aufgewachsen im litauischen Kovne (Kaunas), besuchte eine hebräische Schule im polnischen Vilne/Wilno (Vilnius), im September 1941 inhaftiert im Vilne Ghetto – am Morgen des 23. September 1943 (Tag der Liquidation des Ghettos) aus dem Ghetto geflohen. Sie flüchtete in die Rudiniku Wälder zu einer, unter sowjetischer Führung stehenden, jüdischen PartisanInnengruppe. Sie war so wie die vielen anderen in ihrer Gruppe keine Kommunistin, aber als Jüdin konnte man nicht zu den litauischen oder polnischen PartisanInnen – diese ermordeten Jüdinnen und Juden wenn sie auf diese trafen, forderten teilweise sowjetische Organisationen gar auf, ihnen die jüdischen PartisanInnen „zu übergeben“. Und amerikanische, britische oder französische PartisanInnen gab es 1943 in Litauen keine. Somit entschlossen sie und die anderen Jüdinnen und Juden sich dazu, unter sowjetischer „Führung“ gegen die NationalsozialistInnen und deren KollaborateurInnen zu kämpfen – und das bis Juli 1944. Als wir aber zu dem kommen, was ihr seit Anfang 2008 vorgeworfen wird, hört sie auf.


Heute zählt Fania zu einer der bekanntesten Personen, wenn es um Führungen durch das jüdische Vilnius geht. Sie will erzählen was geschehen ist, davon erzählen wer die 94% der jüdischen Bevölkerung Litauens ermordet hat, denn sehr viele TäterInnen waren LitauerInnen. Darüber spricht man allerdings nicht gerne. Auch die Staatsanwaltschaft nicht. Fania macht es.


Am 10. September 2007 veröffentlichte die litauische Staatsanwaltschaft eine Presseaussendung, wonach gegen Yizthak Arad (*1926, Erster Direktor von Yad Vashem) schon seit längerem Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen geführt würden. Er und weitere PartisanInnen sollen in der Nacht von 29. auf 30. Jänner 1944 das Dorf Kaniukai überfallen, und die 38 BewohnerInnen ermordet haben. Von da an gelangt das Thema der „jüdisch-bolschewikischen PartisanInnen“ in die Medien. Kaniukai wird zu einem Schlagwort.


Kaniukai liegt nicht weit von den Rudiniku Wäldern, jenem Ort wo sich antinationalsozialistische PartisanInnen Organisationen eine „Basis“ errichtet hatten. Um im Winter zu überleben, waren sie auf die Unterstützung der sich in der Nähe befindlichen Dörfer angewiesen. Das wussten auch die NationalsozialistInnen – sie verteilten Waffen an die Dörfer und brannten alle jene nieder, die mit den PartisanInnen kollaborierten. Oft kam es zu efechten zwischen PartisanInnen und DorfbewohnerInnen – so auch Ende Jänner in Kaniukai.


Am 29. Jänner 2008 erschien in der Zeitung Lietuvos Aidas erneut ein Artikel über Kaniukai. Die generell in den Medien verbreitete Version über Karniukai anhand eines Beispieles: „(…) die sowjetischen Terroristen ermordeten alle Einwohner von Kaniukai und brannten das Dorf nieder, alles nur aus einem Grund: Die Dorfbewohner waren die Plünderungen durch Rote Terroristen satt und organisierten eine Selbstverteidigungseinheit ihres Dorfes.“


Die Verfasserin des Artikels, Irena Tumanviciute, forderte, dass auch gegen Fania Brantsovsky und Rachel Margolis (*1921, jüdische Partisanin, gemeinsam mit Fania in den Rudininku Wäldern) Untersuchungen eingeleitet werden sollten. Dies geschah danach auch.


Um sich nicht in der Diskussion über das historische Ereignis „Kaniukai“ zu verlieren, betrachten wir die weitere Entwicklung mit dem Umgang von drei Überlebenden des Holocausts in Litauen, und betrachten nicht (so wie der Litauische Staat) die nie gründlich durchgeführten Untersuchungen, geschweige denn die Prozesse, gegen bekannte litauische KollaborateurInnen. Auch wenn von letzteren bekannt und belegbar ist, wofür sie zur Verantwortung gezogen werden müssen.


Wir setzen fort, im Mai 2008 kam eine Gruppe bewaffneter Polizisten zur Adresse, wo die sonst in Israel lebende Rachel Margolis in den Sommermonaten (wenn sie in Vilne ist) gemeldet ist – sie wollten sie zu einer Befragung mitnehmen. Auch nach Fania Brantsovsky wurde gesucht.


Als man Fania am Institut nicht finden konnte (da sie sich auf einer Führung durch das Ghetto befand), wurde Tage darauf in einer Pressemitteilung angemerkt, dass beide Frauen nicht auffindbar sind, aber von der Staatsanwaltschaft befragt werden müssen. Mehrere Artikel erschienen, in welchen die Forderung deutlich wird, dass die beiden „jüdisch-bolschewikischen“ Frauen zur Verantwortung gezogen werden müssen.


Yizthak Arad geriet zunehmend aus dem Schussfeld öffentlicher Berichterstattung. Er selbst zählt zum Vorstand der Internationalen Kommission zur Untersuchung der Verbrechen der Nazi und Sowjet Okkupationen in Litauen („International Commission for Evaluation of the Crimes of Nazi and Soviet Occupation Regimes in Lithuania“). Später werden die Untersuchungen gegen Arad aus Mangel an Beweisen gänzlich eingestellt. Die Staatsanwaltschaft trifft hingegen keine Aussagen betreffend den Untersuchungen gegen Brantsovky oder Margolis, weder dass sie fortgeführt werden, noch dass sie eingestellt werden. Im Sommer wird Fania Brantsovsky nicht die Möglichkeit gegeben, auf die anscheinend noch offenen Fragen der Staatsanwaltschaft zu antworten. Noch vor kurzem wollten bewaffnete Polizisten die 86- jährige Fania abführen. Es hat den Anschein, als versuche man, die beiden ehemaligen Partisaninnen so lange zu „kriminalisieren“, bis sie nicht mehr die Gelegenheit haben, sich dazu zu äußern. Wenn sie versterben können sie nicht mehr befragt werden. Möglicherweise wird dann ein Nebensatz deren Geschichte „begleiten“: „Nie geklärt wurde die Beteiligung der sowjetischen Partisaninnen an Verbrechen gegen litauische ZivilistInnen.“


Aber zurück zur zuvor genannten „Internationalen Kommission“. Allein schon im Namen lässt sich des Pudels Kern vermuten. Litauen ist seit Jahren aktiv daran interessiert, die Verbrechen der sowjetischen Besatzung unter dem Begriff „Genozid“ in der EU zu verankern. In Litauen selbst geschieht das schon seit langem. Wenn von einem „Genozid“ die Rede ist, dann immer in erster Linie vom sowjetischen, nur nebenbei wird vom „Nazi-Genozid“ gesprochen; auf den Terminus Holocaust wird zur Gänze verzichtet, die schamlose Vermischung der Verbrechen zweier Regime findet statt.


Auf europäischer Ebene wird von Litauen der Standpunkt ver treten, Europa könne nur dann gemeinsam in die Zukunft schreiten, wenn die EU den sowjetischen „Genozid“ als solchen anerkennt und auf eine Ebene mit dem Holocaust stellt (vgl. Prag Deklaration). Innerhalb des Landes geschieht dies allerdings nicht. Nur ein mickriger Teil des Geldes für Unterrichtsprojekte der „Internationalen Kommission“ fließt in Holocaust bezogene Projekte.


Das moderne staatliche „Genozid Museum“ spricht den Holocaust überhaupt nicht an. Hingegen glänzt es mit Zitaten wie „When the Holodomor eyewitnesses, even those who survived the Nazi death camps, were asked what was more frightful – the famine or the war, they unanimously answered: […] (In Auschwitz) we were given some spinach and a little bread… War is terribile, but famine is even worse.“. In ganz Vilne Stadt finden sich Wegweiser zum „Genozid Museum“, das kleine Holocaust Museum hat bis heute keinen vergleichbaren von der Stadt bekommen. Das staatliche „Genocide and Resistance Center“ beschäftigt sich ausschließlich mit anti-sowjetischem Widerstand. Der gesamte (!) Anti-Nazi Widerstand, so die Leiterin des Institutes, sei sowjetischer Widerstand gewesen und somit als „Anti-Litauisch“ zu betrachten – Grund genug diesen also nicht zu erwähnen?


Die Liste dieser haarsträubenden Beispiele wäre noch lange, viel zu lange fortzusetzen. Auch diese Bestandsaufnahme könne ausführlicher sein und die Beispiele der antisemitischen Medienhetze könnten mehr sein. Sie würden die Tendenzen der Gleichsetzung von sowjetischen Verbrechen und dem Holocaust noch stärker veranschaulichen – zeigen, dass wofür Geschichte im Moment verwendet wird, reine Propaganda (gegen Russland?) ist. Auch, wenn zwei alte Partisaninnen dafür als Verbrecherinnen verhetzt werden.


Adalbert Wagner


leistete 2008/2009 Gedenkdienst in Vilnius


Hier finden Sie all die angeschnittenen Ereignisse und vor allem Artikel: www.holocaustinthebaltics.com