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Ausgabe 3/09


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Kommunismus, Faschismus, einerlei?

Am 2. April 2009 beschloss das EU-Parlament mit überwältigender Mehrheit, den Jahrestag des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes, den 23. August 1939, künftig als „europaweiten Gedenktag an die Opfer aller totalitären und autoritären Regime“ zu begehen.1

 

Bis 1945 hatte die Zuschreibung „totalitär“ dem gesamten politischen Spektrum dazu gedient, GegnerInnen zu denunzieren: „totalitär“ waren in diesem Verständnis Feinde der individuellen bürgerlichen Rechte. Erst nach 1945 wurde versucht, den Kampfbegriff in wissenschaftliche Theorie zu kleiden. Bis heute grundlegend sind dabei die Arbeiten von Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski2 sowie Hannah Arendt3. Totalitarismus zeichnet sich nach Friedrich/Brzezinski durch sechs gemeinsame Merkmale aus: 1.) utopische Heilslehre 2.) Hierarchische Massenpartei, 3.) terroristische Geheimpolizei, 4.) staatliches Nachrichtenmonopol, 5.) staatliches Waffenmonopol und 6.) staatliche Lenkung der Wirtschaft. Anhand dieser Kriterien wurden fortan Kommunismus und Faschismus als wesensgleiche Systeme dargestellt, ungeachtet aller Fragwürdigkeiten.

 

Auf Ebene der Ideologie ist etwa schwerlich einzusehen, weshalb ein egalitäres, der Vernunft verpflichtetes Menschenbild ident sein soll mit einer deklariert irrationalen, rassistischen und sozialdarwinistischen Lehre, deren Ziel in der „Ausmerzung“ aller vermeintlich Minderwertiger besteht. Auch die Gleichung „Rassenkampf = Klassenkampf = Massenmord“ geht ins Leere: Rassismus zielt auf Individuen, während der auf Marx und Engels rekurrierende Sozialismus die Aufhebung eines zwischenmenschlichen Verhältnisses bezweckt. Zu den theoretischen kommen die historischen Fehler. So ist etwa die Vorstellung einer monolithischen Herrschaftsstruktur im Hinblick auf die faschistischen Regime in Deutschland und Italien nicht haltbar. Ebenso wenig hat unter Hitler oder Mussolini eine staatlich gelenkte Wirtschaft bestanden. Tatsächlich hatte der Faschismus im Unterschied zum Kommunismus sehr wohl eine die traditionellen Eliten begünstigende Funktion. Der stalinistische Terror ist überdies fraglos moralisch zu verurteilen, es kann jedoch nicht übersehen werden, dass er weder quantitativ noch qualitativ eine Entsprechung zur deutschen Völkermordpolitik bildete.

 

Auch diverse Adaptionsversuche haben die Theorie nicht glaubwürdiger gemacht. Ende der 1950er fand in der Sowjetunion ein Prozess der Entstalinisierung stat t. Aus totalitarismus-theoretischer Perspektive ein Ding der Unmöglichkeit, schließlich ist Terror ihr zufolge für den Totalitarismus konstitutiv. Außerdem: Die Sowjetunion musste doch aus westlicher Perspektive als Feindbild weiterhin aufrecht gehalten werden. Die Lösung lieferte Brzezinski mit der These vom „dysfunktionalen Totalitarismus“4: Nicht die Theorie, die der Realität nicht gerecht wurde, war demnach fehlerhaft, vielmehr verhielt sich die Realität „dysfunktional“, weil sie sich partout nicht der Theorie anpassen mochte.

 

Flexibilität macht sich bezahlt: Gründe für das Comeback

 

Weshalb, so fragt man sich, hat ein so offenkundig mangelhaftes Erklärungsmodell sich bis heute halten können, ja, wieso feiert es ein so furioses Comeback? Da ist einmal der Prozess der nationalen Neudefinition in den vormals kommunistischen Staaten. Deren Eliten sind – ungeachtet ihrer politischen Vergangenheit – zumeist liberalkonservativ bis nationalistisch und sehen sich in der Tradition der Dissidenten von einst. Aus dem Unrecht, das diesen dereinst widerfuhr, versucht man nun eine nationale Erzählung zu machen: Das Angebot, ein Opfer ausländischer Mächte geworden zu sein steht dem ganzen Land offen. Wie weit sich derlei treiben lässt, illustrieren seit geraumer Zeit Litauen und Lettland. Dort wurden in den letzten Jahren mehrere Verfahren gegen ehemalige PartisanInnen angestrengt – wegen Hochverrat, schließlich hatten sie mit dem feindlichen Ausland kooperiert, namentlich der Roten Armee. Die zahlreichen SS-Veteranen der beiden Länder dürfen sich dagegen neuerdings als geschätzte Mitglieder ihrer Gesellschaft fühlen.5

 

In Deutschland beeinflusste die Totalitarismustheorie nach 1945 maßgeblich die verfassungsrechtliche Orientierung auf die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ und war seit den 1960ern Basis der zeitgeschichtlichen Vermittlung an Schulen. Nach der Wiedervereinigung wurde sie auf die DDR als „zweite deutsche Diktatur“ übertragen.6 Das verlangt entweder eine monströse Überhöhung des in der DDR begangenen Unrechts oder die radikale Nivellierung der NS-Verbrechen: Während die mit der Stasi-Vergangenheit betraute Birthler Behörde gegenwärtig 2.000 Personen beschäftigt, arbeiten in der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen keine 15 Staatsanwälte, diese erreichten in den vergangen zwanzig Jahren ganze vier Verurteilungen.7

 

Ein zweiter entscheidender Grund für das Wiederaufleben der Totalitarismustheorie ist die neue Standortbestimmung des Westens nach Ende des Kalten Krieges, die spätestens seit den anschlägen vom 11. September 2001 stark kulturalistische Züge trägt. Die Vorstellung einer westlich-demokratischen Sphäre, die sich im Abwehrkampf gegen den vordringenden Islamismus mühsam ihrer Haut erwehrt, ist als Grundparadigma nicht nur der geostrategischen Lage, sondern auch sozialer Konflikte in den westlichen Staaten selbst fest etabliert. Die These vom dritten“, diesmal „islamistischen“ Totalitarismus, wie sie 2003 der israelische Historiker Yehuda Bauer formulierte8 war da wohl nur eine Frage der Zeit. Heute findet sich die Zuschreibung „totalitär“ in sämtlichen Publikationen und Foren mit sog. „islamkritischen“ (und nicht etwa: religionskritischem) Hintergrund. Einzig erkennbarer Zweck ist neben der Diffamierung durch Einreihung in eine Tradition –ausschließlich abendländischer – verbrecherischer Regime die Begrenzung der Handlungsoptionen der Antitotalitaristen: Weil man mit Fanatikern nicht verhandeln kann, so die Botschaft, bleiben schlussendlich nur repressive bzw. militärische „Problemlösungsoptionen“ übrig: „Kein zweites München!“9

 

Die dritte Erfolgsbedingung des Totalitarismusbegriffs ist die Genese aus den beiden vorhergehenden im Zuge der Schaffung einer europäischen Identität. Diese befördert auf historischer Ebene unter möglichst breiter Einbeziehung nationaler Erzählungen ein positives Bild eines vereinten Europas vor der Negativfolie einer „totalitären Erfahrung“ und in Abgrenzung zu heutigen „totalitären Bestrebungen“.10 Dass diese Abgrenzung keineswegs defensiven, sondern durchaus offensiven Charakter hat, lässt sich am globalen militärischen Engagement des Westens ersehen.

 

Der letzte ausschlaggebende Faktor ist die Hegemonie (wirtschafts-)liberaler Deutungsmuster. Die Totalitarismustheorie geißelt Bestrebungen, die auf grundlegende Veränderungen des Bestehenden abzielen, grundsätzlich als hostis generis humani. Sie war und ist daher ein wichtiges Instrument zur Immunisierung gegen alle linken Tendenzen, speziell gegen die in Zeiten der Wirtschaftskrise grassierende Skepsis gegenüber dem Kapitalismus als ultimo ratio. In den Worten des britischen Abgeordneten Syed Kamall in der Debatte um den neuen europäischen Gedenktag im Europa parlament: „It is quite clear what the common thread is between Soviet socialism and National Socialism. The clue is in the phrase, and the answer is ‚socialism’.”11

 


Florian Wenninger


 
Obmann Verein Gedenkdienst,
leistete Gedenkdienst 1998/99 an der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Studium der Politikwissenschaft, Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

1 Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus, P6_TA(2009)0213.
2 Friedrich, Carl Joachim (unter Mitarbeit von Zbigniew Brzezinski) 1957: Totalitäre Diktatur, Stuttgart.
3 Arendt, Hannah 2008: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, München.
4 Vgl. Brzezinski, Zbigniew 1999: Dysfunktionaler Totalitarismus. In: Jesse, Eckhard (Hg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung. 2. und erweiterte Auflage, Baden-Baden, S. 263-276.
5 Als Beispiele mögen diverse Denkmäler oder die kurzfristige Adelung des 16. März zum lettischen Feiertag gelten: An diesem Tag hatten 1944 lettische SS-Einheiten kurzzeitig erfolgreich die Rote Armee aufgehalten.
6 Vgl. Wippermann, Wolfgang 1997: Totalitarismustsheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt, S. 102.
7 Interview mit Christiaan Rüters auf derstandard.at, 22.12.2009.
8 Bauer, Yehuda: Der dritte Totalitarismus. In: Die Zeit Nr. 32/2003, online unter http://www.zeit.de/2003/32/Essay_Bauer
9 Eine Ironie der Geschichte stellt Bauers wütende wie berechtigte Kritik am 23. August als neuem europäischem Gedenktag dar, offensichtlich ist sich der Autor keiner eigenen Verantwortung für die Radikalisierung des Totalitarismus-Begriffs bewusst, die in dieser Entscheidung zum Ausdruck kam, vgl. http://www.gedenkdienst.or.at/index.php?id=585.
10 Vgl. Leggewie, Claus 2009: Schlachtfeld Europa. Transnationale Erinnerung und europäische Identität. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2009, online unter: http://www.eurozine.com/articles/2009-02-04-leggewie-de.html
11 Debatte vom 02. April 2009, zitiert nach: http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//NONSGML+CRE+20090402+SIT+DOC+PDF+V0//EN&language=EN