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Ausgabe 4/09


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Wer bebildert den Holocaust?

Wir sind  in unseren Sehgewohnheiten stark daran gewöhnt, Themen auf Bildikonen und Bildklischees  reduziert wahrzunehmen.  Bildinhalte  oder  Stile die sich einem solchen,  ikonisierten Bild nicht unterordnen werden dabei  in der Wahrnehmung vernachlässigt  bzw. als  falsch wahrgenommen. Umgekehrt werden die  ikonisierten Bilder unhinterfragt reproduziert und durch immer perfektere Abbilder ersetzt. Wenn es nun darum geht, ein so ungreifbares Thema wie den Holocaust auf eine bestimmte Bildsprache  zu  reduzieren,  greift  diese Begrenzung der visuellen Wahrnehmung auch auf  die Wahrnehmung von Inhalten über. Auf einer inhaltlichen wie emotionalen Ebene tragen solche Motive Bedeutungen und Aufladungen, denen das Bild selbst nicht mehr gerecht wird und die eine Hinterfragung oder Neubetrachtung beinahe unmöglich machen.
Das Photo des kleinen Jungen bei der Räumung  des  Warschauer  Ghettos, oder Photos die den Schriftzug „Arbeit macht frei“ abbilden sind solche Ikonen.
Die Verwendung solcher Bilder, für pädagogische wie illustrierende Zwecke wird problematisch, die Vielzahl an Zusammenhängen ist beinahe unkontrollierbar und nochmaliges reproduzieren trägt zur homogenisierung der kollektiven Bilderwelt bei. Jüdische KZ Häftlinge müssen in unserer Bilderwartung schwach und ausgemergelt aussehen, die Behandlung von Konzentrationslagern lässt uns Bilder  von Leichenbergen erwarten. Bilder die diese Erwartungen nicht erfüllen werden zurückgestellt, egal wieweit diese Repräsentation an der historischen Wahrheit vorbeigeht.
 
Ein weitere Dimension erhält dieses Dilemma im Neuerfinden filmischer Bilder. Der Film selbst  reduziert bewusst stark auf das was der/die SeherIn sehen will und sich vorstellen kann, zudem gibt er in der Immanenz seiner Bilder immer vor, vollständig und wahr zu sein. Auch das Wissen darum, dass es sich um einen  fiktiven Film handelt, hilft darüber nicht hinweg, jedes einzelne Bild is von der Kleidung bis hin zum Himmel erfunden und  inszeniert. Das Vorspielen einer Wahrheit ist dem Film prinzipiell eigen und muss  immer erst bewusst gebrochen werden. Allgemein  ist dieses Problem wohl am besten mit „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg erklärt. Der Film wird nocheinmal durch Stilmittel  (schwarz-weiß, Musik, Ausstattung usw.) als authentisch unterstrichen. Die Bilder werden stark auf kollektive  Ikonen begrenzt. Der Film ist ästhetisch so in sich beschlossen, dass er gar keinen Ansatzpunkt mehr liefert um seine Echtheit zu hinterfragen, ein Hinterfragen des Filmes käme einer Hinterfragung der hi-storischen Realität gleich.


Gegenentwürfe?


Als Quentin Tarentino mit „Inglourious Basterds“ einen Holocaust  Film präsen-tierte, missachtete er beinahe  jede abgerundete  ikonisierte Darstellungsform
des Themas und machte durch beinahe Brecht´sche Mittel (bunte Überblenden, Sichtbarmachen von Kulissen, Thematisieren des eigenen Mediums) soweit dies möglich ist klar, dass es sich um Fiktion handelt. Eine Jüdin mit rotem Abendkleid und einen gewitzten SS-General  wird es in Wirklichkeit wohl ebenso wahrscheinlich gegeben haben, wie ein kleines Mädchen wie in „Schindlers Liste“.
„Escape from Sobibor“ aus dem Jahr 1987 zeigt Jüdinnen und Juden die einen Fluchtversuch aus dem Vernichtungslager Sobibor unternehmen als 80er-Jahre Actionhelden; Frauen haben schöne Haare und Männer sind stark, ein Bild das mit dem  vorherrschenden Bildklischee des kahlrasierten, schwachen und kranken  KZ- Häftlings (den es sicherlich gegeben hat) nicht  leicht vereinbar  ist.Deportierte Juden und Jüdinnen kommen in Personenwaggons an. Häftlinge spielen in Baracken Musik und Brettspiele, beides  ist historisch belegbar, passt jedoch nicht  in unser überformtes Bildgedächnis.


Ein Holocaustfilm  im weitesten Sinne  ist auch „Waltz with Bashir“, ein  is-
raelischer Dokumentarfilm über den Libanonkrieg der inhaltliche und bildliche
Verbindungen zum Holocaust zieht. Der Film  ist gänzlich als Zeichentrick aus-
geführt, das  immanente Filmbild erhält durch die Abstraktion einen völlig neuen
Wert. Der/Dem SeherIn wird die bewusste Konstruktion des Bildes sofort klar,
trotzdem verliert es in keinster Weise an Authentizität oder Ernsthaftigkeit.


Historische Bilder die nicht der gängigen  Ikonographie  unterliegen  sind ausreichend vorhanden, bleiben jedoch oft unverwendet, Bilder die Abstraktion
entgegensetzen hingegen relativ rar. Die „Maus“- Comics von Art Spiegelman sind eine von wenigen Ausnahmen, als Unterrichtsmittel sind Comics ein in diesem Sinne medienkritisches Produkt  das Bildikonen und Abbildungsklischees übergehen kann.       

C.F.