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Ausgabe 4/09


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Pietätlos oder moderne Erinnerungskultur?

Comics über den Holocaust

 

Seit geraumer Zeit schon  lässt sich ein eindeutiger Rückgang des Wissens über den Holocaust erkennen, vor allem bei Jugendlichen. So wurden zum Beispiel erst kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, denen zufolge ein Großteil der englischen Kinder Hitler für einen Fußballtrainer und Auschwitz für einen Themenpark halten. Solche Ergebnisse rufen  förmlich nach neuen Methoden um Kindern und Jugendlichen die Geschehnisse des Holocaust näherzubringen  um  sie  für gesellschaftspolitische und historische Themen zu sensibilisieren. Vordergründig geht es nicht um das Erlangen von Faktenwissen,  sondern  um  das Aufzeigen  von Prozessen auf alltäglicher, persönlicher Ebene.


Das Anne Frank Zentrum  in Berlin und das Anne Frank Haus in Amsterdam haben gemeinsam beschlossen, ein  in diesem Feld völlig neues Medium auszuprobieren: den Comic. Viele werden bei diesem Begriff automatisch mit Abwehr  reagieren  - scheint  ja schon die Bezeichnung selbst in direktem Gegensatz zur Thematik zu stehen. Eine grellbunte, vereinfachte, auf Grafik und prägnante Phrasen reduzierte Erzählform, meist fiktiver Handlungen soll im Unterricht zur Darstellung eines ernsten Themas wie den Verbrechen des Nationalsozialismus herangezogen werden. Obwohl viele der Meinung waren (und wohl noch immer sind), dass Comics keinesfalls ein geeignetes Mittel für Holocaustvermittlung sind,  fand  in Deutschland eine Pilotphase statt. In dieser Pilotphase wurden die Comics von der primären Zielgruppe getestet, nämlich SchülerInnen zwischen 14 und 18 Jahren. Konkret haben etwa 1.400 SchülerInnen sich im Geschichtsunterricht anhand der Comics dem Holocaust angenähert - und die Ergebnisse zeugen von großem Erfolg. Besonders betont wurde, dass vor allem das ansprechende Design ein großes Interesse bei den Jugendlichen weckt und sie sich durch die Bilder alles einfacher veranschaulichen und in Erinnerung rufen können. Durch die bildliche Darstellung von historischen Ereignissen bzw. beispielhafter Geschichten die in dieser Zeit spielen, können Handlungen prägnant und geschlossen, also leicht nachvollziehbar und zusammenhängend erklärt werden. Ähnlich wie in einem Film oder einem Roman, können durch die Erzählweise bestimmte Aspekte besonders hervorgehoben werden sowie thematische und dramatische Schwerpunkte gesetzt werden.


Die Comics „Die Entdeckung“ und seine Fortsetzung „Die Suche“ erschienen vor zwei Jahren und deren Einsatz beschränkte sich zunächst auf Deutschland und die Niederlande. Mittlerweile wurden die Comics aber in viele Sprachen übersetzt und an die jeweiligen Länder sogar angepasst, sodass nun auch in einigen anderen Ländern gerade Testphasen stattfinden können.

 
Bei den Comics wurden of tmals echte Fotografien als Vorlage genommen um ein realitätsgetreues Bild vermitteln zu können. Comics erzeugen dennoch eine virtuelle, künstliche Welt, in die die SchülerInnen beim Lesen eintauchen können. Ebenso wurde starker Wert darauf gelegt, die traditionelle Vorstellung von „entweder Täter oder Opfer“ auszulassen und stattdessen ein vielseitigeres Bild wiederzugeben. Die Comics basieren im Prinzip auf den Gruppen „Täter“, „Opfer“, „Zuschauer“ und „Helfer“, jedoch wird beim Lesen schnell klar,dass sich nicht jede/r eindeutig in nur eine der vier Kategorien einteilen lässt. Eine wichtige Botschaft die die Jugendlichen herauslesen können ist, dass jede/r stets Handlungsspielräume und Alternativen hatte. So kann zum Beispiel ein Zuschauer schnell zum Täter werden, oder ein Täter in einem gewissen Rahmen zum Helfer.


Ein weiteres wichtiges Thema, das durch die Comics vermittelt wird, sind schwierige Dilemmata mit denen die Menschen in gewissen Situationen zu kämpfen hatten, wodurch schnell klar wird, dass kaum jemand eine Entscheidung leichtfertig getroffen hat. Derartige Situationen fördern eine intensive Auseinandersetzung und vor allem ein Einfühlen in die Charaktere der Comics.


Die handelnden Personen bilden eine Identifikationsfläche innerhalb ihres je-
weiligen Szenarios. Jugendliche können durch eine Identifikation mit einzelnen
Figuren die jeweiligen Handlungsspielräume und Handlungsmotivationen nachvollziehen. Die vorübergehende Identifikation mit realen oder fiktiven Personen während der Zeit des Nationalsozialismus erweist sich für Jugendliche als probater Zugang zur Thematik. In der Jugendliteratur zum Thema, vom „Rosa Kaninchen“ bis zu Anne Frank, erlaubt sie den Einblick in die vermeintliche Lebenswirklichkeit damals lebender Menschen. Die Dilemmata und selbst gefällte Entscheidungen einzelner Menschen werden betont.


Um diesen Effekt noch weiter zu verstärken, gibt es eigene Arbeitshefte die sich genau mit solchen Fragen beschäftigen und detaillierter auf die Handlungs-spielräume der Charaktere eingehen.


Comics mögen zwar eine ungewöhnliche Art der Holocaust-Vermittlung darstellen, sind für Jugendliche aber höchst geeignet mit ihren ansprechenden Bildern und wenig Text.


In der Literatur, aber auch im Film hat man die Darstellungsweise des Comics schon lange entdeckt. Die bekannte „Maus“- Comicreihe des amerikanischen Cartoonisten Art Spiegelman stieß ebenso auf gemischte Kritik, heute, gut zwanzig Jahre nach deren Veröffentlichung sind die Comics ein fester und akzeptierter Bestandteil der Literatur zum Holocaust. Die Comics bzw. Graphic Novels in denen der Autor die Geschichte seines Vaters, eines Auschwitz- überlebenden und seiner Mutter verarbeitet, stellen Nazis als Katzen und Juden als Mäuse dar, Bilder aus Konzentrationslager sind ebenso wie Selbstdarstellungen des Autors ganz in diesem Comic-Tier-Stil gehalten. Anstatt einer pietätlosen Banalisierung ermöglicht diese Art des Verbildlichens eine inhaltliche Verdichtung und ermöglicht durch die konsequente Abstraktion neue Ansichten.


Derzeit gibt es kein anderes Medium das auf diesem Weg realitätsgetreu Inhalte vermittelt und sogar zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Holocaust anregt, was bedeutet, dass Comics tatsächlich den Grundstein der moderne Erinnerungskultur bilden.

 

 

Janine Zettl
leistete 2008/2009 Gedenkdienst in Amsterdam