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Ausgabe 4/09


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Aus Comics lernen

Graphic Novels zu Nationalsozialismus und Holocaust im Unterricht

 

Der Einsatz von Graphic Novels im Geschichtsunterricht ist ein junges Phä-nomen. Das Bedürfnis, die Zielgruppe für ein Thema zu interessieren, dessen unmittelbare Konsequenzen und Relevanz für ihr Leben nicht offensichtlich sind, gepaart mit dem Wunsch nach kompakter Wissensvermittlung an die zunehmend visuell orientierten Jugend-lichen, führten zur Idee, ein den SchülerInnen vermeintlich vertrautes Medium heranzuziehen und es mit adäquat aufbereiteten Inhalten als Unterrichtsmittel zu verwenden. Auf den ersten Blick ergeben sich Vorteile: Die Bildlastigkeit und relativ wenig Text erlauben einen einfachen direkten Einstieg in die Lektüre und vermitteln beim schnellen Lesen das Gefühl, rasch eine abgeschlossene Geschichte (und damit ein Thema) erfasst zu haben. Gleichzeitig gestalten die AutorInnen der Comics ein Abbild einer Realität, das, ähnlich wie im Film, gezielt Schwerpunkte setzt und bewusst Inklusionen bzw. Ausschlüsse vor(weg) nimmt.


Ohne Begleitung fällt es den SchülerInnen schwer, die durch die Graphic Novels beanspruchte konstituierte Wahrheit als solche zu identifizieren. Gerade dieser Umstand wird im Regelfall ausgenutzt: Fiktive Handlung wird plausibel, greifbar, nachvollziehbar.


Die hier besprochenen Beispiele „Die Entdeckung“ und „Die Suche“ sind ur-sprünglich in niederländischer Sprache erschienen und aus der niederländi-
schen Perspektive entwickelt worden. Im Einsatz der übersetzten Fassungen müssen Lehrende beachten, dass Elemente der im Comic erzählten Geschichte, etwa der als synchron wahrgenommene Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft und des Holocaust in den Niederlanden oder das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Kollaboration1, im österreichischen Diskurs nicht oder anders behandelt werden.


Die Graphic Novel „Die Entdeckung“ handelt von der Geschichte einer niederländischen Familie und die Einwirkungen in der Zeit des Nationalsozialismus auf dessen Mitglieder. Als Anlass für die Erzählung werden wiedergefundene Erinnerungsstücke genommen. Jeroen sucht auf dem Dachboden seiner Großmutter nach Ramsch, den er auf dem Flohmarkt anlässlich des Königinnentags, eines großen niederländischen Feiertags, verkaufen könnte. Dabei findet er zufällig einen gelben Stern und Fotos die seine Großmutter, Helena, in ihrer Jugend zeigen. Er lässt sich die Geschichte der Gegenstände erzählen: Helenas beste Freundin war Esther, ein deutsches jüdisches Mädchen, das in die Niederlande geflohen war. Esthers Familie konnte durch die Hilfe von Kollegen des Vaters in Sicherheit leben, bis die Wehrmacht die Niederlande überfiel. Auch in Helenas Familie begannen damit Veränderungen: Der Vater, Polizist, wollte seine Arbeit nicht verlieren und arrangierte sich mit den neuen Machthabern, ein Bruder, begeistert von der Ausstrahlungskraft der deutschen Truppen, zog für Deutschland in den Krieg gegen die UdSSR, der andere Bruder ging in den Widerstand. Helena erlebte die Befreiung in einer Kleinstadt, in der sie den Hungerwinter überdauert hatte und traf ihre überlebenden Verwandten und Bekannten, darunter auch Esther, wieder.


Die Fortsetzung „Die Suche“ erzählt die Geschichte Esthers. Esther kehrt aus den Vereinigten Staaten anlässlich der Bar-Mizwa ihres Enkels Daniël in die
Niederlande zurück. Nach dem Wiedersehen mit Helena beschließt sie, mit Daniël und Jaroen die Orte ihrer Flucht vor der Verfolgung durch die Nazis aufzu-suchen. Dabei erzählt sie ihre Geschichte: von der Kindheit in Deutschland über die Integration in den Niederlanden und die schrittweise Ausgrenzung der Juden und Jüdinnen aus der Gesellschaft nach der Machtübernahme der Nazis bis zur Verhaftung ihrer Eltern. Helenas Vater half ihr, in Kontakt mit dem Widerstand zu treten, der sie beschützte und unter anderem ein halbes Jahr auf einem Bauernhof unterbrachte. Esther überlebte den Krieg, ihre Eltern sah sie jedoch nicht wieder – nur ihr ebenfalls jüdischer Freund Bob kehrte aus den Lagern zurück. Nach einem kurzen Treffen, bei dem er sie über den Tod ihrer Eltern informierte, emigrierte er nach Israel und sie in die USA. Daniël und Jeroen bemühen sich, Spuren aus Esthers Leben nachzuvollziehen und können durch das Internet Kontakt mit Bobs Verwandten in Israel aufnehmen. Esther reist zu Bob und erfährt von ihm über den Lageralltag, den ihre Eltern und er in Auschwitz durchmachen mussten.


Die VerfasserInnen von „Die Entdeckung“ und „Die Suche“ begannen ihre Arbeit mit dem Wunsch, dem Verbreiten von Faktenwissen im Unterricht über den Holocaust persönliche Dimension gegenüberzustellen: Die persönliche Identifikation, Dilemmata und Entscheidungen sollen betont werden. Die drei Prämissen der AutorInnen waren:


Der Umfang des Holocaust ist unvorstellbar, doch durch persönliche Ge-schichten kann man sich seine Bedeutung für einzelne Menschen leichter vor-
stellen. Die emotionale Betroffenheit unterstützt die Auseinandersetzung mit
dem Thema und den reflektierten Umgang mit Normen und Werten Gesellschaftliche Veränderungen haben Konsequenzen für einzelne Menschen, sind aber selbst keine unabwendbaren Prozesse, sondern ihrerseits Folgen von Entscheidungen. In den Comics werden denkende und handelnde Personen (Kleine Geschichte) im politischen und gesellschaftlichen Kontext ihrer Zeit (Große Geschichte) dargestellt.

 
Aus der Geschichte muss man lernen. Um die Konsequenzen der Ereignisse zur Zeit des Nationalsozialismus ableiten zu können, wurde versucht, möglichst viele Anknüpfungspunkte für aktuelle Themen einzuarbeiten. Außerdem erlauben die erzählten Geschichten, das Familiengedächtnis über mehrere Generationen bis in die Gegenwart nachzuvollziehen. Die Personen sind fiktiv, basieren aber auf tatsächlichen ZeitzeugInnenberichten. Die Zeichnungen basieren teilweise auf
Fotos.


Die Geschichten erzählen die Erfahrungen von Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus gelebt haben. Die Reaktionen der Jugendlichen auf die
Konfrontation mit dem Thema sind unterschiedlich und nicht vorhersehbar: Emotionale Belastung, Neugierde und Gleichgültigkeit kommen oft in einer Klasse vor.


In beiden Büchern erzählt eine Hauptfigur in Rückblenden aus ihren Erinnerungen. Alle weiteren Personen erscheinen innerhalb dieser Erzählungen, womit deren Aussagen und Handlungen bereits durch die Erzählstimme, die als Zeitzeuge fungiert, kontextualisiert und interpretiert werden. Beide Geschichten erzählen aus einer Opferperspektive mit Schwerpunkt auf Verfolgung, Untertau-chen und Verlust, stellen aber die Entscheidungen aller handelnden Personen als weitestgehend frei und individuell dar. Die Konsequenz der Ereignisse in der „Großen Geschichte“ für Einzelne und ihr Abwägen vor Entscheidungen stehen hier zentral, z.B.: Welche Voraussetzungen waren nötig, um versteckt zu überleben? Einen sicheren Zufluchtsort verlassen, um Verwandte zu finden und vielleicht zu retten? Schließlich kann darüber gesprochen werden, warum es Überlebenden oft schwer fällt, über ihre Erlebnisse zu berichten.


Eine gleichartige Diskussion der Abwägungen und Entscheidungen von Menschen, die am nationalsozialistischen System mitgewirkt oder davon profitiert haben, ist möglich, allerdings schwieriger: Abseits einer eventuellen opportunistischen Motivation müssen politisch-ideologische Gesichtspunkte und der Einfluss von Propaganda behandelt werden. Es fällt Jugendlichen oft schwer, hier im Sinne der temporären Identifikation anzuknüpfen, um ein differenzierteres Bild der – auch in der gerade gelesenen Geschichte – „Bösen“ zu schaffen.


Verletzung von Menschenrechten und die Möglichkeit, sich durch bewusste Entscheidungen für andere Menschen einzusetzen, bilden zentrale Motive in „Die Entdeckung“ und „Die Suche“. Das Anne Frank Haus bemüht sich in all seinen Aktivitäten, Jugendlichen die Augen für gesellschaftspolitische Problematiken in der Gegenwart zu öffnen. Durch die Diskussion der Werke und in Planspielen lassen sich SchülerInnen ermutigen, ihre eigene Umgebung nach ähnlichen Situationen zu untersuchen und ihr Handeln entsprechend
zu gestalten. 


1 Die Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen ist in den Niederlanden bis heute ein relativ umstrittenes Thema, das in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg oft verklärt wurde. Siehe dazu auch die Kontroverse
 zum Film „Zwartboek“ („Das schwarze Buch“) von Paul Verhoeven aus dem Jahr 006.
2 Der Zeichner Eric Heuvel sowie MitarbeiterInnen des Anne Frank Hauses, Amsterdam
3 Anne Frank Stichting: De Zoektocht.Docentenhandleiding. Amsterdam 007, S. 3
 


Matthias Kopp
leistete 2005/2006 Gedenkdienst in Amsterdam