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Ausgabe 4/09


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Gedenken im Audi Max - Ein Rückblick

Mit der spontanen Besetzung der Aula der Akademie der Bildenden Künste Wien und der Ausdehnung und Ausformung einer studentischen Protestbewegung auf nahezu alle österreichischen und einige ausländische Universitäten, begann die zweimonatige Besetzung des Audimax, dem zentralen Hörsaal der Universität Wien. Während dieser Zeit wurde das Audimax einerseits zum organisatorischen Mittelpunkt und kulturellen Zentrum der Studierendenproteste und andererseits zu einem Symbol der Ermächtigung und des Selbstbewusstseins der Bewegung. Basisdemokratische Plena zum weiteren Vorgehen und zur Ausformulierung von Forderungen wurden ebenso abgehalten wie Vorträge, Debatten und Konzerte. Besonders in den ersten Tagen und Wochen war eine große studentische, universitäre und außeruniversitäre Öffentlichkeit an den Vorgängen beteiligt und interessiert. Arbeitsgruppen organisierten das alltägliche Zusammenleben, Medienarbeit, Volxküche, bis hin zur Putzkolonne. Eine Dynamik entstand, deren Energie nach Räumung der besetzten Hörsäle ungenutzt verloren zu gehen scheint. Kern der Forderungen waren und sind eine bessere Ausfinanzierung der Universitäten, ein teilweises Überdenken des Bologna Prozesses sowie die Abschaffung vorhandener Zugangsbeschränkungen.


Im besetzten Audimax kam es im Rahmen der Studierendenproteste auch zu einer ernsthaften Beschäftigung mit gesellschaftlichen Themen. Zwar stürzten sich die Medien – insbesondere die KritikerInnen der „linkslinken Audimaxisten“ – lieber auf sensationelle Besetzungs-Stories, hinter den Kulissen reflektierten die Studierenden ihre Forderungen aber in einem breiteren Kontext.


Dass (Hochschul)Bildung weder Selbstzweck sein kann noch auf ihren Wert als „Standortfaktor“ reduziert werden darf, haben die Studierenden, im Gegensatz zu vielen PolitikerInnen, längst verstanden. Die Besetzung der Hörsäle wurde dazu genutzt, um das und andere Themen im Rahmen eines so genannten „alternativen Vorlesungsbetriebs“ zu behandeln.


Gedenktag zu den Novemberpogromen


Am Montag den 9. November gab es ein besonderes Programm zum Jahrestag der Novemberpogrome 1938. Für die Gestaltung wurde eine eigene Arbeitsgruppe „Gedenktag 9.11.“ gegründet. Der erste Programmpunkt war ein Vortrag über „Kunstraub und Restitution“ von Dr.in Gabriele Anderl. Danach stellte der Arbeitskreis Stadtspaziergang sein Projekt eines Gedenkspaziergangs durch den 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten vor, der jährlich am 11. 11., also zwei Tage nach dem „offiziellen“ Gedenktag, stattfindet.


Von der Initiative Aspangbahnhof wurde eine Lesung aus dem Buch „Die Stärkeren“ von Hermann Langbein und anschließend ein Vortrag des Historikers und Zeitzeugen Rudi Gelbard organisiert. Letzterer sprach nicht nur über die Shoah, sondern auch über seine eigenen Erfahrungen in antifaschistischen Protesten in der zweiten Republik, von Straßenschlachten, die bereits 1946 begannen, bis zum Fall Boradajkevic. Dabei zog er auch Parallelen zu den Studierendenprotesten und betonte, wie wichtig kritische Wissenschaft und Lehre für eine offene Gesellschaft mündiger BürgerInnen seien. Um den heutigen Rechtsextremismus zu thematisieren, hielten die AutorInnen der gleichnamigen ÖH-Broschüre einen Vortrag über „Völkische Verbindungen“. Einen gelungenen Ausklang bereitete am Abend die Wiener Klezmer-Band „Scholem Alejchem“.


Nicht nur der 9. November bot den Studierenden Gelegenheit, sich kritisch mit Faschismus auseinanderzusetzen. Am 1. November riefen die BesetzerInnen zur Protestkundgebung vor der Hofburg auf, in der zur selben Zeit ein Kommers rechtsextremer Burschenschafter stattfand. Unter anderem gaben sich Martin Graf und Heinz Christian Strache die Ehre. Der mehrere hundert Menschen zählenden Demonstration wurde es aber verwehrt, ihren Protest am Heldenplatz kund zu tun. Die Tore der Hofburg blieben geschlossen, um den Burschenschaftern ein ungestörtes Feiern („150 Jahre Deutsche Burschenschaft in Österreich“, „90 Jahre Friedensdiktate von St. Germain, Versaille, Trianon“ und „00 Jahre Tiroler Freiheitskampf“) zu ermöglichen.


Der antifaschistische Grundkonsens stößt aber auch auf Hindernisse: Von vermeintlich (basis-) demokratischen Idealen angetrieben gab es innerhalb der Besetzung tage-, wenn nicht wochenlange Diskussionen darüber, ob nicht auch die Burschenschaften Teil des Protests seien. Die Illusion eines stets harmonischen Klimas ohne Konflikte verhindert teilweise eine kritische Reflexion von Strukturen und Inhalten.


Durch den kalten Winter und den Mangel an Zufluchtsorten für obdachlose Menschen kamen viele von ihnen ins Audimax, um Unterkunft und eine warme Mahlzeit zu erhalten. Immer wieder wurden Stimmen laut, wonach diese besser in einem eigenen Raum untergebracht werden sollten. Dabei führte uns diese Situation nicht nur vor Augen, wie schwierig die Lebensbedingungen dieser Menschen sind. Sie muss auch ein Aufruf an die Politik sein, sich um die Schaffung von Versorgungsstellen für obdachlose Menschen zu kümmern. Die Unterbringung in Notquartieren nach der Räumung für die im Audimax verblie-benen Obdachlosen ist dabei nur eine kosmetische Maßnahme.

 
Auch im Audimax, das im Selbstverständnis der Studierenden ein offener (Frei-) Raum sein soll, kam es zu Diskriminierungen und sexistischen Äußerungen und Vorfällen.


Immer wieder wurden Roma ohne jeden Grund des Diebstahls bezichtigt, ganz einfach weil das unseren Stereotypen entspricht. Das Geschlechterverhältnis der RednerInnen wies einen deutlichen, männlichen Überhang auf und es bedurfte einer eigenen Arbeitsgruppe um gendersensible Thematiken zu behandeln.


Gerade ansonsten kritische Studierende glauben oft, frei von Vorurteilen zu leben. In Wirklichkeit ist das Bewusstsein, dass niemand frei von ihnen ist, die einzige Chance, vernünftig damit umzugehen. Das zeigt, dass auch die Beset
zung nur ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, in der wir uns bewegen.


Hier wird einmal mehr deutlich, wie wichtig es ist, sich ernsthaft mit Rassismus und den Dynamiken von Ausgrenzung und Gewalt auseinanderzusetzen, um diese Entwicklungen im Alltag identifizieren und bekämpfen zu können. Zwar haben auch die Studierenden kein Geheimrezept für Antirassismusarbeit. Der Themenschwerpunkt zum Gedenktag sowie viele andere Vorträge und Diskussionen sind aber zumindest ein Ansatz, um diesen Diskurs nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.


Nikolai Moser, Ludwig List
studiert Geschichte und Jus; Gedenkdienst in Marzabotto 2008/2009,
studiert Wirtschaft und Geschichte, Universität Wien