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Ausgabe 4/09


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Das Massaker von Oradour sur Glane

Am 8. Juni 1944, zwei Tage nach der alliierten Landung in Frankreich, gab der
Oberbefehlshaber West Feldmarschall Gerd von Rundstedt einen Befehl heraus, den Widerstand in Frankreich zu „zerschlagen“ und gegen die „Banden“ (Nazi-Jargon für Partisanen) mit „größter Härte und ohne jede Nachsicht“ vorzugehen. Eine der schwerwiegenden Konsequenzen dieser Politik zeigte sich zwei Tage später: Die . SS Panzerdivision „Das Reich“ tötete die 642 Einwohner des Dorfes Oradour-sur-Glane und brannte es in Folge nieder.


Massaker solchen Ausmaßes als Methode der Partisanenbekämpfung waren ein bis dahin in Westeuropa unbekanntes Phänomen. Wehrmacht und SS-Einheiten hatten diese Praktiken bis dahin nur in den Gebieten Osteuropas vor allem in der Sowjetunion und Serbien angewandt. Durch die Landung der Alliierten und der folgenden Zunahme an Widerstandsaktivitäten in Frankreich sahen sich die Deutschen gezwungen Truppen von der Ostfront abzuziehen und in den Westen zu verlegen. Diese Truppen waren in vielen Fällen geübt im auslöschen ganzer Dörfer. Sie hatten diese in Osteuropa offiziell sanktionierte und weit angewandte Methode oft seit Jah-ren praktiziert. So auch die . SS Panzerdivision „Das Reich“. Ihr Kommandeur Heinz Bernhard Lammerding war als Adjutant bei SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski, dem für die Partisanenbekämpfung zuständigen SS-General, eingesetzt. In dieser Position hatte Lammerding eine große Anzahl an Anti-partisanen Einsätzen, ähnlich dem in Oradour angeordnet und war damit für den Tod wahrscheinlich tausender Zivilisten verantwortlich.


Vor diesem Hintergrund überrascht der Ablauf des Massakers in Oradour-sur-Glane kaum. Am 10. Juni 1944 um 1 Uhr Mittags marschierten Teile von „Das Reich“ in Oradour ein und befahlen allen Einwohnern sich am Hauptplatz zu versammeln. Dort separierte die SS die Männer von den Frauen und Kindern. Die Männer wurden in umliegenden Scheunen und Garagen erschossen, die Frauen und Kinder in die Kirche gesperrt, die in weiterer Folge angezündet wurde. Nachdem sie 642 Menschen getötet und das Dorf geplündert und in Brand gesetzt hatten zogen die SS-Truppen um 8 Uhr Abends wieder ab. Nur sieben Personen, sechs Männer und eine Frau, überlebten das Massaker.


Die Gründe, warum Oradour-sur-Glane als Ort dieses Massakers von den Deutschen ausgewählt wurde, sind bis heute nicht völlig geklärt und waren schon während als auch nach dem Ende des Krieges Anlass für Ge-schichtsfälschung. Das Oberkommando der Wehrmacht ernannte eine Untersu-chungskommission, die angab, es hätten Informationen vorgelegen, dass sich Partisanen in Oradour versteckt hielten und dass während einer Durchsuchungsaktion ein Waffenlager der Partisanen in der Kirche explodiert sei, was den Tod der Frauen und Kinder verursacht hätte. Es finden sich allerdings keine historischen Beweise für diese Behauptung und auch das Verhalten der Soldaten in Oradour, die laut Zeugenaussagen keine Durchsuchung ankündigten und auch keine durchführten sprechen dagegen. Selbst in den zwei Nachkriegsprozessen um das Massaker in Oradour – einer in Frankreich, einer in der DDR – konnten die genauen Gründe, warum das Dorf für eine solche Aktion ausgewählt wurde nicht eruiert werden. Allgemein akzeptiert unter Historikern ist die Annahme, dass an Oradour ein Exempel statuiert werden sollte, was im Falle von Partisanenangriffen auf deutsche Truppen erwartet werden konnte.


Heute erinnert eine Gedenkstätte an das Massaker in Oradour-sur-Glane. Sie
befindet sich in den Ruinen des niedergebrannten Dorfes nahe der Stadt sel-
ben Namens, die nach dem Krieg neu gebaut wurde.


Johannes Breit
leistete Gedenkdienst am US Holocaust Memorial Museum in Washington 2008/2009