AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/09


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Holocausterinnerung in Ungarn

Zwischen Tabuisierung, Opferkonkurrenz und Aufarbeitung

Ungarns Auseinandersetzung mit dem Holocaust wird maßgeblich durch eine in Europa einzigartige historische Konstellation bestimmt. Das Land musste sich
nach 1945 nicht nur mit der Beteiligung am Holocaust, sondern mit drei verschie-
denen „rechtsdiktatorischen Vergangenheiten“ auseinandersetzen – mit der autoritär-konservativen Regierung unter Miklós Horthy, den faschistischen Pfeilkreuzlern unter Ferenc Szálasi und mit der nationalsozialistischen deutschen Besatzungsmacht. Als problematisch für die Vergangenheits- und Geschichtspolitik der Nachkriegszeit erwies sich, dass die nach dem deutschen Einmarsch (19. März 1944) einsetzenden Deportationen von über 400.000 Personen jüdischer Abstammung innerhalb von acht Wochen, nur durch die maßgebliche Kollaboration ungarischer Behörden möglich geworden sind. Hinzu kam die weitgehende Gleichgültigkeit der ungarischen Bevölkerung angesichts des Schicksals ihrer jüdischen Mitbürger bzw. die materielle Bereicherung des Staats und eines Teils der Bevölkerung an den Deportationen.


Nachdem Horthy am 9. Juli 1944 den Stopp der Deportationen angeordnet hatte, wurden sie nach der Machtübernahme der ungarischen Pfeilkreuzler im Oktober 1944 erneut aufgenommen. Gleichzeitig kam es auf ungarischem Gebiet zu mehreren Massakern an der jüdischen Bevölkerung. Diese historische Konstellation führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu zahlreichen Debatten über die deutsche und ungarische Verantwortlichkeit an der Ermordung der ungarischen Juden.


In den unmittelbaren Nachkriegsjahren setzte in Ungarn eine kurze Phase der Beschäftigung mit der Kriegsschuld und dem Holocaust ein. Auf jüdischer Seite bemühte sich das „Landesfürsorgekomitee der Deportierten“ um die historische Dokumentationstätigkeit und nahm Protokolle mit jüdischen Überlebenden auf. Auch staatliche Stellen richteten bald eine Kommission ein, welche sich die Erforschung der von den Pfeil-kreuzler und Nationalsozialisten verübten Verbrechen zur Aufgabe machte. Insgesamt erklärte die am . Dezember 1944 gebildete provisorische Regierung die Ahndung von Kriegsverbrechen und die „Säuberung des Staatsapparates“ zu einer ihrer wichtigsten innenpolitischen Aufgaben. Sie zog alle antijüdischen Gesetzte und Verordnungen zurück und ließ 5 faschistische Parteien und Vereine auflösen. Gleichzeitig kam es zur Ver-öffentlichung von Kriegsverbrecherlisten und es wurden etwa 6.000 Beamte und Angestellte aus dem öffentlichen Dienst entlassen. In den ersten Nachkriegsjahren verurteilte das Budapester Volksgericht u.a. mehrere ehemalige Ministerpräsidenten, Minister, Staatssekretäre und führende Funktionäre des Horthy- und Pfeilkreuzler-Regimes zum Tode. Diese Maßnahmen dienten dem jungen ungarischen Staat in erster Linie dazu, die eigenen Demokratisierungsbestrebungen und den Bruch mit der Vergangenheit unter Beweis zu stellen. Im Kontrast zum anhaltenden Antisemitismus und zu Pogromen im Jahr 1946 stehend, erfuhr diese Entwicklung jedoch bald einen Wandel. So wurde dem Wiederaufbau und der Etablierung politischer Mehrheitsverhältnisse zunehmend alles untergeordnet. Der ungarische Staat erfüllte finanzielle Forderungen der Verfolgten aus wirtschaftlichen und politischen Gründen immer zögerlicher. Bald zeigte sich auch, dass die vergangenheitspolitischen Maßnahmen von parteistrategischen und wahltaktischen Überlegungen begleitet waren. Um ihre Parteibasis auszubauen entfaltete beispielsweise die kommunistische Partei bald eine mit den „kleinen Pfeilkreuzlern“ sympathisierende Politik. Gleichzeitig nützte sie die Vergangenheitspolitik zunehmend als Möglichkeit politische Gegner zu kompromittieren und politisch unliebsame Personen aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen.


Um der Akzeptanz durch die Bevölkerung und der Festigung der Macht willen wurde von Anfang an die gesamte Verantwortung für den Holocaust den deutschen Besatzern und den politischen Trägern des Pfeilkreuzler- und des Horthy-Regimes angelastet. In der offiziellen Geschichtsschreibung kam der ungarischen Bevölkerung die tragende Rolle im „antifaschistischen Kampf“ zu.


Der totalitär werdende Kommunismus rückte schließlich die Erinnerung an die
Ermordung der ungarischen Juden in den Hintergrund. Sie ging zunehmend auf die jüdische Gemeinde und auf die Gruppe der Überlebenden über. Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde sogar das Wort „Jude“ aus dem öffentlichen Leben verbannt. Opfer des Holocaust wurden unter der Bezeichnung „Opfer des Faschismus/des Nationalsozialismus“ subsummiert, womit die Unterscheidung zwischen „rassisch“ und politisch Verfolgten verwischt wurde. Erst nach dem Bruch mit dem stalinistischen Kurs in den 1950er Jahren änderten sich die politischen Bedingungen in Ungarn. Vereinzelt wurde mit der wissenschaftlichen Erforschung des Holocaust begonnen. Auf politischer Ebene war die Auseinandersetzung mit dem Holocaust von zwei Charakteristika begleitet. Auf der einen Seite wurden geschichtspolitische Akte, die den Holocaust betrafen bis Ende der 1970er Jahre so inszeniert, dass sie in das vorherrschende antifaschistische Narrativ passten und so Holocaust und Antisemitismus als Nebenprodukt des faschistischen Antikommunismus interpretiert. Anderseits fand die Auseinandersetzung über den Holocaust immer wieder hinter verschlossenen Türen statt. Nicht nur die Verhaftung und Aburteilung von Adolf Eichmann waren in Sitzungen des Politbüros mehrfach Thema, ebenso wurde der Fall des Zionisten und stellvertretenden Vorsitzenden des Budapester Rettungsausschusses, Rezsö Kasztner, debattiert. Eine größere Öffentlichkeit erlangte davon allerdings wenig Kenntnis.


Es waren schließlich Schriftsteller wie Mária Ember und Filmemacher wie
István Szabó, die in den 1970er Jahren allmählich begannen, der ungarischen
Öffentlichkeit diesen Teil der nationalen Geschichte wieder in Erinnerung zu
rufen. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre setzte schließlich ein erinnerungskultureller Veränderungsprozess hin zu einer breiteren Diskussion über die Ermordung der ungarischen Juden innerhalb der Gesellschaft ein. Nach dem Systemwechsel in Ungarn 1989/90 meldeten sich neue Opfergruppen zur Wort und traten bei dem Kampf um Anerkennung mit den Opfern des Holocaust in Konkurrenz: die Opfer der kommunistischen Verfolgung. Dabei stand bei der Neubewertung der Geschichte die Betrachtung des „eigenen“ Leidens im Vordergrund. Bei der (Re-)Konstruktion nationaler Identitäten wurde auf Ereignisse zurückgegriffen, die das Gefühl der nationalen Zugehörigkeit und Einigkeit stärkten. Hierfür als gut geeignet wurde insbesondere die „kollektiv erlittene Opfererfahrung“ – so die allgemeine Wahrnehmung – empfunden, als deren Ausgangspunkt die verlorene Schlacht bei Mohács (156) galt und in deren Zentrum der Friedensvertrag von Trianon (190) stand. So zeichnete der nationale Diskurs die ungarische Nation als Opfer der Unterdrückung durch verschiedene "Fremdmächte“ wie die Osmanen, Habsburger, Nationalsozialisten und schließlich die einer „fremden Ideologie“ dienenden Kommunisten.


Doch während die nationalkonservativen Regierungen die ungarische Bevölkerung durch die Betonung ihres eigenen Leidens und der Unterdrückungssituation zu entschulden suchten, die ungarische Beteiligung am Holocaust verharmlosten sowie die faschistische mit der jüngeren kommunistischen Vergangenheit gleichsetzten, unternahmen die linksliberalen Regierungen vorsichtige Schritte hin zu einer Anerkennung der ungarischen Mitverantwortung an der Ermordung der ungarischen Juden. Bald zeigte sich, dass hinsichtlich des geschichtspolitischen Weges keinesfalls politischer Konsens herrschte. Die Beziehung zur Vergan-genheit wurde im Gegenteil zu einem der polarisierendsten Faktoren innerhalb der ungarischen Gesellschaft.


Einen wesentlichen Einfluss bei der zunehmenden Auseinandersetzung mit dem Holocaust übte der Beitritt Ungarns zur Europäischen Union aus. Dabei erkannte Ungarn den kritischen Umgang mit der Ermordung der einheimischen Juden als wichtiges Beitrittskriterium für die EU an. Durch Gesten der Erinnerung an den Holocaust sollte das internationale Wohlwollen gewonnen werden, wie auch die Eröffnung des Holocaust-Gedenkzentrums in Budapest im Vorfeld Ungarns EU-Beitritt 004 zeigte: Die feierliche Einweihung fand statt, obwohl zu diesem Zeitpunkt die ständige Ausstellung des Museums noch nicht fertiggestellt war.


Insgesamt lässt sich dieser Wandel im politischen Umgang mit dem Holocaust
allerdings nicht von den politischen Eliten auf die ungarische Gesellschaft als
solche übertragen. Trotz der offiziellen Bekenntnisse scheint die Erinnerung an
den Holocaust noch nicht Teil der ungarischen Erinnerungskultur geworden zu sein, wie auch Umfragen bestätigen. Auch der wachsende Antisemitismus in Ungarn lässt darauf schließen, dass der verantwortungsvolle Umgang mit dem Holocaust auf gesellschaftlicher Ebene bislang noch fehlt.


Mag.a Regina Fritz
Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien