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Ausgabe 4/09


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Leserbrief

Arne(t)zhoferstraße - ein Artikel zum Wundern oder Weg mit der Leopoldstadt

 

In der Ausgabe 3/09 berichtete Erich Koller über das von ihm initiierte Pro-jekt „ARNEZHOFERSTRASSE – EIN STRASSENNAME ALS MAHNMAHL“. Dass der Name der Straße bereits in der Überschrift falsch geschrieben wird, ist zwar ärgerlich aber der noch verzeihlichste Fehler seines Textes. Das eigentliche Ärgernis liegt in der Missinterpretation historischer Fakten und der unkritischen Übernahme von Texten sowie deren kontextloser Vermischung mit dem Ziel, die
Arnezhoferstraße umzubenennen.


Das Herstellen einer Kontinuitätslinie von der Vertreibung der Wiener Juden
im Jahr 1670 über die Benennung der Arnezhoferstraße unter Bürgermeister
Lueger 1906 zur Ermordung von 6 Jüdinnen und Juden aus der Arnezhoferstraße im Holocaust bis hin zur Wahl von Martin Graf zum 3. Nationalratspräsidenten und antisemitischen Ereignissen im Jahr 009 ist konstruiert und argumentativ nicht haltbar.

 
So geht aus einer – Koller vermutlich bekannten - Stellungnahme des Wiener
Stadt- und Landesarchivs zur Arnezhoferstraße hervor, dass die Behauptung
Pfarrer Arnezhofer wäre Mitglied „der Kommission zur Ordnung der jüdischen
Angelegenheiten“ gewesen, eine zu weit gehende und deshalb falsche Interpretation darstellt. In ähnlichem Zusammenhang wurde auch behauptet, Arnezhofer wäre ein antisemtischer Haßprediger gewesen - es ist jedoch keine einzige Predigt Arnezhofers überliefert, die diese Behauptung bestätigen würde.


Auch die Behauptung Bürgermeister Lueger hätte mit der Benennung der Ar-nezhoferstraße ein warnendes Zeichen für alle in die Stadt strömenden Zuwan-
derer/innen gesetzt - nämlich dahingehend, dass sie jederzeit wieder vertrie-
ben werden könnten – ist, auch wenn dies AbgzNR Karl Öllinger bei der Er-öffnung am . August 009 behauptet hat, durch nichts zu halten. Wer kannte knapp 30 Jahre nach dessen Tod Pfarrer Arnezhofer? Niemand. Zwar wurden unter dem christlichsozialen Lueger wirklich eine Reihe von Straßen und Plätzen nach katholischen Priestern benannt, wie etwa die Abraham a Sancta Clara Gasse (1903), die Capistrangasse (1906) oder der Karl Borromäus Platz (1908) bele-gen. Diesem Trend folgend ist auch die Benennung der Arnezhofzerstrasse zu sehen: als Benennung nach einem katholischen Priester einer Jahrhunderte zurückliegenden Epoche. Arnezhofer war aber kein – wie andere oben Genannte – herausragender oder dafür in besonderem Maße bekannter Antisemit. Vorausgesetzt werden muss allerdings, dass der katholische Antijudaismus bis zum Zweiten Vatikanum gängige Lehre gerade unter Priestern war.


Auch die Erklärungen zu den sieben transparenten Acrylglas-Tafeln wirken sehr konstruiert und sind manchmal schlichtweg falsch. So kreist Koller in mehreren Vergleichen um die sowohl im Christentum als auch im Judentum mysthisch esetzte Ziffer 7, die in der Behauptung gipfelt, dass sowohl Osten und fingsten als auch Pessach und Schawuot 7 x 7 also 49 Tage trennen, tatsächlich sind es jedoch 50 Tage. Ein bisschen weniger Symbolik kann manchmal mehr sein.


Neben diesen inhaltlichen und argumentativen Schwächen ist es die bewusste Verdrehung historischer Tatsachen, die auf nichts weiter als auf Mutmaßungen beruht, die zum kritischen Hinterfragen des Projektes führen.


Dazu kommt eine politische Vereinnahmung durch eine politische Partei, die sowohl dem Verfasser dieser Zeilen als auch einigen andere Mitgliedern der Hausgemeinschaft Arnezhoferstraße 7 nicht nur unangenehm aufgestoßen ist,
sondern auch zur Distanzierung von der Koller’schen Form der Projektdurchfüh-rung führte.


Es sind die Grünen, die seit Jahren versuchen gegen die gängigen Usancen der Stadt Wien, eine Umbenennung der Arnezhoferstraße durchzusetzen. Damit würde ein Präzedenzfall geschaffen werden, der beispielsweise ein neues Argument für die Umbenennung des Karl Lueger-Platzes bzw. -Rings liefern würde. Wie im Artikel zitiert, erzählen Straßennamen auch Geschichten und beschreiben so den Charakter der Stadt, Umbenennungen würde das von Koller apostrophierte Nicht-Sehen-Wollen des Wiener Antisemitismus erst richtig begünstigen.


Überflüssig zu erwähnen, dass die Aktion zur Gänze von Grün-Politiker/innen getragen wird – garniert mit einem schwarzen Feigenblatt. Und noch vielmehr überflüssig zu ergänzen, dass der Kulturausschuss Leopoldstadt sich des Themas schon vor der Initiative bzw. zeitgleich angenommen hat und auch auf Bezirksebene die Bereitschaft zur Partizipation bestanden hätte.


Im Übrigen: Der Erlass zur Vertrei-bung der jüdischen Gemeinde im Jahre 1670 stammte von Kaiser Leopold I., konsequenterweise sollte daher schleunigst die Umbenennung der Leopoldstadt gefordert werden…


Stephan Roth
Bibliothekar im DOEW,
Ehemaliger Chefredakteur von GEDENKDIENST