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Ausgabe 4/09


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Vom Machtzentrum zur Kulisse des Erinnerns und Gedenkens

Die erste GEDENKDIENST Studienfahrt nach Berlin

 

Seit vielen Jahren veranstaltet der Verein GEDENKDIENST mit großem Erfolg
Studienfahrten nach Auschwitz, Theresienstadt oder Slowenien. Heuer war zum
ersten Mal Berlin das Ziel einer solchen Reise. Von 19. bis 3. November begab
sich eine Gruppe von Personen mit den verschiedensten Studieninteressen in
jene Stadt, in der die wichtigsten Institutionen des NS-Regimes ihre Zentra-
len hatten. Eine Reihe unterschiedlicher Einschreibungen dieser Geschichtspe-
riode in das Stadtbild und der Umgang der Bevölkerung mit diesen im Laufe der
letzten Jahrzehnte leiteten das Interesse der Gruppe. Anhand historischer Karten
suchten wir entlang der Wilhelmstrasse nach Resten von NS-Zentralen und
Zeugnissen einer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Wilhelmstrasse 97 etwa ist heute die Adresse des Bundesministeriums der Finanzen. Der Bau wurde 1935/36 als neue Heimstätte des Reichluftfahrtministeriums errichtet – damals Hausnummer 81-85. Im geteilten Berlin lag er direkt an der Mauer auf ostdeutscher Seite und wurde eine Weile als Haus der Ministerien genutzt.


Gestapo, SS, Sicherheitsdienst und das Reichssicherheitshauptamt waren im benachbarten Gebäudekomplex untergebracht. Die Reste der von Bomben stark beschädigten Gebäude wurden in den 1950er Jahren gesprengt. Erst Ende der 1970er Jahre wurden Stimmen laut, die die Errichtung eines Denkmals auf dem bis dahin brachliegenden Grundstück auf westdeutscher Seite direkt an der Berliner Mauer forderten. So begann sich das Projekt Topographie des Terrors zu entwickeln. Erst jetzt wird ein Dokumentationszentrum errichtet, das der Bedeutung dieses Ortes gerecht werden
möchte.


Das Haus der Wannseekonferenz, in welchem die Durchführung der Endlösung besprochen worden war und die Blindenwerkstatt von Otto Weidt, der vielen Jüdinnen und Juden das Leben gerettet hat – darunter auch Inge Deutschkron, die uns ihre Erinnerungen erzählte -, interessierten uns nicht nur als historische Orte sondern auch als pädagogische Einrichtungen. Die überaus kompetenten MitarbeiterInnen an diesen Einrichtungen, wie auch am Anne Frank Zentrum, waren bereit mit uns ihre pädagogischen Konzepte zu analysieren, deren Ziel nicht nur Geschichtsvermittlung ist sondern auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen, allen voran Antisemitismus und Xenophobie.


Selbstverständlich besuchten wir auch das Denkmal für die ermordeten Juden Europas das als Manifestation eines bundesweiten Erinnerungsdiskurses gelten kann. Die Idee für ein derartiges Denkmal geht zwar auf eine private Initiative zurück, doch schon bald
nach dem Mauerfall wurde es zu einem Projekt der Bundesrepublik die Berlin als
Hauptstadt des vereinigten Deutschlands reaktivierte. Im Rahmen dieser Führung besuchten wir auch das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homo-
sexuellen. Die Errichtung dieses nationalen Denkmals zeugt von der staatlichen
Anerkennung dieser Gruppe als Opfer des NS-Regimes, wofür diese Jahrzehnte kämpfen musste. Die aktuelle Debatte um die Umgestaltung dieses Denkmals veranschaulicht wiederum die Problematik hegemonialer Geschichtsnarrative, die wichtige Aspekte historischer Begebenheiten ausblenden. So wird kritisiert, dass das Denkmal wohl die Verfolgung schwuler Männer thematisiert, dabei jedoch die Verfolgung lesbischer Frauen, die ganz andere Züge angenommen hatte, außer acht lässt.


Auf Vorschlag einer Teilnehmerin besuchten wir den so genannten Schwerbe-lastungskörper, der erst seit Kurzem als Museum zugänglich ist. Dabei handelt es
sich um einen gigantischen Betonklotz, mit dem Albert Speer die Bodenbeschaf-
fenheit testen wollte und zwar genau an jener Stelle, an welcher nach dem „Endsieg“ ein monumentaler Triumphbogen errichtet hätte werden sollen.


Das umfangreiche und anspruchsvolle Programm kam bei den TeilnehmerInnen sehr gut an. Das überaus positive Feedback und die hervorragenden Ergebnisse dieser Studienfahrt veranlassen uns, weitere Studienfahrten nach Berlin zu planen.


Andrea Wolf und Johann Kirchknopf
studiert Judaistik an der Universität Wien
leistete 2006/2007 Gedenkdienst in London