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Ausgabe 4/09


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Rezension

How Hitler's Empire - How the Nazis ruled Europe

Mark Mazower, Penguin Books, New York 2009

 

„Die Deutschen träumten von einem tausendjährigen Reich, waren aber nicht fähig, fünf Minuten voraus zu planen.“

 

Mit diesem Zitat fasst Mark Mazower die Politik und Planung des Dritten Reiches für die besetzen Gebiete zusammen. Mark Mazower, Professor an der Columbia University und bisher aufgefallen durch seine Arbeiten über die Okkupation Griechenlands durch das Dritte Reich, beschreibt in seinem neuen Buch die Planung und Realität des von Deutschland besetzten und kontrollierten Europa. Ähnlich anderen Politikfeldern des Dritten Reiches finden sich auch in der Vorstellung des besetzten Europas nur wenige Konstanten. Rasse und Raum („race and space“ wie Mazower schreibt), die Kernelemente des Nationalsozialismus, sind auch hier die leitenden Prinzipien der Politik des Dritten Reiches. Eine konkrete Definition bzw. ein konkretes Programm existierte jedoch auch mit diesen Vorstellungen von Blut und Boden nicht. Dieses Fehlen von konkreten Definitionen und Programmen war was den polykratischen Charakter der nationalsozialistischen Herrschaft ermöglichte und letztendlich massiv zur Radikalisierung der Politik Deutschlands auch im Bezug auf die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ beigetragen hat.


Mazower beschreibt ausführlich, wie sich dieser polykratische Charakter auf die Politik in den besetzten Gebieten auswirkte: Das Fehlen einer klar definierten Zielvorstellung für Politik und Zukunft in den verschiedenen Ländern führte dazu, dass überlegte Planung konkreter politischer Schritte durch Terror ersetzt wurden, besonders in den osteuropäischen Gebieten Europas unter der Kontrolle der Nazis. Mazower schreibt davon, dass es besonders in der Ukraine und im Baltikum ein großes Potential an Kollaborateuren gegeben habe, genauso wie es bei Vertretern des nationalsozialistischen Regimes – Mazower nennt hier z.B. Alfred Rosenberg – Befürworter einer solchen Kollaboration gab. Dieses Potential an lokalen Kollaborateuren verkleinerte sich allerdings drastisch mit den fortschreitenden Gewaltmaßnahmen von Seiten der Wehrmacht und SS gegen die dort einheimische Bevölkerung. Auch die Zwangsrekrutierung zur Arbeit im Reich in der Ukraine trug massiv dazu bei, die pro-deutsche Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung zu kippen. Natürlich gab es weiterhin Personen die willig waren mit den Deutschen auch bei der Ausübung von Terror gegen die eigene Bevölkerung – jüdisch oder nicht – zusammenzuarbeiten, die Anzahl dieser Personen lag laut Mazower jedoch weit unter ihrem Potential.

 
Das Dritte Reich etablierte verschiedene Systeme der Kontrolle in Europa, von Dänemark, wo 1943 freie Wahlen abgehalten wurden über Serbien, das unter
Kontrolle der Wehrmacht stand bis hin zu den besetzten Gebieten der Sowjetunion unter Kontrolle einer deutschen Zivilverwaltung und der SS. Wenn auch durch rassische Vorstellungen beeinflusst, so war die Wahl des jeweiligen Kontrollsystems doch hauptsächlich an den zur Verfügung stehenden Truppen und ökonomischen Überlegungen orientiert und sehr oft festigten sich anfangs improvisierte Strukturen mit der Zeit. Ein „master plan“ des Dritten Reiches für Europa existierte nicht.


Mazowers Buch zeigt auf, wie sehr die Nationalsozialisten bei der Unterjochung Europas improvisierten und wie unüberlegt ihre Politik oft war. Für Historiker nteressiert an einem besseren Verständnis nationalsozialistischer Besatzungspolitik und den Strukturen des Dritten Reiches im Allgemeinen, ist Mark Mazowers Buch ein Standardwerk.

 

    

Johannes Breit

 

 


Rezension

Villa Waigner. Hanns Martin Schleyer und die deutsche Vernichtungselite in Prag 1939-45

Erich Später, Konkret Texte 50, Hamburg 2009

 

Prag hatte es der jungen nationalsozialistischen Elite angetan. 1939 zeigte sich die Stadt den jungen SS, SD und Gestapomännern und ihren Frauen als romantischer und verheißungsvoller Ort: sowohl was das architektonische Stadtbild (und somit die Immobilien), als auch was die Möglichkeiten der rassistischen „Gegnerbekämpfung“ und der Profilierung auf diesem Gebiet anging. Denn Prag war ein Sammelbecken für emigrierende DissidentInnen, und die TschechInnen, traditionell „antifaschistisch“ eingestellt (zumindest was die Außenpolitik anging), leisteten bis zuletzt über ihre Exilregierung und projüdische Politik Widerstand.Ausgiebig thematisiert der Historiker Erich Später, der sich in Deutschland im Konflikt mit den Landsmannschaften schon einen Namen gemacht hat, das sudetendeutsche und deutschnationale Studentenwesen in der tschechischen Hauptstadt, das die Früchte seiner völkischen Ambitionen ab 1939 dann ernten durfte: Nicht selten „tauschten die Absolventen der deutschen Hochschulen ihren studentischen ‚Wichs‘ mit den Ledermänteln der Gestapo und der schwarzen Uniform der SS“. Wenn Adorno von den „Bedingungen des Grauens“ spricht, so sind diese Prager Geschichten von Karrierismus und eiserner ideologischer Überzeugung vielleicht so etwas wie ein Modellbild eines Sozialmilieus der nationalsozialistischen Täterschaft, die sich im privaten Salon auf den Völkermord vorbereitet. Wichtig scheint es immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Pläne der Nazis zur Germanisierung und Ausrottung der Tschechen - beginnend bei der Klassifizierung als Staatsangehörige zweiter Klasse hin zu den laufend diskutierten und neu ausmanövrierten Plänen zur Vernichtung – real waren und nur das Ende des Krieges ihnen einen Strich durch die Rechnung machte.Hanns Martin Schleyer kommt in dieser sehr gut re-cherchierten aber essayistisch gehaltenen Schrift nur am Rande vor: Hauptthema sind die nationalsozialistischen Clans in Prag. Dies ist das Umfeld, das Schleyer zu dem gemacht hatte, was er war – seine Aufgabe, die Rüstungsindustrie des Protektorates auf Vordermann zu bringen und Arisierungen zu koordinieren, hat ihn zu mehr als nur einem Rassentheoretiker gemacht – nämlich zu einem Akteur der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. 

 

Till Hilmar