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Ausgabe 1/10


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"Todesurteil vollstreckt, kein Anstand, alles glatt gegangen"

Szenen eines Justizmordes

 

 

Auch nach den geltenden Regelungen des Standrechtes war die Aburteilung des ersten hingerichteten Schutzbündlers, Karl Münichreiter, gesetzeswidrig:
Kranke und Schwangere mussten demnach an ordentliche Gerichte überstellt werden, so eigentlich auch der im Zuge der Kämpfe schwer verletzte 42jährige Schuhmacher und Vater von drei Kindern Münichreiter. Der Vorsitzende des Gerichts stellte das zu Beginn der Verhandlung auch ausdrücklich fest und ersuchte einen Arzt um Begutachtung des Angeklagten. Der Mediziner kam dabei zum Schluss, Münichreiter sei wohl durch Schüsse in Schulter und Hüfte schwer verletzt, jedoch „nicht schwer krank im Sinne des Gesetzes“ und daher verhandlungsfähig.

 

 

Bericht der Ehefrau Leopoldine Münichreiter


„Ich war in Sorge um meinen Mann, wusste nicht, was mit ihm geschehen war. Am 13. Februar mittags kamen zwei Polizisten und forderten mich auf, frische Wäsche und Bekleidung für meinen Mann in die Polizeikaserne Rossauer Lände zu bringen. Somit war klar, dass mein Mann sich unter den Festgenommenen befand. Als ich das Paket mit den Sachen abgab […] meinte [ein Polizist], wenn ich den Mann nicht hätte weggehen lassen, dann bräuchte ich mich jetzt nicht um ihn kümmern. Ein anderer deutete an: ‚Eine Krawatte braucht er nimmer’ […]. Am nächsten Tag, am 14. Februar, wurde ich vormittags von einer Hauspartei mit Telefon benachrichtigt, dass die Polizei angerufen und verlangt hat, dass ich sofort in das Landgericht Nr. 2 auf dem Hernalser Gürtel kommen solle. Ich nahm meine zweieinhalbjährige Lucie mit. Dort fand gerade die Verhandlung […] statt. Dass es sich um eine Standgerichtsverhandlung handelte, wusste ich nicht. Auf meine Fragen, was mit meinem Mann sei, bekam ich nur ausweichende Antworten. Endlich sagte mir ein Beamter, dass die Verhandlung zu Ende sei, der Richter gleich kommen werde und mir alles sagen könne. Als der Richter Dr. Kreuzhuber erschien, stellte ich mich vor und wollte etwas über meinen Mann erfahren. Er antwortete jedoch ungehalten ‚Ich hab’ jetzt keine Zeit’, zog die Taschenuhr und sagte: ‚Es ist schon halb zwei, ich habe noch nicht mittaggegessen’, worauf er sich ohne weitere Erklärung entfernte. […] Dann kam ein Justizbeamter und führte mich zu einem hohen Beamten. Dieser brachte mich in einen Vorraum. ‚Man wird Sie rufen. Nehmen Sie sich zusammen. Machen Sie Ihrem Mann das Herz nicht noch schwerer. Weinen Sie nicht, sonst können Sie ihn nicht sehen.’ Dann führte man mich in einen großen kahlen Raum, wo ein Kruzifix an der Wand hing. Mein Mann saß auf einer Bank, mit dem Rücken an einen Tisch gelehnt und von zwei Beamten rechts und links gestützt. Er trug ein Sträflingsgewand, das auf der linken Seite und am linken Ärmel aufgeschlitzt war, um Platz zu machen für den Verband um den Körper und auf dem linken Arm von oben bis unten. Blut sickerte durch. Mein Mann […] hatte fiebrige Augen und sah sterbenskrank aus. Ich war durch seinen Anblick und seinen Zustand so schockiert, dass ich das folgende Gespräch wohl in mir aufnehmen, aber nicht verarbeiten konnte. Der Vater sprach Lucie an, sie aber antwortete nicht. Ich: ‚Das ist doch der Vater’. […] Mein Mann: ‚Weißt Du, was mir bevor-steht?’ Ich: ‚Nein’. Er: ‚Dann muss ich es dir sagen, ich sterbe keines natürlichen Todes. Ich sterbe, denn einer muss es ja sein, aber das macht mir nichts aus, ich wäre ja sowieso ein Krüppel. Doch das schwerste für mich ist, dass ich dich mit den Kindern zurück lassen muss. […] Erzieh die Kinder in meinem Sinn, du weißt schon, wie ich das meine. Verkauf die Briefmarkensammlung und den Garten nicht, lass es für die Kinder. Geh zum Quastler. Geh auch zum Steinitz, wenn du Schwierigkeiten hast.’ Ein Pfarrer erschien. […] Ein Beamter sagte dann zu mir: ‚Sie müssen jetzt gehen.’ Ich war so durcheinander, dass ich […] die Zusammenhänge nicht begreifen konnte.“1

 

 

Abschiedsbrief Karl Münichreiters


„Liebes Polderl
Nochmals die innigsten Grüße und Küsse von Deinem Karl, ebenso an alle, die
Dir wohlwollen und Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen werden. Ich sterbe, weil
es einer sein muß.

 

Lieber Pauli
Du bist der Älteste, schau dass du die Mutter immer unterstützen kannst, bleib
brav. Ich küsse und grüße Dich recht herzlich. Dein Vater


Lieber Karli
Sei brav zur Mutter und folge ihr, ärgere sie nicht, ich grüße Dich recht herzlich und küsse Dich im Gedanken. Dein Vater


Liebe Lucie
Wenn Du einmal größer bist, so frage die Mut ter über meinen Weggang von
Euch.“2

 

 

Bericht der Zeitung „Neues Wiener Journal“ vom 15. Februar 1934


„Münichreiter wurde des Aufruhrs schuldig erkannt und vom Standgericht zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Urteil ist vollstreckt.


2 Uhr 21 Minuten nachmittags: Die Tür der Armensünderzelle im Straflandesge-richt öffnet sich. Blass, zitternd, tritt der Delinquent ein, gefolgt vom Seelsorger des Landesgerichts, der gekommen ist, um ihm den letzten Trost der Religion zu spenden. […] Nun setzt er sich auf die Pritsche, bedeckt das Gesicht mit seiner Hand, während der Priester vor ihm stehend ein stilles Gebet verrichtet. Minuten vergehen, plötzlich öffnet sich die Tür und seine Frau und Kind treten ein, um den Gatten und Vater noch einmal zu sehen. 3 Uhr 41 Minuten: Der Scharfrichter im schwarzen Gewand, mit schwarzem Hut und schwarzen Handschuhen, steht im Galgenhof. Auf der Richtstätte haben sich nur die Funktionäre des Gerichts, Oberlandesgerichtsrat Kreuzhuber mit seinem Senat und Staatsanwalt Hofrat Dr. Wachsmann, der Priester und ein Gerichtsarzt eingefunden. Das Urteil des Gerichts wird noch einmal rasch verlesen. Um die Mundwinkel des Delinquenten zuckt es. Als der Scharfrichter ihm die Schlinge um den Hals legt, stößt Münichreiter einige marxistische Phrasen aus. Was nun folgt, spielt sich in Sekunden ab. Die Gehilfen des Scharfrichters, die bisher den Delinquenten gehalten haben, ziehen nun die Stufen unter den Füßen des baumelnden Körpers weg. Der Verbrecher ist gerichtet. Nach 71/2 Minuten stellt der Gerichtsarzt den Eintritt des Todes fest.“

 

 

Bericht der katholischen Seite www.kreuz.net vom 2. Februar 2007


Keine Tragbahre – sondern eine Zigarette


Hat Märtyrerkanzler Engelbert Dollfuß einen verwundeten Sozialisten tatsächlich auf der Tragbahre zum Schafott schleppen lassen? Blödsinn – sagt der emeritierte Grazer Kirchenhistoriker. Professor Maximilian Liebmann (72) hat sozialistische Geschichtsklitterungen gegen den österreichischen Märtyrerkanzler Engelbert Dollfuß († 1934) aufgedeckt. […] Er sprach mit der Nachrichtenagentur der österreichischen Bischofskonferenz ‘kathpress’. […]Kirchengeschichtler Liebmann betont im Interview, dass die faktische historische Beweislage einer beharrlichen Legendenbildung entgegenstehe. Liebmann erwähnt die von linken Kreisen forcierte schwarze Legende, wonach einer der hauptverantwortlichen „Schutzbündler“ angeblich „auf einer Tragbahre zum Galgen geschleppt“ worden sei. Die sozialistischen Schutzbündler zettelten im Jahr 1934 in Linz einen blutigen Aufstand an, der über 300 Menschen – die Hälfte Polizisten, Soldaten und Hilfskräfte – das Leben kostete. […] Die Todesstrafe – 1933 wegen nationalsozialistischer Sprengstof fanschläge eingeführt – wurde gegen acht der Hauptverantwortlichen verhängt und exekutiert. „So schrecklich, unmenschlich und unverzeihlich die Todesurteile, insbesondere die Hinrichtungen, auch waren und sind, so verfehlt ist es, diese Bluttat noch durch horrible Legenden zu überfrachten“ – kommentiert Liebmann.


Liebmann studierte unter anderem Berichte, die von den Gefangenenseelsorgern an den Wiener Kardinal Theodor Innitzer († 1955) geschickt wurden und sich im Wiener Diözesanarchiv befinden. Aus den Berichten geht hervor, daß Karl Münichreiter „eine Zigarette rauchend, seelenruhig aus der Armen-sünderzelle zur Richtstätte ging“. Der Gefängnisseelsorger Hw. Josef Supp ergänzt: „Bei der Hinrichtung benahm sich Münichreiter vollständig ruhig und gefaßt ohne etwas auszurufen.“ […] Für Liebmann ist es unverständlich, daß die „obskure Legende“ von der Tragbahre auch in seriösen Geschichtsdarstellungen verbreitet wird.“


1 Zitiert nach: Münichreiter, Karl 2004: Ich sterbe, weil es einer sein muss. Karl Münichreiter. Erinnerungen an den Vater, Wien, S. 41f.
2 Zitiert nach: Münichreiter 2004, S. 45.