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Ausgabe 1/10


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"Der Einzelne ist nichts, die Gemeinschaft alles."

Der Nationalsozialismus war ein Auslesesystem. Nach rassisch-biologistischen Grundsätzen wurde die Gesellschaft in wertvolle oder nicht wertvolle Menschen eingeteilt, die gefördert, geachtet oder ermordet wurden. Als Teil dieses Auslesesystems wollten die Nationalsozialisten eine neue Führungsschicht in speziellen Internatsschulen, den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napolas), unter Gesichtspunkten der NS-Weltanschauung formen. Diese Schulen sollten von 1933 an eine Auswahl von Jugendlichen speziell auf ihre Führungsrolle im Militär, der Diplomatie oder der Wirtschaft vorbereiten – so auch nach dem „Anschluss“ in Österreich. Hier wurden in kürzester Zeit insgesamt neun Schulen dieser NS-Internate errichtet oder bestehende Schulen in solche um-
gewandelt. 1942 – alle neun Schulen bestanden bereits – wurden so insgesamt 1269 Jungen und Mädchen in Napolas unterrichtet, im gesamten Reichsgebiet waren es ca. 6400 SchülerInnen.1


Schon 1933 wurden die ersten Napolas in Preußen errichtet, die an Traditionen der Kadettenanstalten der Monarchie anknüpften.2
 

Zwei Phasen der Gründung


Zunächst wurden in Österreich die Bundeserziehungsanstalten, die zum Teil in ehemaligen Kadettenanstalten untergebracht waren, und das Theresianum in Wien in Staatsbildungsanstalten umgewandelt. Doch schon im Schuljahr 1938/39 wurden die Schulen wie Napolas geführt, eine eigens errichtete Zentraldirektion in Wien organisierte die Überführung der Schulen in den Verband der Nationalpolitischen Erzie-hungsanstalten. Am 13. März 1939 wurde die Überführung in einem offiziellen Akt in Wien besiegelt (siehe Foto). In einer ersten Phase erfolgten in den Jahren 1938/39 Schulgründungen im Theresianum, in Wien-Breitensee, in Traiskirchen und in Hubertendorf bzw. Türnitz. In beiden letztgenannten Orten befand sich eine Schule für Mädchen.3

 

Die zweite Gründungsphase ist unmittelbar verknüpft mit der antiklerikalen Po-litik der Nationalsozialisten. Der Einfluss der katholischen Kirche auf das Erziehungssystem vor 1938 sollte möglichst rasch unterbunden werden. Zunächst
wurde kirchlichen Institutionen untersagt ein Schülerheim zu betreiben, dann wurde ihnen das Öffentlichkeitsrecht entzogen, schließlich 1940 der Schulbetrieb
großteils gänzlich untersagt. Vor allem Klöster wurden Opfer dieser geziel-
ten Politik. Zum einen wollte man ihre prononcierte Rolle in der meist ländlichen Umgebung unterbinden und zum anderen stellten die Klöster auch wirt-
schaftlich mächtige Gebilde dar. Nach und nach wurden sie nun zu anderen Zwecken verwendet, manche als Umsiedlerlager, Lazarett oder eben als Schule. Im Zuge dieser Umstrukturierungen wurden 1941/42 in Seckau, St. Paul im Lavanttal, Göttweig, Lambach und Vorau weitere Napolas errichtet.

 
Auslese nach „rassischen“ Gesichtspunkten


Die Schüler der Napolas – Jungmannen und Jungmädel genannt – wurden in Ausleseverfahren ausgesucht. Dazu kam eine Delegation in die Volksschulen um die besten Schüler zu einer Aufnahmeprüfung einzuladen. Eine Woche lang mussten die Kandidaten sportliche Übungen absolvieren, Mutproben und akademische Tests bestehen. Harald Ofner, der die Napola in Traiskirchen bei Wien von 1942 bis 1945 besuchte, erinnert sich im Gespräch mit dem Autor: „Wir wurden einer Vorauswahl unterzogen, deren Kernpunkt eine Mutprobe war. Es ging darum, sich in aufrechter, gestreckter Haltung vornüber auf den Boden fallen zu lassen und erst im allerletzten Augenblick mit den Händen den Fall aufzufangen. Offenbar war ich mutig genug.“


Hinzu kamen auch medizinische Untersuchungen zur Überprüfung der rassischen Eignung. Diese wurden zunächst durch Ärzte, später durch das Rasse und Siedlungshauptamt der SS durchgeführt.

 
Neben den rassischen und ideologischen Voraussetzungen sollten die Napolas allen sozialen Schichten offen stehen. Egon Gragl, von 1941 bis 1944 Napola-Schüler in Seckau: „Die Mehrzahl der in Seckau ausgebildeten stammten aus bildungsfernen, in meinem Fall aus bildungsfeindlichen Schichten.“ Für Gragl ist klar: „Für die meisten war es die Lebenschance.“ Er stellt seine persönliche Entwicklung nach 1945 unmittelbar mit seiner Napola-Vergangenheit in Verbin-dung. Die Napola ermöglichte ihm den Grundstein zu setzen, um aus der Armut seiner Familie zu entkommen. Er verdanke dies jedoch einem „Unrechtsregime“, die Frage inwiefern die Indoktrinierung mit „nazistischem“ Gedankengut ihn beeinflusst hat, beschäftigt ihn sein Leben lang.

 
Krieg als Teil des Schulalltags


Wehrsportliche Übungen waren Teil des Schulalltags. Dazu zählten Reiten, Geländespiele, Segelfliegen, Kraftfahren oder Schießen. Sie sollten diszipli-
nierend wirken, aber auch auf einen späteren Einsatz im Militär vorbereiten.

 
Napolas sollten zunächst weltanschaulich geschulte Menschen für militärische wie zivile Berufe erziehen. Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden sie immer mehr als Offiziersvorbereitungsschule angesehen und rasch ausgebaut. Wehrmacht, Luftwaffe, Marine und vor allem SS machten in der Folge ihren Einfluss auf die nach wie vor staatlichen Schulen geltend. Sie finanzierten Sportwochen, setzten sich auch auf politischer Ebene für neue Anstalten ein, der Lehrkörper rekrutierte sich überwiegend aus Militär- oder SS-Angehörigen. Die SS konnte ihren Einfluss nicht zuletzt durch die Person August Heißmeyer, der neben seiner Tätigkeit als Inspekteur der Napolas auch führender SS-Mann war, geltend machen.

 
Der Krieg war nicht nur theoretischer Bestandteil der Ausbildung. Die Jungmannen verpflichteten sich oft schon in der 11. Schulstufe „freiwillig“, Schüler der 10. Schulstufe waren als Flakhelfer im Einsatz, doch auch schon Schüler der 9.Schulstufe wurden im Schuljahr 1944/45 an Panzerabwehrwaffen ausgebildet. Der Tod wurde somit auch Teil des Anstaltslebens. In Totenappellen gedachte man der gefallenen ehemaligen Mitschülern.


„Jugend führt Jugend“


Die „weltanschauliche Schulung“ erfolgte in den Napolas nicht durch einen gesonderten Unterricht, vielmehr sollte durch das Erleben in der Anstaltsgemein-
schaft Führen und Gehorchen gelernt werden. Persönliche Freiräume wurden minimiert. Neben der Entindividualisierung waren die Schüler einem gegensei-tigen hierarchischen System ausgesetzt. Dabei wurde – ganz im Zeichen der na-
tionalsozialistischen Prämisse „Jugend führt Jugend“ – älteren Schülern die Be-
fehlsgewalt über eine bestimmte jüngere Gruppe übertragen. Zusätzlich durchzog
ein System von Strafmaßnahmen, Macht und Gewalt den Alltag. Im Strafkatalog
der Napola Wien-Breitensee heißt es: „Nur der kann einmal führen, der bedin-gungslos zu gehorchen gelernt hat. Gehorchen aber heißt blindes Einfügen in
eine vom Führer anerkannte Ordnung. Um das zu erreichen, sind Mittel notwendig, die vom freundschaftlichen Einwirken bis zur härtesten Strafe reichen [...] Der einzelne ist nichts, die Gemeinschaft alles.“


1 Reichsstelle für Schulwesen: Statistische Erhebung über die höheren Schulen 1939-44: Nationalpolitische Erziehungsanstalten. Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin, GUT SAMML 872.
2 Scholtz Harald: NS-Ausleseschulen, Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates, Göttingen 1973.
3 Stefanie Jodda-Flintrop: „Wir sollten intelligente Mütter werden“. Nationalpolitischen Erziehungsanstalten für Mädchen, Norderstedt 2010.


Sebastian Pumberger
 
schreibt am Institut für Zeitgeschichte eine Diplomarbeit über die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten in Österreich und ist Journalist bei derStandard.at