AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Gedenkstättenarbeit

Hobby, Berufung oder Beruf?

 

Das Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) hat nun seine eigenen Guides für die Gedenkstätte Mauthausen. Nach jahrelanger, mühevoller Entwicklung des
Ausbildungskonzeptes und der Erarbeitung eines Subventionstopfes können beim MKÖ BegleiterInnen für einen Gedenkstättenbesuch gebucht werden.


Ausschlaggebendster Grund für die Ausbildung eigener Guides waren die ersonellen Ressourcen des Bundesministerium für Inneres, welchem die Ge-denkstätte untersteht. Jährlich besuchen um die 200.000 Menschen das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen, wovon fast die Hälfte SchülerInnengruppen sind. Ein Großteil der BesucherInnen wünscht sich Führungen durch das Gelände, jedoch können die bisherigen Guides der Gedenkstätte, die Zivildiener, die Nachfrage nicht decken. Da das MKÖ in begleiteten Besuchen einen großen Gewinn sieht, entschloss es sich eigene Guides auszubilden. Im Herbst/Winter 2008/09 wurden Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, verschiedener Herkunft und mit diversen Hintergründen gesucht und als Guides ausgebildet. An vier Ausbildungswochenenden wurden die rund 30 Interessierten auf ihre Arbeit mit den Gruppen vorbereitet. Neben der Erarbeitung des historischen Wissens wurde in der Ausbildung auch auf gruppensensible Vermittlungskonzepte geachtet. Auf geschlechtsspezifische Zugänge und Rücksicht auf BesucherInnen mit Migrationshintergrund wurde an den Wochenenden genauso hingewiesen wie auf Herstellung einer Verbindung bzw. Verweise auf Aktuelles. Dem MKÖ ist es wichtig, eine Begleitung nicht nur als eine Art Museumsbesuch zu gestalten, sondern auch aktuelle gefährliche Tendenzen in der Gesellschaft zu streifen. Ziel dabei ist es die BesucherInnen zumindest ein Stück weit für die Geschehnisse in ihrem Umfeld zu sensibilisieren um
somit vielleicht die schlecht ausgeprägte Zivilcourage in unserer Gesellschaft etwas zu verbessern.

 
Im November 2009 wurde die Ausbildung mit einer Zertifikatsübergabe von Frau Dr. Barbara Prammer erfolgreich beendet.


Das MKÖ tappt jedoch nicht in die Falle der Gutgläubigkeit und Kurzsichtigkeit. Dem Verein ist durchaus bewusst, mit einem Gedenkstättenbesuch aktuelle Probleme nicht hinreichend bekämpfen zu können. Es werden auch Vor- und Nachbereitungen von Gedenkstättenbesuchen und Antirassismus- und Zivilcouragetrainings, vor allem für Schulen, angeboten, die das Ziel noch einen Schritt näher bringen sollen.

 
„Aber ja, Antifaschistisch für Geld![...] Mir kommt das Kotzen“1


Stein des Anstoßes für dieses (und ähnliche) Posting(s) aus dem Standard-Online Forum, war ein Artikel vom 12. 3. 2010 über die Kosten einer MKÖ-Führung. Nicht nur einige LeserInnen dieses Textes fanden es unerhört, dass Idealismus (wie Gedenkstättenarbeit von ihnen bezeichnet wird) bezahlt sein will. Immer wieder wird von verschiedenster Seite Unmut darüber geäußert, dass Gruppen beim MKÖ für die Führungen zur Kasse gebeten werden bzw. dass Guides sich ihre Bemühungen entgelten lassen.

 
Ist es denn Idealismus in Mauthausen als Guide zu arbeiten? Diese Annahme suggeriert doch, diese Aufgabe könne nur eine spezielle Gruppe von Menschen übernehmen, die eine gewisse Weltanschauung und Wertehaltung vertritt. Das Erzählen und Berichten von NS-Verbre-chen, die Aufklärung über Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus sowie der würdevolle Umgang mit dem Gedenken an die Opfer liegen also in den Händen einiger weniger, der IdealistInnen. Demnach zählen also nicht die fachliche und pädagogische Qualifikation sondern die politische Einstellung. Als besonderes Merkmal dieser Spezies wird der Antifaschismus entlarvt, der diesen Idealismus ausmacht. Diese Auffassung von Gedenkstätten- und NS-Aufklärungsarbeit impliziert sein Gegenteil. Demzufolge werden deologiegeschwängerten AntifaschistInnen die Gedenkstätten und Seminarräume überlassen und realistischen „Nicht-AntifaschistInnen“ der Arbeitsmarkt. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass jegliche Arbeits- und Lebensbereiche antifaschistisch, antiautoritär, antirassistisch etc. sein sollten und nicht nur Gedenkstätten und Dokumentationseinrichtungen mit diesem expliziten Label versehen sein sollten.

 
Vielen Menschen war die Gedenkstätte Mauthausen ein Dorn im Auge, einige stellen ihre Daseinsberechtigung nach wie vor in Frage. Aber der Großteil der österreichischen Bevölkerung sieht die Einrichtung als wissensbringende Lerninstitution. Ist jedoch von Preisen der Führungen oder Löhnen der Guides die Rede, fängt es an zu rumoren. Genaue Statistiken können dazu nicht vor-gelegt werden, doch ist die Haltung einer Institution die Begleitungen anbietet aussagekräftig. Vergangenen Winter bildete auch das Innenministerium einen ersten Guide Pool für die Gedenkstätte aus, da man auch dort immer mehr von der Idee abkommt alleinig jungen Zivildienern die pädagogische Arbeit zuzumuten. Guides die z. B. von Wien aus für eine Führung anreisen bleiben für eine zweistündige Führung einer Gruppe gerade mal an die 10 Euro (die Fahrtkosten werden vom BMI nicht übernommen). Das Innenministerium veranschlagt für Führungen keine Preise. Was durchaus vertretbar ist, da die Aufklärung über den Holocaust ein unentgeltliches Angebot des Staates Österreich sein sollte. Aber seine MitarbeiterInnen mit solch einem Hungerlohn abzuspeisen bereitet einer westlichen Demokratie nicht gerade Ruhm. Und die These, Gedenkstättenpädagogik wird als Berufung betrachtet, ist bestätigt.


Die jetzige Situation der österreichischen Gedenkstättenarbeit, auch wenn zwei Guide Pools aufgebaut wurden, wovon einer seine Guides gut entlohnt, ist nachwievor ein Provisorium. Die Begleitungen – vor allem des Innenministeriums - dürfen nicht länger als Freizeittätigkeit mit Taschengeldaufbesserungschance präsentiert werden, sondern müssen als pädagogische und qualifizierte Arbeit etabliert und entlohnt werden.Warum die Guides noch arbeiten? Weil es so etwas wie Idealismus sehr wohl gibt, aber gepaart mit Problembewusstsein. Streik ist nicht das einzige Mittel zur Zielerreichung.

 

 

1 http://derstandard.at/1268402685676/Mauthausen- Komitee-hofft-auf-Geld?_seite=2&sap=2#forumstart. Stand 12. April 2010


Magdalena Neumüller
studiert Politikwissenschaft; Teilnehmerin der MKÖ- und BMI-Guide Ausbildung
Studienfahrten Guide und Mitarbeiterin im Verein GEDENKDIENST