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Ausgabe 1a/10


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Die vertriebenen Schüler des Wiener Akademischen Gymnasiums

In den Jahren vor 1938 war das Akademische Gymnasium die am stärksten von Juden besuchte Schule Wiens geworden, ca. 50 Prozent der Schüler sowie ein großer Teil des Lehrerkollegiums und sogar der Direktor, Dr. Ludwig Marcus, waren jüdisch. Viele Schüler übten ihre Religion jedoch nicht aus und wussten teilweise nicht viel darüber. Obwohl zeitweise die christlichen und jüdischen Klassen getrennt waren, gab es auch diverse gemischtkonfessionelle Klassen und es interessierte weder Schüler noch Lehrer, ob ihre Freunde und Kollegen christlich oder jüdisch waren. Es gab zwar ab und zu Rangeleien, jedoch eher wegen der Ergebnisse der Klassenturniere im Fußball als wegen der Konfession. Soweit es bekannt ist, gab es keine Benachteiligung jüdischer Schüler.


Schon kurz nach dem Anschluss allerdings wurde der Direktor Dr. Ludwig Marcus suspendiert und durch den Nationalsozialisten Dr. Hans Schmidt ersetzt, der sofort diverse antisemitische Handlungen einleitete: Schon am 19. März, nur sieben Tage nach dem „Anschluss“, wurde auf Befehl Schmidts im Festsaal eine Feier mit Einzug der Hitlerjugend abgehalten, während die jüdischen Schüler stillschweigend in den Klassen zu sitzen hatten. Bald darauf, am 28. März, erließ Schmidt den Befehl der Zusammensetzung „arischer“ Schüler und die Einführung des deutschen Grußes zur Begrüßung des nunmehr ausschließlich „arischen“ Lehrerkollegiums. Viele Juden waren schon vor dem Anschluss oder in den Tagen danach geflohen, da sie die zunehmende Verschlechterung der Lage erkannt hatten. Manche konnten sich über die Alpen in die Schweiz absetzen. Andere bekannte Fluchtwege waren die Kindertransporte nach England oder der Fluchtweg über die Donau und das Schwarze Meer nach Palästina.


Am 28. April wurden schließlich alle verbliebenen jüdischen Schüler des Akademischen Gymnasiums, damals nur noch 43 Prozent der Gesamtschülerzahl, der Schule verwiesen und größtenteils in die ausschließlich jüdische Schule in der Zirkusgasse „umgeschult“ (so der Vermerk in den Klassenkatalogen). Doch auch diese wurde nach einiger Zeit für Juden geschlossen.


Daniel Grünwald

 

 

 

Robert Winter hat die Geschichte der Schule aufgearbeitet (Das Akademische Gymnasium in Wien, Wien 1996). Für den Zeitraum von 1938 – 1945 verwendete er zwei Quellen: Akten des Österreichischen Allgemeinen Verwaltungsarchivs (Schriftverkehr der Behörden mit der Direktion des Akademischen Gymnasiums) und „Mitteilungsbücher“ der Direktion der Schule mit Mitteilungen an die Lehrer und Schüler. Die Mitteilungen des Direktors wurden teilweise stichwortartig festgehalten. Die Anmerkungen stammen von Robert Winter. Ein Auszug über die Zeit des Nationalsozialismus:

 
Mit dem März 1938 ändert sich natürlich vieles. Nach dem Ausfall von
Unterrichtsstunden und -tagen gibt es zunächst eine Schulfeier im Festsaal.
Für diese gibt es genaue Anweisungen durch die Direktion:


19.03.1938 ,,. . . Wenn alle Schüler im Festsaal versammelt sind, begeben sich
die Mitglieder des Lehrkörpers in den Festsaal auf ihre Plätze...; dann erfolgt der Einzug der HJ (= Hitlerjugend)...Der Redner der NS-Lehrerschaft schließt seine Rede mit dem Ruf: ‚Unser Führer: Sieg - Heil!’ Dabei wird ‚Sieg’ vom Lehrer und ‚Heil’ mit erhobenen Rechten von den Schülern gerufen. Während des Singens der ersten Strophen des Deutschland- und des Horst Wesselliedes stehen alle still und heben den rechten Arm zum Gruß. Nach dem Singen kommandiert der Gruppenführer der HJ den Abmarsch seiner Gruppe. Damit ist die Feier geschlossen. Die jüdischen Schüler sind in den Klassen versammelt und warten dort bis zum Ende der Feier auf die Rückkehr der arischen Schüler vom Festsaal.“


28.03.1938 Verlautbarung des Direktors Dr. Hans Schmidt: „Ich ersuche den Erlass über die Einführung des Deutschen Grußes an den österreichischen Schulen zur Kenntnis zu nehmen. Um dem obigen Erlass richtig zu entsprechen, ist es zweckmäßig, dass die Herren Klassenvorstände der gemischtkonfesionellen Klassen die arischen Schüler zusammensetzen. Auch die Feier am 1. Mai steht jetzt unter anderen Vorzeichen. Die Teilnahme daran ist allerdings freiwillig.


29.04.1938 Den beiliegenden Erlass betreffend die Maifeier zu verlesen und die Meldung der Schüler zu verzeichnen. Unsere Anstalt entsendet 100 Schüler unter der Führung von 5 Professoren.


30.04.1938 Da die gestrigen Meldungen zur morgigen Maifeier nicht die erforderliche Zahl ergab, mögen sich weitere Teilnehmer melden. Versammlung um 7.15 (Uhr) hier in der Anstalt - Neue Gesamtzahl: 72 Schüler. - In den beiden Zahlen sind allerdings die Zahlen der HJ- und BdM-Angehörigen nicht enthalten- Auch die Teilnahme am Religionsunterricht für katholische und evangelische Schüler ist nicht mehr selbstverständlich, im Gegenteil, sie erscheint fast als notwendiges Übel.


18.10.1938 Den Schülern wird mitgeteilt, dass Abmeldungen vom Religionsunterricht und den religiösen Übungen auch während des ganzen Schuljahres erfolgen können. Wiederanmeldungen können natürlich nicht entgegengenommen werden.“


Der Staat interessierte sich jetzt ganz besonders für die soziale Umgebung (Familie, Verwandte, Bekannte) der Schüler. Ein Erlass ordnete schriftliche, von den Schülern selbst zu verfassende Berichte an. Dazu noch ein Nachtrag:


06.11.1938 „Außerdem sind die Meldungen der Schüler, enthaltend: Name, Anschrift, Familienstand und bisherige Beziehungen zur Heimat des Verwandten (Bekannten) im Ausland einzusammeln und abzugeben.“


09.05.1939 Schreiben an den Stadtschulrat für Wien: „Die Direktion ersucht um die Bewilligung des Betrages von RM 195 zur Anschaffung einer Marmortafel 60 mal 80 über das Ergebnis der Volksabstimmung vom 10. April 1938.“ - Vom Ministerium bewilligt.

 

Ein Raum in der Schule, eingerichtet als „Hauskapelle“, war jetzt unnötig, da es keine Gottesdienste in der Schule mehr gab. Daher war auch die Einrichtung der Kapelle funktionslos:


24.06.1939 Das Akademische Gymnasium lässt die Kirchengeräte der Kapelle schätzen (u. a. ein Altar, eine Monstranz, 3 Kelche, 6 Messkleider in den liturgischen Farben, 4 Bilder, Altartücher usw.): Pauschalbetrag RM 500,-. Der Verkauf wird beantragt. Das Ministerium für innere und kulturelle Angelegenheiten, Abt. IV, äußert sich zustimmend.

 

30.06.1939 „Die Bewilligung zum Verkauf der kirchlichen Geräte, unter denen sich nach der Aufstellung der Direktion keine Geräte von kulturhistorischer Bedeutung befinden, wäre grundsätzlich zu erteilen...“ (an den Stadtschulrat für Wien). Es erfolgt der Verkauf an den „Allgemeinen Wiener Kirchenbauverein“ um den obigen Betrag.


Tina Geng,
Nastasja Stanojevic