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Ausgabe 1a/10


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"Ich war politisch viel zu naiv, um mich bedroht zu fühlen"

Herbert Suslak konnte mit einem Kindertransport nach Großbritannien emigrieren, wo sein Vater bereits auf ihn wartete. Er blieb in Großbritannien und machte eine Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker. Zur Zeit lebt er in Edinburgh.


Gab es vor dem „Anschluss“ Antisemitismus in Österreich?
Ja, sehr! Mir selbst war dies in meiner Jugend nie bewusst. Erst als Erwachsener wurde mir die Tiefe und Ausbreitung des Antisemitismus der Wiener durch Bücher und Artikel bekannt.


Wie haben sich nach dem „Anschluss“ die Hausbewohner Ihnen gegenüber verhalten?
Nachbarlich, wie immer.

 

Haben Sie über die politischen Vorgänge zu Hause gesprochen?
Es wurde nur über Allgemeinheiten gesprochen, in meinem Familienkreis waren weder Religion noch „Rasse“ ein Gesprächsgegenstand. Man war hauptsächlich an meinen Schulleistungen, Märklin-Konstruktionen (Modelleisenbahn, Anm.), den Lektüren wie Jules Verne und Karl May und Freizeittätigkeiten wie Eislaufen interessiert.


Wann wurde entschieden, dass Sie emigrieren werden?
Erst Anfang 1939, da wurde ich als „Judenbengel“ zum ersten Mal misshandelt. Das führte zur Familienentscheidung, dass ich Österreich so bald wie möglich verlassen sollte. Ich bekam noch einen Platz in dem letzten von den Quäkern organisierten Kindertransport und fuhr Ende April 1939 ohne weitere Zwischenfälle vom Wiener Westbahnhof nach England, wo mein Vater schon lebte. Das Verlassen von Wien hätte ich nie als „Flucht“ betrachtet. Ich war politisch viel zu naiv, um mich bedroht zu fühlen.
Zu meinem Vater nach England zu fahren, war einfach ein Abenteuer. Ich fuhr
vom Westbahnhof ab, kam nach zwei Tagen Fahrt in London an -- Schluss.


Verlief Ihr Leben später so, wie Sie es wollten?
Ja, in England vollendete ich die Schule, wurde Gebrauchsgrafiker, heiratete und gründete eine Familie. Bis 1975 lebte ich in England und übersiedelte dann nach Schottland, wo ich jetzt immer noch lebe (Edinburgh). Ich wurde Gebrauchsgrafiker, heute wird der Beruf „Designer“ bezeichnet.


Haben Sie das Akademische Gymnasium jemals wieder besucht?
Ja, im April 2009 zum ersten Mal. Der Besuch war ganz ungeplant, ein Einfall
während einer kurzen Durchfahrt durch Wien. Ich suchte auch die Lothringerstraße auf, wo wir früher gelebt hatten. Der Empfang durch den Herrn Direktor Kerbler bleibt auf immer eine meiner erfreulichsten Erinnerungen.


Victoria Podgorzak,
Julia Salapa,
Isabella Wagner