AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1a/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

"In Österreich gab es einen gemütlichen Antisemitismus"

Alfredo Bauer wurde am 14.11.1924 in eine Wiener jüdische Familie geboren. Nach der Volksschule Börsegasse besuchte er das Akademische Gymnasium. Nach dem „An-schluss“ emigrierte er mit seinen Eltern nach Argentinien, wo seine Tante lebte. Er ist in Buenos Aires geblieben, studierte Medizin und arbeitete als Gynäkologe, aber auch als Schriftsteller und Übersetzer.

 
Gab es auch schon vor dem „Anschluss“ Antisemitismus?
Dass es vor dem „Anschluss“ Antisemitismus gab, und leider nicht nur in privilegierten Schichten, sondern auch in großen Teilen des Volkes, müsstet ihr doch wissen. Wisst ihr nicht, wie der (in anderen Aspekten doch hoch verdiente) Bürgermeister Lueger zu den Juden stand; und auch zu den Tschechen? Mein Großvater, der Gemeinderat Mittler, hat sich deswegen genug mit ihm herumgeschlagen. Freilich war das ein „österreichisch-gemütlicher“ Antisemitismus und Antislawismus. Freilich teile ich durchaus nicht die aggressive Meinung mancher vertriebener Juden: „Die Österreicher“ wären immer Antisemiten gewesen und würden es immer sein. Außer aggressiv ist eine solche Meinung auch leichtfertig und dumm. Man muss vielmehr den Dingen auf den Grund gehen:
Warum bestand in manchen Ländern Europas der Antisemitismus, der Ende des Mittelalters allgemein war, weiter, und in anderen nicht? Wie ihr vielleicht wisst, ich habe über die Geschichte der Juden ein Buch geschrieben, das "kritisch“ ist, das heißt, in dem gerade dieser Aspekt behandelt wird.


Ihr wisst doch sicher, dass sich im XIX. und XX. Jahrhundert viele Juden taufen ließen, um nicht ihre Karriere zu behindern: etwa Gustav Mahler. Ich selbst und auch schon meine Familie sind längst vom Judentum losgesagt; aber taufen lassen sollte man sich eigentlich nur dann, wenn man an die christliche Religion glaubt. Nicht um der Karriere willen. Aber freilich sollte auch keiner wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum benachteiligt werden. In dieser Beziehung ist es in Argentinien besser: Da ist die Religion Privatsache eines jeden und steht in keinem Dokument (Wie ja übrigens auch in Österreich jetzt nicht mehr.).


„Offizielle“ Diskriminierung und Verfolgung der Juden wie im Dritten Reich gab es vor dem „Anschluss“ allerdings nicht. Immerhin waren ab 1934 in den Mittelschulen (in den Bezirken, in denen das zahlenmäßig möglich war) die Juden in eigenen Klassen konzentriert. Das geschah auf Wunsch - oder wenigstens mit Billigung - der israelitischen Kultusgemeinde. Keine antisemitische Maßnahme also? Durchaus! Die Antisemiten (deren es in den Ministerien sehr viele gab) und die jüdischen Nationalisten in der Kultusgemeinde wollten beide nicht die Integration, sondern die Absonderung. Das dürfte für euch schwer zu glauben sein, aber so war es! Natürlich begünstigte das den gegenseitigen Hass. Die üblichen Völkerballwettkämpfe zwischen den Parallelklassen wurden dann - ich erinnere mich gut daran - als regelrechte Straßenschlachten weitergeführt. Die Schuld lag jedenfalls nicht bei den verhetzten Schülern, sondern bei den verhetzenden Behörden.


Wie war die Situation in der Klasse? Wie verhielten sich die Mitschüler und Lehrer bzw. der Direktor?
 Von antisemitischen Handlungen innerhalb der Klasse kann ich nichts berichten, da es in meiner Klasse keine Nichtjuden gab. Ich erinnere mich aber sehr gut daran, dass es in der Volksschule (Börsegasse) antisemitische Handlungen von Kindern gegeben hat, die der Katechet aufgehetzt hatte. Als es einmal deshalb mit mir zu einer Prügelei kam, nahmen mich meine Klassenlehrerin Fräulein Briedl und der Direktor Herr Niedermayer in Schutz. Ihr seht, es gab böse und gute Handlungen, aus Unwissenheit ebenso wie aus Bösartigkeit. Von antisemitischen Handlungen der Lehrer vor dem „Anschluss“ ist mir nichts bekannt. Mein Klassenvorstand Dr. Lackenbacher und der Direktor Herr Marcus waren selbst getaufte Juden, die beim „Anschluss“ auch gleich „entfernt“ wurden.

 

Haben Sie mit Ihren Eltern über die Problematik gesprochen?
Ob die Trennung nach Konfessionen diskutiert wurde? Nicht offen. Meine Eltern als Humanisten und Sozialdemokraten waren natürlich dagegen und sie sagten mir das auch. Vergesst nicht, dass es die Zeit des Austrofaschismus war, und dass jede Diskussion öffentlicher Angelegenheiten verpönt war. Mein Religionslehrer Dr. Lehmann, eigentlich ein sehr fortschrittlicher Mann, war aber, wie überhaupt die israelitische Kultusgemeinde, für die Trennung der Konfessionen. Das sei eine Art, das Jüdische zu respektieren. Meines Erachtens hingegen ein Wahnsinn: Die Juden zu isolieren kann diesen doch nur schaden! Aber freilich: Manche Juden befürworten heute sogar das Ghetto. Wohin es aber führt, das haben wir ja doch gesehen.


Wie religiös waren Sie und Ihre Eltern?
Überhaupt nicht. Allerdings müsst ihr wissen, dass die Religionszugehörigkeit damals in allen Dokumenten vermerkt stand; auch beispielsweise bei mir im Schulzeugnis: „Konfession: mosaisch“. Bei uns hätte eigentlich stehen müssen „konfessionslos“; aber um das formell zu machen, wäre ein Amtsweg nötig gewesen, der unter dem Austrofaschismus sehr erschwert war. Und wer nicht formell konfessionslos war, der war auch gezwungen, religiös zu heiraten und die Kinder ins religiöse Matrikel einschreiben zu lassen. Sonst hätten meine Eltern wohl nur standesamtlich geheiratet und ihren Sohn auch nur zivil einschreiben lassen. Immerhin war es möglich, dass auf ihren Wunsch von der Beschneidung Abstand genommen wurde.


In dieser Hinsicht ist in Argentinien die Gesetzgebung viel freizügiger: Es gibt ein allgemeines Zivilregister und einer Religionsgemeinschaft gehört man an, wenn man in sie eintritt; wie in einen Klub oder eine Kooperative. Die Zugehörigkeit vererbt sich auch nicht auf die Kinder. Jede Änderung des Zivilstandes muss vor der staatlichen Behörde erfolgen. Religion ist in den öffentlichen Schulen ein Wahlfach.


In der Familie meiner Mutter war die letzte Generation, die echt religiös war, die meiner Ururgroßeltern. Sie lebten in einem kleinen Städtchen in der Slowakei. Der Vater meiner Ururgroßmutter war Rabbiner und war aus Deutschland in die Schweiz zugewandert. Mein Urgroßvater war Medizinstudent, 1848 Mitglied der Akademischen Legion und wurde als solcher von der Universität relegiert. Mein Großvater (Schwiegersohn meines Urgroßvaters) war liberaler Gemeinderat in Wien.


In der Familie meines Vaters, die aus einem mährischen Städtchen nach Wien zugewandert war, hielt sich die Religion länger. Mein Großvater, Josef Bauer, ging an den hohen Feiertagen noch in die Synagoge und war stolz, weil seine vielen Kinder ihn dort mit liebevollem Respekt besuchten. Es wird überhaupt, wie ihr vielleicht wisst, (auch) in der jüdischen Kultur-Tradition der Familiensinn sehr großgeschrieben. Es war damals bei vielen Familien noch so, dass man darauf sah, dass die Kinder sich nicht mit Kindern der „anderen“ Konfession anfreundeten. Also, das gab es bei meinen Eltern natürlich nicht! Hingegen wurde in der Schule im jeweiligen Religionsunterricht (mit mehr oder weniger Schärfe) gegen „die Anderen“ Propaganda gemacht. Ich war bei den Pfadfindern; da wurde zwar eine gewisse halbreligiöse Pietät gepflegt, aber nach der Religionszugehörigkeit überhaupt nicht gefragt. Dass es verschiedene Bekenntnisse gibt, erfuhr ich überhaupt erst, als wir in der Schule zum Religionsunterricht gerufen wurden und mein Vater mir das dann erklären musste.

 

Bei uns wurde Weihnachten gefeiert, unreligiös natürlich. Aber sehr schön mit Bäumen, Geschenken und Sinn für Frieden und Menschenliebe. Nachdem die Verfolgung der Juden vom Staat her offen und intensiv eingesetzt hatte, gab es bei mir eine leichte, vorübergehende „Hinwendung zum Judentum“. Bei meinen Eltern auch da nicht. In Argentinien waren wir alle sehr bald in der „Frei-Österreich-Bewegung“ und auch in der revolutionären Jugendbewegung. Überhaupt waren die verfolgten österreichischen Juden viel weniger jüdisch orientiert als die deutschen. Das kommt wohl daher, dass fast alle aus der Großstadt Wien kamen, von den deutschen aber viele aus kleinen Städten. Auch waren die deutschen wohlhabender. Und ich meine, dass in diesem Milieu das auch etwas ausmacht.


Wurde im Unterricht eigentlich über Politik gesprochen?
Allerdings, aber natürlich nur einseitig! Im „vaterländischen“ Sinn. Wir hatten einen Geschichtslehrer, Dr. Jaspec, der war so vaterländisch, dass er sogar nach dem Anschluss nicht wie die meisten übernommen, sondern gefeuert wurde. Wie er zum Beispiel die Revolution von 1848 behandelte, könnt ihr euch denken. Von der Geschichtsauffassung, die er uns einimpfte, konnte mich erst in der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires mein verehrter sozialistischer Lehrer Dr. August Siemsen befreien.


Haben Sie Proteste von Seiten der Lehrerschaft gegen den Nationalsozialismus mitbekommen?
Proteste von Seiten der Lehrer, wenn es sie gab, gelangten nicht bis zu uns. Hingegen äußerte sich der gegenseitige Hass, der uns eingeimpft wurde, beispielsweise bei den Völkerball-Wettspielen zwischen den Parallel-Klassen. Da gab es dann auf der Straße regelrechte Schlachten. Ich glaube aber nicht, dass die Schulführung sich bewusst war, dass die Linie der Verwaltung selbst an diesem Kriegszustand die Schuld getragen hat. In einem meiner Bücher („Nuevo Mundo“) handelt eine Geschichte davon. Das Buch liegt bisher nur auf Spanisch vor, soll vielleicht aber im Herbst auf Deutsch herauskommen; dann könntet ihr daraus wohl manches herauslesen.


Wann wurden Sie von der Schule verwiesen? Wie wurde Ihnen das mitgeteilt?
„Verabschiedet“ wurden die jüdischen Schüler so, dass man sie im Physik-Saal versammelte und Prof. Hödl ihnen mitteilte, dass sich die Juden nicht wie „Gäste“ betragen hätten und dafür nun bestraft werden müssten. Also in eigene Schulen kommen müssten: in die Zirkusgasse. Und das auch nur bis zum Juni 1938, dann gab es für Juden überhaupt keinen (öffentlichen) Unterricht mehr. Bei der „Erklärung“ war noch ein anderer Lehrer dabei: Prof. Stöger. Dem war anzusehen, dass er sich in Grund und Boden schämte. Ich glaube, dass den beiden Lehrern deshalb die „schmachvolle“ Aufgabe dieser Erklärung zugewiesen worden war, weil sie nicht Mitglieder der illegalen Nazi-Partei gewesen waren. Die beiden reagierten darauf dann in ganz unterschiedlicher Weise. Von Prof. Stöger erfuhr ich auch später, dass er immer sehr anständig war.


Können Sie uns etwas über Ihre Flucht erzählen?
Über unsere Flucht nach Argentinien und über deren Vorgeschichte könnte ich euch detailliert schreiben; aber ihr wolltet euch doch meine Bücher besorgen, da ist alles ausführlich beschrieben, besonders in „Verjagte Jugend“ (Wien 2004, leider vergriffen).


Nach dem Krieg sind viele Nazis nach Argentinien geflohen, um sich zu verstecken. Sind Ihnen später in Argentinien ehemalige Nazis untergekommen?
Leider kann ich euch da nicht viel Konkretes sagen. Zu der Zeit, als die Kriegs-verbrecher, leider mit behördlicher und auch mit kirchlicher Hilfe, herkamen,
erfuhren wir überhaupt nichts davon. Auch wir politisch Interessierten nicht. Ihr müsst wissen, dass damals die Menschenrechtsorganisationen illegal arbeiten mussten. Erst später konnte damit begonnen werden, das gefundene Material zu veröffentlichen. Es wurden beispielsweise Filme gemacht. Aber vieles, wie zum Beispiel Eichmann wirklich weggebracht wurde, ist bis heute tabu. Ich könnte euch da Bücher empfehlen, zum Beispiel von unserer Freundin Gabriele Weber. Aber die sind natürlich spanisch.


Da ist hingegen eine Episode, die nicht nur interessant, sondern auch für euch
aktueller sein dürfte. Ihr wisst vielleicht, dass nach Kriegsrecht in den Gefangenenlagern den Internierten die Selbstverwaltung garantiert war. Die Wehrmacht hielt das natürlich nicht ein, wohl aber die alliierten Mächte, auch die Sowjetunion, die aber zum Unterschied zu den Westmächten aktive Antinazi-Propaganda betrieb und den Offizieren und Soldaten der Wehrmacht, die sich gegen Hitler organisieren wollten, dies erlaubte. Das aber nur nebenbei. In den westlichen Gefangenenlagern herrschten bis zum Ende die Nazis. Auch in dem einen Lager, das es in Argentinien gab: Auf der Insel Martín García, wo die Mannschaft des 1940 versenkten Kreuzers „Graf Spee“ interniert war. Unter den Matrosen gab es auch aktive Antinazis, und ein solcher wandte sich, da er sich bedroht sah, auf abenteuerliche Weise an uns um Hilfe. Aber wir waren erst kurz im Land und
hatten auch kaum Verbindungen, also kamen wir mit unserer Hilfe zu spät. Der Mann wurde tatsächlich ermordet. Auch dieses Ereignis habe ich beschrieben: In meinem Buch „Nuevo Mundo“ (das vielleicht im Laufe dieses Jahres auch auf Deutsch erscheinen wird).


Markus Liu,
Lukas Schneider