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Ausgabe 1a/10


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"Was für eine Heuchelei!"

George W. Landau wurde am 4. März 1920 in Wien geboren. Er besuchte bis zur 7. Klasse das Akademische Gymnasium und wechselte dann ins Realgymnasium Albertgasse im 8. Bezirk. Später emigrierte er in die USA und kam 1945 als Soldat der US-Army nach Österreich zurück.

 
Gab es im Akademischen Gymnasium vor dem "Anschluss" Antisemitismus?
Die Schüler wussten generell, dass manche Lehrer, zum Beispiel der Turnprofessor und der Professor für Darstellende Geometrie, illegale Nazis waren, aber ich habe nie offen Antisemitismus gesehen oder davon gehört.


Wie haben Sie den "Anschluss" erlebt?
Wir hörten Radio und weinten, als Schuschnigg seine Abschlussrede hielt und die Österreich-Hymne das letzte Mal gespielt wurde. Ich war schockiert, den Enthusiasmus der Bevölkerung zu sehen, als Hitler und die Deutschen am Heldenplatz einmarschierten. Praktisch ganz Wien war dort. Als ich Wien 1945 als U.S. Military Intelligence Officer erreichte, erzählten mir die gleichen Wiener, dass sie keine Nazis gewesen wären, dass sie die Deutschen niemals gemocht hätten und dass jeder bereit gewesen wäre, einen Juden zu verstecken. Was für eine Heuchelei!

 

Wie wurde Ihnen mitgeteilt, dass Sie die Schule verlassen müssen?
Ich wechselte 1937 vom Akademischen Gymnasium in das RG VIII in der Albertgasse, weil ich Probleme mit dem Fach ,,Darstellende Geometrie‘‘ hatte, im RG VIII lehrten sie stattdessen Englisch.


Haben Sie mit Ihren Eltern über Politik gesprochen?
Andauernd. Wir waren sehr besorgt über die Ausschreitungen der Nazi-Partei in Deutschland und die ansteigende Zahl illegaler SA- und SS-Mitglieder in Österreich. Es gab viele tragische Vorfälle, die mit der Ermordung von Bundeskanzler Dollfuß begannen.


Was war Ihr schlimmstes Erlebnis am Akademischen Gymnasium?
Im April 1938, ich ging gerade von der Schule nach Hause, blieb ich bei einigen
jungen Leuten in SA-Uniform stehen und wurde gezwungen, den Gehsteig von einem „Volkspartei“-Emblem zu reinigen. Während ich das auf Händen und Knien tat, bin ich einige Male von schweren Stiefeln getreten worden.


Was war Ihr schönstes Erlebnis am Akademischen Gymnasium?
Das Lob, das ich vom Geschichtslehrer, Prof. Carl Weiss, bekam. Er spornte mich dazu an, seinem Beispiel zu folgen und auch Professor zu werden, spezialisiert auf Geschichte und Geografie.


Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie Wien verlassen mussten?
Es war eine enorme Erleichterung, dass ich außer Gefahr war, aber ich war auch besorgt, weil ich meine Eltern zurückgelassen hatte. Damals habe ich gehofft, Wien nie wieder sehen zu müssen (ich wusste natürlich noch nicht, dass ich sieben Jahre später als U.S. Military Intelligence Officer zurückkehren werde!).


Gab es Nichtjuden in Ihrer Verwandtschaft?
Nein, nicht 1938. Aber als ich 1945-1947 in Gmunden stationiert war, lernte ich ein österreichisches Mädchen kennen – sie wurde später meine Frau. Letzten Monat, nach 62 Ehejahren, ist sie verstorben. Jetzt habe ich viele Verwandte in Oberösterreich und wir stehen uns sehr nahe.


Gab es Opfer in Ihrer Verwandtschaft?
Ein Onkel und eine Tante wurden vergast. Meine Eltern konnte ich rechtzeitig hinausschaffen und die beiden lebten viele Jahre glücklich.


Haben Sie das Akademische Gymnasium später noch einmal besucht?
Ja, 2008. Direktor Klemens Kerbler hat mich und meine zwei Söhne zum Frühstück eingeladen, bei dem auch zwei weibliche Lehrerinnen anwesend waren (Etwas Neues für mich. Als ich noch dort Schüler war, gab es so etwas nicht.).

 

Danach haben sie uns herumgeführt, uns wurden die Klassenräume gezeigt und wir haben mit ein paar Schülern geredet. Es war sehr emotional für mich und ich habe sogar zu weinen begonnen, als ich die Gedenktafel beim Eingang sah, die an jene Schüler und Lehrer erinnert, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit vertrieben worden waren.


Haben Sie ehemalige Schulkameraden/Lehrer später wiedergetroffen?
Die Lehrer sind jetzt alle tot. Die Schule hat keine Aufzeichnungen über die Aufenthaltsorte meiner früheren Klassenkameraden. Ich habe aber Direktor Kerbler einige Fotos von Lehrern und Schülern aus meiner Zeit dagelassen.


Können Sie sich an Ihren Klassenraum erinnern?
Ja, er war sehr altmodisch.


Hatten Sie ein Vorbild? Wenn ja, wer?
In diesem Lebensabschnitt (ich war etwa in eurem Alter) fand ich das ökonomische und politische Chaos bedenklich, das damals in Österreich herrschte, da vieles in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie besser gewesen war. Und ich dachte, die Rückkehr von Erzherzog Otto sei eine Lösung des Problems.


Hannah Riedler,
Cornela Walther