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Ausgabe 1a/10


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"In gewisser Hinsicht bin ich ein Optimist"

Hans Reichenfeld flüchtete nach Großbritannien. Seine Schwester und später seine Eltern konnten nachkommen. In Österreich wurde er nie wieder sesshaft. Nach dem Medizinstudium in London praktizierte er als Allgemeinmediziner in Birmingham. 1966 übersiedelte er mit seiner Familie nach Kanada, wo er heute lebt.

 

Wo sind Sie aufgewachsen und in welchen Schulen waren Sie?

Ich bin im 3. Bezirk aufgewachsen und bin in die Volkschule in die Klimschgasse gegangen. Und dann bin ich in die Mittelschule gegangen, ich musste eine Aufnahmeprüfung machen - damals war das so. Nach dem ersten Jahr an der Mittelschule bin ich in das Bundesgymnasium im 3. Bezirk gekommen. Ich habe eine sehr energische Mutter gehabt. Sie wollte immer das Allerbeste für mich. Und irgendwie hat sie gedacht, dass es bessere Schulen gibt als im 3. Bezirk. Ich persönlich hab das aufgeschrieben in meinem Tagebuch, ich hab das ganz nett gefunden. Wie gesagt, das erste Jahr hab ich dort gemacht. Im zweiten Gymnasiumsjahr bin ich in das Akademische Gymnasium gekommen. Ich war in dieser Schule bis 1938. Vier Jahre lang bin ich in diese Schule gegangen. Ich hab mich in der Schule für alles mögliche interessiert, ich hab bei den chemischen Übungen mitgemacht. Bin zwei Mal in der Woche in der Mittagszeit Eislaufen gegangen. Das Zweite, was ich außerhalb der Schule gemacht habe, war Fechten. Ein Sport, den ich eigentlich viele Jahre lang betrieben habe.

 

Waren in Ihrer Klasse ausschließlich Juden?

Nein, es war keine rein jüdische Klasse, erst dann ab 1938. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Juden oder wie viele Nichtjuden in der Klasse waren. Ist auch heute noch so ähnlich, dass man im Religionsunterricht aufgeteilt ist. Wir waren aufgeteilt in Katholiken, Protestanten und Juden. Außerhalb des Religionsunterrichts war es ein sehr angenehmes Verhältnis, ich hab viele Freunde gehabt, die Nichtjuden waren. Wir waren eine schöne Klasse, damals war es noch sehr friedlich.

 

Haben Sie die politischen Ereignisse als Kind mitbekommen?

Wir haben gewusst, dass große Veränderungen kommen werden: Im Februar 1934 war ja ein großer Aufstand. Wir haben gewusst, dass die Nazis im Juli einen Putsch gemacht haben und den Bundeskanzler Dollfuß ermordet haben, daraufhin war man immer politisch interessiert, nicht engagiert, aber interessiert, man hat die Zeitung gelesen, damit man weiß, was da vorgeht. Andererseits muss ich auch sagen, dass meine Mutter eine Schwester gehabt hat, die Ärztin war. Sie war Oberärztin in einer Jugendheilanstalt nicht weit von hier. Dort hat es einen ehemaligen Parlamentsabgeordneten gegeben, der ihr Patient war. Und als sie am Wochenende nach Wien gekommen sind, da haben wir ihn kennengelernt und der hat natürlich sehr viel über Politik geredet: Er habe mit Leuten aus Deutschland Kontakt gehabt, wo es ein bisschen Widerstand gegeben habe. Er meinte, dass das noch was werden würde. Ich persönlich war nur mit einer kleineren Gruppe verbunden. Eines Tages sind wir auch durch die Stadt gegangen mit Abzeichen wie „Freies Österreich“, „Wir wollen, dass Österreich Österreich bleibt und nicht von den Deutschen aufgefressen wird“ und „Wir pfeifen auf das dritte Reich!“ Da hat es auch andere gegeben mit dem Spruch „Schick mit Ja, die Jugend will es“. Wir waren eine kleine Gruppe, im Gegensatz zu den Nazis, die bei den Demonstrationen viel mehr Leute waren. So einer Gruppe sind wir dann auch begegnet, aber wir sind einfach weitergegangen. Beide Gruppen waren gegenüber der Stadt, wo noch größere Demonstrationen von Nazis waren. Die haben das Hakenkreuz getragen, sie haben die Hakenkreuz-Fahne geschwungen und haben auch Lieder über Deutschland gesungen. Ich wollte nicht mehr dort bleiben, hab meine ganzen Abzeichen genommen und bin halt nach Hause gegangen. Kurz darauf war natürlich der Einmarsch von den deutschen Truppen.

 

Was ist in der Schule nach dem „Anschluss“ passiert?

In der Schule sind zunächst alle jüdischen Lehrer gekündigt worden, es wurde ein anderer Direktor eingesetzt, der Herr Schmidt, der Turnlehrer war. Das erste, was sie gemacht haben, war eine Feier für den „arischen Führer“. Und der neue Direktor hat erzählt, wie großartig es sein werde, wenn Österreich verschwinde. Dann hat er noch eine andere Rede an die jüdischen Schüler gehalten: Er meinte, dass sie sich benehmen sollten. Tatsächlich, wie ich es auch in meinem Tagebuch niedergeschrieben habe, gab es nie antisemitische Ausschreitungen. Aber unter den Schülern waren auch sicher einige Nazis. Interessant war auch, wie die Lehrer auf die Umstellung reagiert haben. Der Chemielehrer ist in die Klasse gekommen und hat gesagt, dass er Kopfweh habe und dass wir machen können, was wir wollen. Aber besonders imponiert hat mir der Griechischlehrer. Die Juden sind auf der einen Seite gesessen und die Nichtjuden auf der anderen Seite. Dem Griechischlehrer war es egal, auf welcher Seite man sitzt, denn er hat gesagt, wenn man nichts könne, falle man durch! Das hab ich sehr interessant gefunden.

 

Wie war denn das Verhältnis zwischen den Juden und den Nichtjuden in der Klasse nach dem „Anschluss“?

Wie unter ganz gewöhnlichen Mitschülern!

 

Auch nach dem „Anschluss“?

Ja, in meiner Klasse war nur einer eine Art Nazi. Also, wie gesagt, in diesem ersten Monat wurden spezielle Schulen nur für Juden bestimmt und die anderen wurden sozusagen „arisiert“. Alles, was man sich ausgeborgt hatte, musste man wieder abgeben und dann in die andere Schule gehen und das war das Bundesgymnasium in der Zirkusgasse im 2. Bezirk. Wir haben uns von unseren Mitschülern verabschiedet und sind gegangen. So sind wir dann in die Zirkusgasse gekommen, wo ich das Schuljahr beendet habe. Es war nicht besonders großartig, aber immerhin habe ich es fertig gemacht. In der Leopoldstadt waren sehr viele Juden und aber auch einige Nichtjuden, die dann wegmussten. Sie waren aber natürlich nicht so begeistert. Ich kann mich noch erinnern, dass wir einfach so weiter in die Schule gegangen sind. Der Unterschied war halt, dass alle Lehrer und Schüler Juden waren, die Gegenstände sind gleich geblieben. Das sind Eindrücke, an die ich mich immer noch erinnern kann.

 

Wie haben Sie die Stimmung in der breiten Bevölkerung erlebt?

Unter der Bevölkerung war sehr großer Enthusiasmus für die Nazis. Die Leute mit ihren Verkaufsständen sind da in der Halle gestanden und da war eine Jüdin, die von den Nazis wirklich gedemütigt wurde, er hat sie seine Stiefel putzen lassen. Ich hab mich damals gefragt, wie die vielen Leute stundenlang da um dieses „Schauspiel“ stehen können, um zuzuschauen, wie ein paar Juden die Halle kehren. Es ist dann irgendwann natürlich auch ärger zugegangen, als man die Juden rausgeholt hat, damit sie das Graffiti mit Zahnbürsten von der Straße wegputzen, ich persönlich habe das nicht mehr gesehen. Das einzige, was ich gesehen habe, war wie gesagt, dass diese Dame da die Stiefel putzen musste.

 

Können Sie uns etwas über Ihre Flucht erzählen?

Ich habe gewusst, dass es in Österreich keine Existenzmöglichkeiten für Juden geben wird, aufgrund der „Rassengesetze“, sagen wir’s mal so. Meine Tante, die Oberärztin war, ist sofort geflohen. Sie hat gewusst, dass sie nie wieder die Stelle bekommen wird. Jüdische Eltern haben sich bemüht, ihre Kinder aus dem Land zu bekommen. Das war der Ursprung der Kindertransporte. Ich hab ja schon gesagt, dass meine Mutter sehr energisch war, sie wollte immer etwas unabhängig machen, und das hat sie wirklich gut gemacht. Wir haben uns damals gefragt, wohin wir jetzt gehen sollen. Denn viele Länder haben praktisch „zugesperrt“; man konnte eine Zeit lang auch ohne Visum nach Italien kommen, so ist mein Onkel geflohen. Aber meine Mutter hat eher alle möglichen Interessen gehabt und hat dann einen sehr bekannten Quäker kennengelernt. Er hat sie dann gefragt, ob er helfen könne. Er hat sich dann mit den Quäkern in England in Verbindung gesetzt und hat eine Schule für mich gefunden im Nordosten Englands. Diese Schule hieß „Friends School Great Ayton.“ Meine Mutter hat dann alles organisiert und so bin ich halt in diese Schule gekommen. Die Schule hat mir dann eine Anzahl von Sachen vorgeschrieben (Strümpfe, Unterhosen…). Ich hab dann den Koffer gepackt und hab mich in den Zug gesetzt. Natürlich denkt man da heute sofort an eine Flucht, es war ja auch eine. Aber für mich war da damals eine Art Ferienstimmung. Ich war in der Zeit 15 Jahre alt, die Reise hat fünf Wochen gedauert, weil ich an verschieden Stellen gewesen bin und die Fahrt war auch sehr interessant wegen der Natur. Ich war dann ein paar Tage in London und dann bin ich in die Schule gekommen

 

Warum ist Ihre Schwester nicht mitgefahren?

Ich hab nur eine Schwester gehabt, sie war zwei Jahre jünger. Später hat sie sich beschwert, weil ich als Junge besser behandelt wurde. Eigentlich hätte meine Mutter einen zweiten Sohn haben wollen, wir haben erst später darüber geredet. Sie hat zu einer Pfadfindergruppe dazugehört, die organisierte, dass sie in dieselbe Schule kommt, aber nicht ins Internat. Wie das damals so war, mussten sie die Bewilligung der Regierung haben. Und da hat ein Engländer die Verantwortung übernommen. Sie ist dann nur tagsüber in die Schule gegangen und abends war sie in einem englischen Heim. Buben und Mädls waren in der Schule nicht getrennt, wir haben auch gemeinsam gegessen und wurden auch in den Klassen gemeinsam unterrichtet. Aber sonst lebten wir separat von den Mädls, wir hatten nicht viel Kontakt mit ihnen, daher hatte ich sogar mit meiner Schwester nicht viel Kontakt. Unter den anderen Schülern waren auch einige Flüchtlinge aus Deutschland oder Österreich. Ich persönlich hab mich besonders gut mit dem Wolfgang befreundet, der zwei Jahre älter war als ich. Mit ihm habe ich hauptsächlich über die Welt diskutiert, wir haben uns nicht so viel Sorgen gemacht, was mit den Eltern geschehen könnte.

 

Haben Sie mit Schülern Kontakt gehalten, die länger im Akademischen Gymnasium geblieben sind?

Eigentlich habe ich nur mit einem einzigen Burschen Kontakt gehalten, der hat Gregory geheißen, er war aus Ungarn. Mit dem habe ich korrespondiert, der ist aber aus Wien mit seinen Eltern gemeinsam zurück nach Ungarn gefahren. Er war kein Jude, aber ich glaube seine Mutter schon. Ich habe noch einige Briefe von ihm. Nach den „Anschluss“ von Österreich war ja noch die Geschichte mit der Tschechoslowakei und die Ungarn sind dann auch noch in Rumänien einmarschiert. Über diese Sachen habe ich dann auch mit Wolfi (Wolfgang) diskutiert, über Krieg und Politik.

 

Was ist mit Ihren Eltern in Österreich passiert?

Meine Schwester hat zur Situation meiner Eltern gemeint, dass sie nicht so gut sei, aber das Leben nun mal weitergehen würde. Mein Vater war ja Arzt und hatte eine kleine angenehme Praxis im 3. Bezirk. Daher hat sich meine Schwester keine Sorgen gemacht und gemeint, dass er immer Arzt bleiben würde. Er dürfte aber nur noch jüdische Patienten betreuen. Im November 1938 war die „Reichskristallnacht“. Die Eltern wollten nicht, dass wir uns Sorgen machen darüber, was da passiert war, daher habe ich jede Woche Briefe bekommen. Einer war mit der Handschrift meiner Mutter geschrieben und der andere, von meinem Vater, mit der Schreibmaschine, so haben wir gemerkt, dass da was passiert ist. Meine Eltern haben mir nach ein paar Wochen geschrieben, dass mein Vater im November 1938 verhaftet worden war. Meine Familie hat aber viel Glück gehabt. Damals sind viele Juden nach Dachau geschickt worden. Aber mein Vater war nur auf der „Lisl“, die Gefangenen haben dort Schach gespielt und haben natürlich auch versucht herauszukommen. Meine Mutter konnte eine gültige Fahrkarte für Shanghai vorweisen, so wurde mein Vater freigelassen. Viele Flüchtlinge sind nach Shanghai emigriert, weil man dafür kein Visum brauchte. Einer meine Tanten hat dort den Krieg überlebt.

 

Sind Ihre Eltern also nach Shanghai gekommen?

Die Fahrt war über England gebucht und dort sind sie geblieben. Die Verordnung der britischen Regierung war so, dass meine Mutter eine Stellung als Hausgehilfin hätte nehmen können. Das heißt, sie hat eine Arbeitserlaubnis gehabt. Die Männer haben zu dieser Zeit nicht die geringste Arbeit machen dürfen. Gar nichts, überhaupt nichts! Sie waren eine Zeit lang bei der Familie, wo meine Schwester war, dann hat aber meine Mutter eine Stelle in Schottland bei einer reichen Dame als Begleiterin bekommen. Damals waren natürlich eine ganze Menge Flüchtlinge in Schottland, die einen Club gegründet haben. Beide haben zusammen einen Posten als Hausbedienstete bekommen. Auf diese Art bin ich dann von der Schule nach Edinburgh gekommen. Später hab ich dann auf der Universität dort studiert, denn ich wollte Wissenschaftler werden.

 

Haben Sie den Kriegsverlauf durch die Medien mitbekommen?

Ja, sehr viel. Ich habe es auch verfolgt durch Zeitung und Radio. Aber es ist auch einiges geschehen, das ich nicht mitbekommen habe. Wir haben zum Beispiel erst viele Jahre später von der Massenermordung erfahren. Da war beispielsweise die Frage, wie man über den Spanischen Bürgerkrieg denkt. Jeder hatte eine andere persönliche Meinung. Das kann man nicht so rasch zusammenfassen.

 

Hat Ihr Vater die Praxis wieder zurückbekommen?

Als er nach England gekommen ist, hat er ja noch gar nichts arbeiten dürfen. Später, nachdem er auf der englischen Universität studiert hatte, hat er auch anschließend das englische Diplom bekommen, womit er die Erlaubnis hatte zu arbeiten. In England gab es 1940 eine Internierungspolitik, Tausende von Flüchtlingen sind interniert worden. Mein Vater ist auch interniert worden und ich bin nachher nach Kanada geschickt worden. Nach ein paar Monaten, als er freigelassen wurde, durfte er nicht nach Edinburgh zurück. Alle ehemaligen Flüchtlinge sind nach Glasgow gekommen. Die Erlaubnis, in England als Arzt arbeiten zu dürfen, hat sich dann auch  geändert, um diese Zeit war nämlich der Krieg und die Engländer sind natürlich miteinbezogen worden. Mein Vater hatte zwar nicht die Erlaubnis, eine eigene Praxis zu eröffnen, aber durfte zumindest eine Stelle übernehmen. Auf diese Weise hat er in Birmingham eine Stelle bekommen. Er war in Österreich immer sehr beliebt gewesen, weil er sich um seine Patienten sehr gekümmert hat. Und für ihn war die Emigration ein sehr, sehr schwerer Schlag, ich glaube, er hat sich nie erholt, denn er sagte, dass er nie mehr wieder nach Österreich zurückkehren wolle. Er ist auch wirklich nie zurückgekommen, er hat in England gearbeitet und ist dort auch gestorben.

 

Was ist mit der Wiener Praxis passiert?

Keine Ahnung, mein Vater hat sich nicht darum gekümmert. Auf diese Weise hat er keine Rückerstattung bekommen.

 

Wissen Sie, was mit Ihrer Wohnung passiert ist?

Ich wollte mir das Haus anschauen, damit ich sehe, was passiert ist, aber es war zugesperrt. Wie gesagt, es war ein Vermögen. Zu der Zeit haben Ärzte nicht sonderlich viel verdient. Damals gab es kaum einen Arzt, der eine Praxis hatte, sie haben eher Hausbesuche gemacht. Jetzt ist es aber ganz anders.

 

Warum sind Sie nicht nach Österreich zurückgekommen?

Ich wäre gerne zurückgekommen, aber die Frage war, was mach ich da jetzt? Ich wollte selber Arzt werden, ich hab verschiedene österreichische Universitäten angeschrieben, aber die hatten keinen Platz mehr frei. Ich war beim britischen Militär, darum wurde es mir ermöglicht, in Großbritannien studieren zu können. In der Zwischenzeit hatte ich auch meine Frau kennengelernt. So bin ich geblieben. Meine Frau meinte 1963, wir sollten nach Österreich reisen, weil für mich so viele Erinnerungen damit verbunden seien. Ich muss sagen, ich hab mich hier gleich wohlgefühlt. Man hat uns sehr Willkommen geheißen. Meine Frau war auch begeistert.

 

Sind Sie religiös?

Nie. Ich hatte meine Bar Mitzwa mit 13, weil jeder die Bar Mitzwa hatte. Es gab sehr kurze Zeremonien dazu. Meine Eltern wollten, dass ich intensiver glaube. In der jüdischen Religion ist das große Buch die Thora und jeden Tag wurde ein gewisser Abschnitt vorgelesen. Wir sind dann in die Synagoge gegangen, aber meine Eltern waren auch nicht wirklich religiös. Aber sie meinten, das gehöre eben dazu. Ich habe sehr viele Bücher geschenkt bekommen, unter anderem deutsche Literatur und die gesamte Ausgabe von Heinrich Heine, das alles hab ich in meinem Tagebuch festgehalten. Mein Vater hat in mein Tagebuch geschrieben, er hat nichts Jüdisches zitiert, nur Latein hat er zitiert und Goethe. Wir waren also nur Teil der jüdischen Kultur.

 

Wie war das Gefühl, als sie in die Zirkusgasse „umgeschult“ wurden?

Wir haben das nicht sehr ernstgenommen. Das Glaubensbekenntnis ist nicht mal im Religionsunterricht durchgenommen worden. Ich weiß nicht, ob sich viel verändert hat. Das größte Fest der Juden, Pessach, haben wir zu Hause schon gefeiert. Chanukka haben wir auch gefeiert, das hat alles irgendwie alles dazugehört, ohne dass man sich große Gedanken darüber gemacht hat.

 

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie das Akademische Gymnasium wieder betreten haben?

Sehr gut. Also vor zwei Jahren habe ich diese Schule ja wieder besucht. Und was mir da aufgefallen ist, war die Offenheit über die Geschehnisse in meiner Zeit. Das fühlt sich, wie gesagt, sehr gut an, dass ein älterer Herr hier reinkommen kann und die Möglichkeit hat zu sprechen.

 

Was ist der Unterschied zwischen dieser und Ihrer früheren Klasse?

Erstens einmal gab es keine Mädels in der Schule, es war früher ein Knabengymnasium. Die Bankreihen waren frontal aufgestellt, zur Tafel. Man fühlt sich jetzt viel freier. Auch bei den Konversationen hat sich vieles verändert: Man hatte nie persönlichen Kontakt zu den Lehrern, sie waren die Lehrer und wir die Schüler. Es war formeller als heute.

 

Hatten Sie auch schlimme Erlebnisse zur Zeit des Krieges?

Jetzt ist ja gerade die deutschsprachige Übersetzung von Ludwig Laher meiner Biografie „On the Fringe“ erschienen. Wir haben lange über den Titel diskutiert. Einer hätte meiner Meinung nach besonders gut gepasst: „Die Niederlage des unverbesserlichen Optimisten“. In gewisser Hinsicht bin ich ein Optimist. Ich habe auch einen Talisman, angeblich wurde ich mit einer „Glückshaube“ geboren: Davon spricht man, wenn ein Kind mit der Fruchtblase über dem Kopf geboren wird. In der Mythologie kann man in diesem Fall nie ertrinken. So hab ich mir gedacht, mir wird nichts passieren. Ob es wahr ist, wird sich noch herausstellen.

 

Sonia Balint, Evelyn Gaia