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Ausgabe 1a/10


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Hans Reichenfeld: Eine bewegte Biografie

Evelyn Gaia und Ivana Javritchev haben Hans Reichenfelds Autobiografie „On the Fringe: A Sort of Autobiography” (Ottawa, 2006) gelesen. Reichenfeld berichtet über seine Erlebnisse zur Zeit des „Anschlusses”, seine Flucht und wie er seine Frau kennengelernt hat. Im folgenden Text wird der Lebenslauf von Hans Reichenfeld kurz zusammengefasst.

 

Hans Reichenfeld wurde 1923 geboren und wuchs in Wien auf. Er wohnte mit seinen Eltern und seiner Schwester Eva in der Radetzkystraße. Zur Schule ging er in das Akademische Gymnasium. Mit dem „Anschluss“ im März 1938 wurde ihm die politische Realität bewusst: Mit seinen Eltern sprach er auch über Politik, mit seiner Schwester eher weniger, da sie noch zu jung war.

 

Die Familie war sich der Gefahr bewusst. Noch im selben Jahr flüchtete Reichenfeld nach London. Seine restliche Familie blieb einstweilen noch in Wien. Er besuchte die „Friends School Great Ayton“; dort waren Mädchen und Burschen nicht getrennt, was für ihn ungewohnt war. Er lernte Wolfi kennen, der zu seinem besten Freund wurde und auch aus Wien geflohen war. Später kam auch seine Schwester nach und ging in dieselbe Schule. Nach einem Jahr folgten auch seine Eltern. 1944 meldete er sich zur Royal Air Force. 1945 wurde Reichenfeld in Island stationiert. Dort lernte er die Isländerin Ragga, seine zukünftige Frau, kennen.

 

Hans Reichenfeld studierte von 1947- 1952 Medizin in London und war später als Allgemeinmediziner in Birmingham tätig. 1966 übersiedelte er mit seiner Familie nach Kanada, wo er heute noch lebt. Er arbeitete bis 2009 als Psychiater und Universitätslehrer in Ottawa.

 

 

 

Hans Reichenfeld veröffentlichte seine Erinnerungen auf Deutsch im April 2010 in seiner Biografie: „Bewegtes Exil. Erinnerungen an eine ungewisse Zukunft“. (Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft) Darin beschreibt er auch seine Erlebnisse im Akademischen Gymnasium. Er konnte dabei auf das Tagebuch zurückgreifen, das er als Kind verfasst hatte. Ein Auszug:

 

Kapitel 2: [...] Noch aber lebte ich in Wien, ging ich dort in die Schule. Vier Wochen nach dem Einmarsch notierte ich in mein Tagebuch: Für mich persönlich hatte der „Umbruch“ zunächst die angenehme Folge, dass acht Tage keine Schule war. Am ersten Schultag war dann für die „arischen“ Schüler eine Feier. Nachher hielt der kommissarische Leiter der Anstalt, der Turnprofessor (!) Schmidt, an die Juden des Akademischen Gymnasiums eine herrliche Ansprache, in der er vom jüdischen Weltbolschewismus faselte und erklärte, wir seien jetzt ein Gastvolk und hätten uns auch so zu benehmen. Er werde aber auch dafür sorgen, dass wir nicht provoziert würden.

 

Ich konnte in dieser Aussage keinen Sinn erkennen. In den vier Jahren im Akademischen Gymnasium konnte ich mich an keinen einzigen Fall erinnern, beleidigt oder gar attackiert worden zu sein, weil ich Jude war. Wir waren im Religionsunterricht, einem Pflichtfach, in Katholiken, Protestanten und Juden eingeteilt, aber es gab keinerlei Feindseligkeit zwischen uns, die sich auf unsere religiöse Zugehörigkeit zurückführen ließ. Viele meiner Freunde waren Nichtjuden.

 

Die christlichen Mitschüler verhielten sich hochanständig. Sie tragen natürlich ausnahmslos das Hakenkreuz, aber es hat noch kein einziger gestänkert. Als dann Judenbänke eingeführt wurden und die Juden in der einen, die Nichtjuden in der anderen Bankreihe saßen, sagte Wagner nach der Stunde zu uns: „So ein Blödsinn das, wir haben da früher so ein schönes Krätzel gehabt, wir haben uns unterhalten und uns eingesagt, jetzt ist das alles vorbei.“

 

Jüdische Lehrer wurden sofort entlassen. Die arischen Professoren mussten am Beginn und am Ende der Stunde mit „Heil Hitler!“ grüßen. Dabei standen sie vor der Klasse und streckten ihren rechten Arm aus. Nur der Geographieprofessor Waldemar Waldner schien glücklich mit dieser Vorschrift. Er machte auch abfällige Bemerkungen wie diese, als er über Palästina sprach: „Jetzt, wo die Juden ja nach und nach aus allen Ländern Europas hinausgefeuert werden, suchen sie halt eine neue Heimat in Palästina.“

 

Von den anderen Lehrern war es in erster Linie Griechischprofessor Bauer, der aus seiner Abneigung gegen das Naziregime kein Geheimnis machte. Als er mitbekam, dass Cernik in seinem braunen Hitlerjugendhemd, der einzige deklarierte Nazi unter den Schülern und bei weitem der schlechteste, die Stelle aus dem Homer nicht auswendig gelernt hatte, sprach ihn Professor Bauer direkt an:

 

Cernik, seit dem 20. Vers lesen Sie aus dem Buch heraus, aber ich sage Ihnen gleich jetzt, wenn Sie glauben, dass Sie wegen Ihres Kleides bei mir durchkommen werden, und von mir aus können sie es überall erzählen, und wenn Sie wollen, gebe ich es Ihnen jetzt schriftlich, dass Sie wegen angeblicher Verdienste in Griechisch bei mir nicht durchkommen werden. Das war nur kurz, bevor Professor Bauer keine Gelegenheit mehr hatte, jüdische Schüler, die ihre Leistungen nicht erbrachten, durchfallen zu lassen. Die neue Schuladministration gab sich nämlich nicht zufrieden damit, die Juden einzig und allein durch eigene Sitzpläne in den Klassen abzusondern. Das Akademische Gymnasium musste judenrein werden.

 

Eines Morgens kam Professor Bauer mit dem Hauptkatalog in die Klasse, in dem alle Schülernamen standen. Er las die der Juden laut vor. Dann trat Professor Schmidt ein und eröffnete uns, dass die, deren Namen genannt worden waren, alles, was sie von der Schulbibliothek ausgeliehen hatten, zurückstellen und sich am nächsten Tag in einem anderen Gymnasium melden müssten. Dieses Gymnasium lag in der Leopoldstadt, einem hauptsächlich von Juden bewohnten Bezirk jenseits des Donaukanals. Wir verabschiedeten uns von unseren christlichen Mitschülern und gingen nach Hause.

 

 

Sonia Balint, Evelyn Gaia