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Ausgabe 1a/10


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Brief von Joseph Horovitz

Sehr geehrter Herr Mag. Wintereder,

 

 

in Bezug auf den Brief von Dir. Mag. Kerbler schreibe ich als ehemaliger Schüler des Akademischen Gymnasiums, weil ich Ihre Bemühungen und die der Schüler der 4C in Achtung halte und zu schätzen weiß.

 

Leider kann ich nicht viele Erinnerungen beitragen, weil ich schon am 15. März 1938 Österreich verließ und somit nur drei Tage lang den Anschluss erlebte. Doch eventuell könnten die folgenden Anmerkungen nützlich sein, um mindestens einen kleineren Teil eines viel größeren Bildes zu beschreiben.

 

Mein Studium im Akademischen Gymnasium begann, zehnjährig, im Herbst 1936. Vorher war ich vier Jahre in der Volksschule (Johannesgasse). Ich hatte einen frohen Familienkreis, mein Vater war Kunstbuch-Verleger und humanistisch geschult (Sophiengymnasium). Es war ihm sehr wichtig, dass ich nicht nur Latein, sondern auch Altgriechisch lernen sollte, was im Akademischen Gymnasium in den höheren Klassen verpflichtend war. In beiden meiner Wiener Schulen fühlte ich mich wohl, hatte viel Spaß und gute Freunde. Allerdings gab es einen Unterschied zwischen diesen zwei Schulen. In der Volksschule saßen Buben aller Religionen beisammen, doch im Gymnasium waren wir getrennt – Katholiken in Klasse A, Juden, Protestanten und alle anderen in Klasse B. Ich habe erst vor kurzem gehört, dass ab der ersten Klasse Protestanten nicht mehr zusammen mit Juden saßen; also mein letztes Schuljahr (1937-38) war in Klasse B, nur für Juden.

 

Ich kann mich nicht erinnern, wie ich diese Trennungen betrachtete: „Es war einfach so“ und wurde kaum in der Familie besprochen. Es scheint mir wichtig zu erwähnen, dass diese Religionstrennung in den Gymnasialklassen fast keinen Einfluss auf uns hatte – weder beim Fußballspielen im Stadtpark noch am Eislaufplatz etc. Es ist wahrscheinlich, dass sich das später änderte und zwar in den höheren Klassen, doch bemerkte ich das niemals in meiner Zeit.

 

Wir elfjährigen jüdischen Kinder wussten ganz gewiss, dass es in Wien öfters antisemitische Bemerkungen und auch Raufereien gab. Wir erkannten auch das offiziell verbotene Hakenkreuz als Zeichen der „Nazis“, das auf Mauern und an Wänden in öffentlichen Räumen oft gekritzelt erschien und für Juden in Österreich einmal eine drohende Gefahr werden könnte. Seit 1933 und speziell nach der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß 1934 wurde öfters im Familienkreis darüber gesprochen, weil mein Vater von Kollegen und Schriftstellern aus Deutschland Briefe bekam, worin die Verschärfung der antijüdischen Gesetze seit Hitlers Machtübernahme in Einzelheiten beschrieben wurde. Für uns Schulkinder waren diese Nachrichten noch nicht naheliegend genug, um unser junges Leben wesentlich zu stören.

 

Von der komplizierten politischen Situation in Österreich am Anfang von 1938 wussten wir Schulkinder nicht viel – außer, dass für den März Wahlen angesagt wurden, welche die Regierung des Bundeskanzlers Schuschnigg bestätigen sollten – so hieß es in unserer Familie.

 

Es kam zum 11. März 1938. Das war mein letzter Tag im Gymnasium und mir bleibt ganz genau ewig im Gedächtnis, wie ich entlang der Ringstraße zum Gymnasium ging. Gegen halb acht in der Früh war es viel stiller als normal, viel weniger Verkehr und fast jeder Fußgänger trug ein Armband mit Hakenkreuz; man hörte kaum ein Wort und alle Gesichter waren sehr ernst. Ich konnte dieses Straßenbild nicht verstehen und kam ängstlich und verstört zum Gymnasiums-Eingang. Ich habe vergessen, was in der Klasse vorging, worüber die Lehrer sprachen oder was meine Kollegen sagten, aber es war mir klar, dass ich so schnell wie möglich nach Hause gehen sollte. Kein Lehrer war dabei unfreundlich, irgendwie verstand jeder in Klasse B, dass wir plötzlich „Fremde“ geworden waren, und zwar nur weil wir Juden waren.

 

Am Abend des 11. März waren meine jüngere Schwester und ich bei der Großmutter, die im selben Haus wohnte; unsere Eltern waren zufällig geschäftlich ins Ausland verreist. Mit anderen Familienmitgliedern hörten wir im Radio die letzte Rede des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg, worin er den Anschluss Österreichs an Deutschland ankündigte und ich denke noch an den ganz scharfen Abschluss seiner Rede, der in seiner Kehle verstockte. Bald danach kam ein Telefonanruf von meinem Vater, der uns befahl, so rasch wie möglich mit anderen Verwandten nach Italien zu fahren, wo ein guter Freund uns weiterhelfen würde. In den nächsten Tagen mussten wir Kinder zu Hause bleiben, weil wir hörten, dass viele unserer Bekannten auf den Straßen als Juden misshandelt wurden und vor allem, dass die Polizei sich dafür nicht interessierte.

 

Am Sonntag, den 13. März, sahen wir den deutschen Truppen-Einmarsch auf der Ringstraße, weil wir den Ausblick von unseren Fenstern hatten. Ich erinnere mich ganz genau an den grotesken Unterschied zwischen unserer schrecklichen Angst hinter den Fenstern und dem Riesenjubel, welchen die Masse der Wiener den Nazi-Truppen auf der Straße zuriefen. Am Abend des 15. März fuhren wir mit einem Taxi zum Bahnhof. Wir Kinder nur mit Rucksack, die Großmutter, eine Tante und ihr einjähriges Baby; alle nur mit Kleingepäck. Während der Taxifahrt hörte ich einige Schüsse, wobei der Taxi-Chauffeur sagte, dass das „Sozialdemokraten“ wären.Einige Jahre später verstand ich, dass diese Schüsse ein hoffnungsloses Zeichen eines Widerstandes waren. Wir kamen am frühen Morgen über die italienische Grenze und dann ging es nach Meran. In den folgenden zwei Monaten kamen wir von dort über die Schweiz und Belgien endlich in England an. Dieser Reisebericht klingt eher einfach, aber es gäbe sicherlich viel mehr davon zu erzählen und das haben schon andere getan, die es besser können als ich.

 

Es sind nun 72 Jahre vergangen, in denen ich oft über diese Ereignisse nachgedacht habe. Ich bin mir vor allem bewusst, um wie viel besser es mir ergangen ist als anderen meiner Mitschüler in diesem hochgeachteten Gymnasium, die Wien entfliehen mussten, um am Leben zu bleiben. Somit danke ich der Klasse 4C für die Gelegenheit, diese Erinnerungen aufzuzeichnen.

 

 

Mit besten Grüßen

Joseph Horovitz MA, B. Mus. (Oxon.), FRCM

Komponist, Professor Royal College of Music, London

 

PS: Ich empfehle das Buch „Das waren die Klaars“ (Ullstein, 1980) von dem ehemaligen Wiener Georg Klaar, den ich in London unter seinem englischen Namen George Clare kannte.

 

 

Cornela Walther