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Ausgabe 1a/10


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"Es war mein schönster Moment, meinen Namen am Schultor zu lesen"

Maximilian Lerner wurde 1924 in Wien geboren und lebte mit seinen Eltern in der Löwengasse 39/2a. Nach dem „Anschluss“ konnte er mit seiner Schwester und seinen Eltern über Frankreich, Spanien und Portugal in die USA flüchten. Maximilian Lerner trat mit 18 Jahren freiwillig in die US-Army ein, aufgrund seiner Deutschkenntnisse wurde er als Spion nach Deutschland geschickt. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst in Deutschland und ging dann zurück in die USA, wo er eine Familie gründete und heute in New York lebt.

 

 

Wurden Sie während Ihrer Schulzeit im Akademischen Gymnasium von Lehrern, dem Direktor oder Mitschülern aufgrund Ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit benachteiligt?

Vor dem Anschluss fühlte ich mich nie benachteiligt. Ich war ein patriotischer stolzer Österreicher. Meine Familie hat seit immer in Österreich gelebt. Mein Vater war Frontsoldat im ersten Weltkrieg. 1916 haben meine Eltern geheiratet, er hatte dabei die Uniform an. Ich erinnere mich noch an das Hochzeitsfoto, aber es war zu groß, um es bei unserer Abreise mitzunehmen.

 

Wurde im Unterricht offen über Politik gesprochen?

Im Unterricht haben wir nie über Politik gesprochen. Die Geschichte Österreichs hat 1914 aufgehört. Wir haben weder vom ersten Weltkrieg noch von der Nachkriegszeit gesprochen.

 

Waren Sie gut in der Schule?

Gut genug, um nicht hinausgeworfen zu werden. Die Schulung war sehr streng. Als ich das Akademische Gymnasium im Mai 2008 besuchte, sagte mir euer Direktor Klemens Kerbler, dass es scheine, dass der Notendurchschnitt der jüdischen Klassen künstlich verschlechtert wurde.

 

Was war Ihr Lieblingsfach?

Geschichte und Geografie, von Professor Jasbetz gelehrt.

 

Haben Sie weitere Fotos oder Unterlagen aus Ihrer Schulzeit in Wien?

Ja, ich habe noch meine Zeugnisse aus Wien.

 

Was war Ihr schönstes Erlebnis im Akademischen Gymnasium?

Damals war die Schule nur für Knaben. Nach den vier Jahren Volksschule musste ich eine strenge schriftliche Prüfung machen. Ich hatte sie gut bestanden, Wochen später war die Liste der Aufgenommenen am Haupttor der Schule angebracht: Es war mein schönster Moment, meinen Namen am Schultor zu lesen.

 

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in der Schule?

Das Schlimmste war doch sicher der Verweis aus der Schule. Damals hatten wir pro Jahrgang zwei Parallelklassen. 1938 war ich in der 4B. Die B-Klassen waren ausschließlich jüdisch. Der angegebene Grund war, dass zwei Stunden pro Woche Religionsunterricht war und es doch leichter sei, in derselben Klasse zu bleiben. Ein Rabbiner kam zu uns in die B-Klasse und ein Pfarrer in die A-Klasse. Nachdem deutsche Truppen im März 1938 Österreich besetzt hatten und Hitler mit großem Jubel am Heldenplatz von Millionen begrüßt worden war, waren die Schulen einige Wochen geschlossen. Am ersten Tag nach der Wiedereröffnung wurden alle jüdischen Schüler zusammengerufen und unser Deutsch- Professor Schmidt erklärte uns, dass wir als Juden kein Recht mehr hätten eine Erziehung zu bekommen. Er betonte, welch schlechte Menschen wir wären. Und dann wurden wir aus der Schule geführt und mussten den Boden vor der Schule mit Zahnbürsten reinigen. Einige unserer Lehrer, die auch Juden waren, waren auf den Knien bei uns. Und unsere Kameraden von den A-Klassen, viele bereits in Hitlerjugend-Uniformen, schauten zu und lachten über uns.

 

Haben Ihre Eltern Sie über die Entscheidung, in das Exil zu gehen, informiert?

Ich wusste, dass meine Eltern alles versuchen würden Wien zu verlassen und es ist ihnen auch gelungen: Am 20. Mai 1938 kamen wir in Paris an.

 

Diese Entscheidung hat Ihnen – wie Sie einmal erzählten – Ihr Leben und das Ihrer Eltern und Ihrer Schwester gerettet. Haben alle Verwandten die Kriegszeit überlebt?

Alle meine Verwandten wurden ermordet, mit zwei Ausnahmen: Ein Cousin, der mit seinen Eltern 1937 nach Palästina ausgewandert ist, und eine Cousine, die mit ihrer Mutter Anfang 1939 nach London emigrierte, überlebten. Ihr Vater wurde verhaftet und starb in Auschwitz. Eine meiner Tanten war mit ihrer Familie auf dem Schiff Struma, das im Schwarzen Meer explodierte. Andere Familienmitglieder sind verschollen und wir konnten ihr Schicksal nie herausfinden.

 

In welche Schule sind Sie dann im Exil gegangen?

In Paris war ich in der Ecole de Commerce, Avenue Trudaine. Ich musste natürlich rasch Französisch lernen. Im Juni 1940, als deutsche Truppen Paris eroberten, mussten wir wieder fliehen und nach einer Odyssee von sechs Wochen landeten wir in Nizza, wo ich in die Ecole de Commerce, Rue de France, ging. Im März 1941 flohen wir durch Spanien nach Lissabon und verließen Europa mit dem Schiff Njassa am 15. April. Und am 25. April 1941 landeten wir in New York. Wir kamen ohne einen Groschen an. Ich arbeitete bei Tag und studierte abends in der New York Evening Highschool. Dann studierte ich in Abendklassen im College of the City of New York - CCNY. Zu meinem 18. Geburtstag im September 1942 meldete ich mich zur amerikanischen Armee, wurde aber erst Anfang 1943 einberufen und diente dann bis Anfang 1946. Ich beteiligte mich somit an der Befreiung Europas als amerikanischer Soldat. Nach meiner Rückkehr ins zivile Leben arbeitete ich wieder bei Tag und vollendete mein Studium mit einem Bachelor‘s Degree vom CCNY und einem Master‘s Degree an der Columbia University.

 

 

Aleksandar Djakovic, Marcus Hübsch, Matthäus Leidenfrost