AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1a/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

"Schaun's, dass' net wiederkommen!"

Josef Eisinger, bis 1936 Schüler des Akademischen Gymnasiums, konnte mit einem Kindertransport nach Großbritannien flüchten. Seine Eltern mussten eine unglaubliche Flucht mit mehreren Schiffen nach Palästina auf sich nehmen. Josef Eisinger lebt heute in New York.

 

 

In den Jahren vor dem „Anschluss“ führten Josef Eisinger, seine Eltern Rudolf und Grete Eisinger und seine Schwester ein ganz normales Leben. Sie wohnten im 3. Bezirk in der Reisnerstraße 29, die Familie war nicht streng religiös, trotzdem hatte Josef 1937 seine Bar Mitzwa. Er besuchte das Akademische Gymnasium in den Jahren 1934 bis 1936 in der 1. und 2. Klasse; seine Mutter fand jedoch Englisch wichtiger als Altgriechisch, darum wechselte er in das Realgymnasium 1.

 

Obwohl das Akademische Gymnasium damals die am stärksten von Juden besuchte Schule war, ca. 45 Prozent waren Juden, und es dementsprechend viele jüdische Lehrer gab, machten sich die Schüler nie Gedanken über die Herkunft oder Religion ihrer Freunde, viel wichtiger waren da die Fußballspiele zwischen den Klassen. Eine seiner schlimmsten Erfahrungen in der Schule war also nicht Judenfeindlichkeit, sondern der schreckliche Lateinlehrer Lackenbacher, der Eisinger oft anschrie und wegen dem er auch des öfteren Alpträume bekam.

 

Am 12. März 1938, als Hitlers Truppen in Österreich einmarschierten, ging Josef Eisinger in die 4. Klasse am RG 1. Das Gebäude wurde für die Einquartierung von Hitlers Soldaten verwendet, weswegen der Unterricht ausfiel und es keine „Umschulung“ wie am Akademischen Gymnasium gab. Erst einige Wochen später wurde Josef Eisinger mitgeteilt, dass er sich ab nun im jüdischen Gymnasium in der Sperlgasse (2. Bezirk) melden sollte. Nach kurzer Zeit wurde aber auch diese Schule geschlossen. Danach verlor er den Kontakt zu den meisten seiner ehemaligen Schulfreude, nur mit seinem besten Freund Felix Weizmann blieb er in Kontakt.

 

Josefs Vater Rudolf Eisinger hatte damals ein „Detail & En Gros“-Geschäft für Naturschwämme, Rehleder und dergleichen am Hohen Markt 12. In der „Reichskristallnacht“ wurde dieses von zwei SAMännern konfisziert, die ihn auch festnehmen wollten. Nur weil er ihnen seine Orden aus dem 1. Weltkrieg zeigte, ließen sie ihn laufen und jagten ihn mit den Worten „Schaun´s, dass´ net wiederkommen!“ weg.

 

Viele Verwandte und Freunde aus dem besonders stark von Verfolgung geprägten Stadtteil Leopoldstadt kamen in der „Reichskristallnacht“ zu den Eisingers und suchten bei ihnen Schutz. Der Familie war aber jegliche Verdienstmöglichkeit genommen, nur Josef Eisinger selbst arbeitete als Fahrrad-Lieferjunge für eine Konditorei. Sie hatten auch Glück mit den Nachbarn: Als nachgefragt wurde, ob Juden im Haus wohnen würden, verneinte der Hausmeister und so kamen sie noch einmal davon.

 

Josefs Schwester war schon 1938 über einen englischen Geschäftsfreund von Rudolf Eisinger nach England entkommen. Auch er selbst wurde mit einem Kindertransport nach England geschickt.Denn ein Jahr nach dem „Anschluss“ hatten die Nazis die Erlaubnis gegeben, jüdische Kinder in Zügen aus dem Land bringen zu lassen. Großbritannien war dazu bereit, unter der Voraussetzung, dass ein anderer Bürger oder eine Organisation für den Unterhalt des Kindes bürgte.

 

Zur Abfahrt am Westbahnhof durften die Kinder nur von einer Person, in Josef Eisingers Fall seine Mutter, begleitet werden und durften nur kleine Koffer und weder Wertgegenstände noch Geld bei sich tragen, sonst wäre der ganze Transport abgesagt worden. Am ganzen Bahnhof gingen SS-Männer herum, verspotteten die Mütter und riefen: „Weinen verboten!“ Nachdem alle Kinder in den Waggons waren, wurden die Türen versiegelt und man befahl den Kindern, folgendes zu singen: „Muss i denn, muss i denn, zum Städtle hinaus?“

 

Die Eltern entkamen auf einem weitaus gefährlicheren Weg: Seit Kriegsbeginn leitete William R. Perl Schiffstransporte die Donau hinab Richtung Palästina. Die Flüchtlinge wurden in Flussschiffen die Donau hinab bis in einen rumänischen Küstenhafen transportiert, wo so sie in seetaugliche Schiffe umstiegen, die sie schließlich an die Küste von Palästina brachten. Eine Flucht über das Festland, zum Beispiel Griechenland oder Italien, gestaltete sich nämlich als beinahe unmöglich, da die benötigten Transitvisa nur in seltenen Fällen ausgestellt wurden. Die Donau hingegen konnte man als internationalen Wasserweg ohne Visum befahren.

 

So meldeten sich Eisingers Eltern im Dezember 1939 bei solch einem Transport an, kamen jedoch nicht weiter als bis Bratislava. Die Donau fror zu und die Passagiere wurden in einer stillgelegten Munitionsfabrik interniert. Die lokalen jüdischen Gemeinschaften halfen, sie zu ernähren. Erst im September 1940 konnten sie mit den Dampfern „Melk“, „Schönbrunn“, „Uranus“ und „Helios“ weiterreisen. Eisingers Eltern wurden auf der „Melk“ untergebracht. Die Schiffe waren völlig überladen (1000 Personen statt 150!), es gab nicht genug Nahrung und medizinische Versorgung. Nachdem sie Ungarn und Jugoslawien passiert hatten, legten sie im rumänischen Flusshafen von Giurgiu, ca. 80 km südlich von Bukarest, an.

 

Von Giurgiu fuhren sie im Oktober 1940 weiter zum Hafen von Tulcea an der Donaumündung, wo auf die drei altersschwachen Frachter „Atlantik“, „Pazifik“ und „Canisbay“ umgeschifft wurde. Eisingers Eltern wurden auf die „Canisbay“  verlagert, diese begann jedoch während der Nacht zu sinken und die Passagiere wurden in das Schiff „Milos“ gebracht. Überall in Rumänien gab es antisemitische Pogrome. Versprochene Geldmittel kamen nicht an und so musste die „Milos“ mit viel zu wenig Wasser und Kohle an Bord ins Ungewisse weiterfahren. Von Tulcea durchquerten sie das schwarze Meer, um in Istanbul ihre Vorräte aufzufüllen. Die Türkei verweigerte den Flüchtlingen jedoch auf Befehl der Briten, die kaum erpicht darauf waren, noch mehr Flüchtlinge in ihrem Protektorat Palästina aufnehmen zu müssen, den Zutritt. Sie fuhren quer durch die Dardanellen und wollten die griechischen Ägäisinseln erreichen. Die Nahrungs- und Wasservorräte gingen zu Ende und auf der „Pazifik“ und der „Atlantik“ starben sogar einige Menschen und wurden im Meer begraben.

 

Nahe der Insel Lesbos wäre die „Milos“ fast untergegangen, als ein Sturm aufzog und sie sich gerade noch in die Bucht von Sigri retten konnten. Mit den Fischern konnten sie keinen Kontakt herstellen und fuhren, noch immer ohne Essen, weiter Richtung Piräus. Kaum hatten sie die Bucht von Sigri verlassen, wurden sie jedoch von schwerem Wellengang zurückgespült und mussten, auch wegen der Seekrankheit einiger Passagiere, wieder ankern. Als sich der Sturm gelegt hatte, konnten sie die Küsten von Salamis erreichen, wo sie die gelbe Quarantäneflagge hissten und das Schiffshorn bliesen, um bemerkt zu werden. Polizisten aus Piräus nahmen einen Passagier mit, um Kontakt mit dem dortigen jüdischen Komitee aufzunehmen und bald schon kam ein Tankschiff mit frischem Wasser und Brot.

 

Das Schiff erhielt die Erlaubnis, im Hafen von Lavrion zu ankern, konnte jedoch auch dort keine Kohle auftreiben und nutzte seinen letzten Brennstoff, um nach Kreta zu fahren. Dort begegnete die „Milos“ der „Atlantik“, die ebenfalls keine Kohle mehr hatte und schon die Betten der Passagiere verheizte. Die beiden Schiffe ankerten schließlich am 27.10.1940 im Hafen von Iraklion (Kreta). Auch auf Kreta konnten sie keine Kohle auftreiben und so entschieden sie, weiter nach Limassol in Zypern zu fahren, um dort Kohle zu besorgen. So begaben sie sich in englische Hoheitsgewässer und kamen am Abend in Limassol an, sodass sie bis zum Morgen warten mussten, bis sie den mit Minen geschützten Hafen betreten konnten. Am Morgen verheizten beide Schiffe ihre letzten Betten. Die Briten wollten Kohle nur bei Bezahlung in Pfund oder Dollar verkaufen und so sammelten die Passagiere alle ihre Eheringe und wollten in Gold zahlen. Die Briten gaben ihnen die Kohle später doch gratis, jemand hatte dafür gezahlt. Allerdings sagten sie nicht, wer.

 

Der britische Gouverneur schickte auch einen Mediziner an Bord, der in seinem Bericht folgendes schrieb: „Unglaublich schockierend … starke Überfüllung, Platz zum Stehen nur an Deck … Mangel an Belüftung … hohes Risiko einer Seuche, viele Todesopfer, Passagiere leiden unter Belastung und Bedrängnis und sind abgemagert. Gestern ein Fall von Typhus … “

 

Nachdem die Schiffe neu beladen worden waren, gelang ihnen die weitere Strecke nach Palästina problemlos. Als sie in der Nacht dort an Land gehen wollten, wurden sie jedoch abgefangen, die Schiffe wurden wieder beladen und sie mussten noch bis in den Hafen von Haifa fahren, wo sie am 3.11.1940 angekommen sind. Die Passagiere durften jedoch nicht an Land gehen, weil man Nazi-Spione unter ihnen vermutete.

 

Über einige Juden, die ihnen Essen brachten, erfuhren die Passagiere, dass man sie auf einen großen Dampfer, die „Patria“, umschiffen und auf die malariaverseuchte Insel Mauritius im Indischen Ozean schicken wollte. Mit dem dortigen britischen Gouverneur war bereits ein Abkommen getroffen worden. Kurz darauf wurden tatsächlich die Passagiere auf die „Patria“ umgeladen.

 

Die ortsansässigen jüdischen Organisationen protestierten heftig, die Briten beharrten jedoch auf der Verfrachtung nach Mauritius. So schmuggelte die jüdische Organisation „Haganah“ Sprengstoff in den Maschinenraum, mit dem sie die Maschinen zerstören wollten. Am 25.11.1940 um 9 Uhr morgens explodierte dieser schließlich, die „Patria“ begann sofort zu sinken. Viele Passagiere waren in den unteren Decks eingeschlossen und ertranken, andere wurden von der sich losreißenden Last erschlagen oder ertranken im Meer. Rudolf und Grete Eisinger befanden sich während der Explosion auf einem dem Hafen zugewandten Treppenaufgang. Als das Schiff sank und zum Hafen kippte, klammerte sich Grete an Rudolf Eisinger fest, während sich an ihr noch mehrere andere Personen festhielten, sodass sie sich nicht mehr halten konnte und übers Deck ins Meer hinunterrutschte. Als endlich ein Rettungsboot der Hafenpolizei kam, war dieses schon so überladen, dass es keine einzige Person mehr tragen konnte und Grete Eisinger sich nur am Rumpf festklammern konnte. Rudolf Eisinger hing weiter am Geländer fest, bis ein Rettungsboot direkt unter ihm war und ließ sich dann darauf fallen. Insgesamt starben bei dem Unglück 257 Personen.

 

Trotzdem durften die Flüchtlinge den Hafen nicht verlassen, sie wurden zunächst in einen bewachten Getreidespeicher und später ins Internierungslager Atlit gebracht.

 

Die Briten ließen nicht vom Plan ab, die Flüchtlinge der gesunkenen „Patria“ und der inzwischen nachgekommenen „Atlantik“ nach Mauritius zu transportieren. Bald hatten sie zwei niederländische Schiffe für den Transport aufgetrieben, die „New Zealand“ und die „Van de Witt“. Glücklicherweise setzte aber Churchill damals den britischen Kommandanten für den Mittleren Osten, General Wavell, ab und ließ die Opfer des „Patria“-Unglücks „als einen außergewöhnlichen Akt der Gnade“ frei. Die Passagiere der „Atlantik“, die nie auf der „Patria“ gewesen waren, wurden jedoch trotzdem weiter nach Mauritius deportiert, wo bis zum Kriegsende 126 von 1.584 Flüchtlingen an Typhus und Malaria starben. Die Überlebenden wurden schließlich nach Palästina gebracht.

 

Doch Grete und Rudolf Eisinger, die ja Passagiere der „Patria“ gewesen waren, wurden freigelassen und bauten sich mithilfe guter Freunde, die schon früher geflüchtet waren, eine neue Existenz auf. Sie zogen nach Tel Aviv; später gründeten sie ein Geschäft und verkauften die gleichen Waren wie in Wien.

 

Josef Eisinger war derweil über diverse britische Ortschaften nach Kanada geflüchtet, wo er mit seiner Schwester wohnte, und kam schließlich 1947 auf Besuch zu seinen Eltern. Schließlich zogen diese auch nach Kanada. Nach dem Tod seiner Eltern zogen Josef Eisinger und seine Schwester nach New York.

 

Literatur: William Perl: The Four-Front War. From the Holocaust (New York 1978)

 

 

Daniel Grünwald, Don Don Guo, Aron Martenyi