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Ausgabe 1a/10


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Brief von Alfred Launer

Sehr geehrter Herr Direktor,

 

 

ich habe Ihren Brief, in dem Sie mich gefragt haben, meine Erlebnisse aus dem Akademischen Gymnasium zu erzählen, empfangen. 70 Jahre sind vergangen, seit ich die Schule verlassen musste.

 

Zuerst will ich erzählen, wie froh meine Eltern und ich waren, als wir informiert wurden, dass ich auf das Akademische Gymnasium aufgenommen wurde. Wir fühlten, dass meine Aufnahme ein wichtiger Schritt für meine Bildung war und ich würde, nachdem ich diese Schule absolviert hätte, auf eine höhere Schule gehen können. Aber meine Träume wurden zerstört, als ich die Schule verlassen musste, im Alter von 16 Jahren in der 6. Klasse.

 

1938, nach dem „Anschluss“ an Deutschland, war die Schule zwei Wochen lang geschlossen. Als sie wieder geöffnet worden war und ich in mein Klassenzimmer ging, stieß ich auf Folgendes: Viele meiner Klassenfreunde trugen Uniformen der „Hitler-Jugend“, sie benahmen sich wie Fremde und sprachen nicht mehr mit jüdischen Schülern. Nachdem ich mit all diesen Veränderungen konfrontiert worden war, bemerkte ich, dass ich meine Schulfreunde, mein Zuhause und mein Land, Österreich, verloren hatte. Den emotionalen Aufruhr, den meine Eltern und ich erlebten, kann ich nicht in einem Brief beschreiben. Wir liebten unser Land, unser Leben in Wien. Viele Freunde, die ich im Akademischen Gymnasium hatte, wurden beeinflusst von dem schnellen Wechseln des Verhaltens der Bevölkerung, den Fahnen, die in der ganzen Stadt hingen, den Bücherverbrennungen und der Gewalt; ich kann nur vermuten, dass all die intelligenten Leute, die auf das Gymnasium gingen, von einer Flut von Befehlen von einem brutalen Regime beeinflusst wurden. Die, die nicht einverstanden waren, waren still, hatten Angst vor den Konsequenzen, wenn sie offen ihre Meinung sagen würden.

 

Glücklicherweise konnte ich 1939 Wien verlassen und in die USA auswandern, aber ohne meine Eltern. Als ich in den United States war, konnte ich meine Schulausbildung beenden. Anschließend schloss ich mein Studium an der Columbia University in NY als Ingenieur ab. Vielleicht ist es für Sie interessant, dass mein Vater, ein Chemie-Ingenieur, an der Technischen Hochschule Wien studiert hat. Nach meinem Studium machte ich Karriere in Management-Positionen großer Unternehmen, bis ich in Pension ging.

 

Abschließend würde ich mich gerne bei dem Geschichtelehrer und den anderen bedanken, die das Leben und die Ereignisse von denen, die in diesen wahrhaft historischen Zeiten gelebt haben, verfolgen.

 

 

Alfred Launer

 

 

 

Isabella Wagner