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Ausgabe 1a/10


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"Im Stadtpark sagte einer zum anderen: 'Ja, die Juden gehören ausgerottet wie die Wanzen'."

Paul Kessler und sein zwei Jahre älterer Bruder Hans Kessler mussten 1938 das Akademische Gymnasium verlassen und vorübergehend die Schule in der Zirkusgasse besuchen. Sie flüchteten nach Frankreich, wo Paul Kessler auch heute lebt und über 40 Jahre als Physiker arbeitete. Er wurde von Carolin Heidler und Elisabeth Schwarz  interviewt.

 

 

Wie war Ihre soziale Umgebung zur Zeit des Anschlusses?

Mein älterer Bruder und ich, wir waren zur Zeit des Anschlusses dreizehn beziehungsweise elf Jahre alt, nahmen oft an Gesprächen über Politik teil. Meine Eltern sprachen ständig über den Antisemitismus, die Nazis und Hitler. Ich kann mich auch noch an ein schlimmes Erlebnis im Stadtpark erinnern: Ich saß mit einem Kollegen im Stadtpark, als sich zwei Männer auf einer benachbarten Bank niedersetzten. Der eine sagte zum anderen: „Ja, die Juden gehören ausgerottet wie die Wanzen.“ Im Wien der 30er Jahre war so ein Erlebnis zwar nicht so selten, aber es wirkte auf uns Kinder trotzdem traumatisierend. Was wirklich auf uns zukommen wird, wussten wir jedoch erst, als Bundeskanzler Schuschnigg am Abend des 11. März 1938 in seiner Radio-Ansprache zum österreichischen Volk sprach: „Wir weichen der Gewalt“.

 

Welche Erfahrungen hatten Sie im Akademischen Gymnasium?

Als ich ins Gymnasium eintrat, im Schuljahr 1936/1937, wurden katholische und jüdische Schüler voneinander getrennt. Ein Jahr lang waren die nicht sehr zahlreichen Protestanten in der jüdischen Klasse, aber nachdem sie protestierten, wurden sie in die katholischen Klassen eingeordnet. Trotz dieser Diskriminierung: Ich kann nicht sagen, dass wir von den Lehrern schlecht behandelt wurden. Das änderte sich gewiss nach dem Anschluss, als wir das Akademische Gymnasium verlassen und in das Gymnasium in der Zirkusgasse übersiedeln mussten. Man kann nicht sagen, dass in der Schuschniggzeit die aktuelle Politik stark in den Unterricht eingeflossen ist, obwohl man eine gewisse klerikale Tendenz spürte. Auch das änderte sich natürlich nach dem Anschluss. Von einem Widerstand in der Schule habe ich nichts gespürt oder gehört. Die Verweisung aus der Schule wurde uns in der Klasse mitgeteilt, und zwar entweder von einem der Professoren oder vom Schuldirektor. Ich nehme jedoch an, dass alle jüdischen Schüler zum gleichen Zeitpunkt vertrieben wurden. Tatsächlich musste mein Bruder, der einer zwei Jahre höheren Klasse angehörte, zur gleichen Zeit das Gymnasium verlassen.

 

Haben Sie Lehrer oder Mitschüler später wiedergetroffen?

Nein, ich habe keinen Lehrer später wiedergetroffen. Ich habe aber meinen ehemaligen Mitschüler Joseph Horowitz, der in London als Musik-Komponist und Dirigent wirkte und als solcher noch heute bekannt ist, wiedergefunden, und zwar als ich im Jahre 1955 in einer Zeitung über den Tod seines Vaters las. Wir waren seinerzeit im Akademischen Gymnasium die besten Freunde gewesen und nahmen nach unserem Wiedersehen unsere Freundschaft wieder auf. Auch unsere Kinder und Enkelkinder sind miteinander miteinander befreundet und besuchen einander öfter.

 

Können Sie uns noch etwas über Ihre Flucht erzählen?

Wir haben den Anschluss erlebt, wie alle Juden in Österreich, als ein Grauen. Alle österreichischen Juden wussten, dass sie alles tun mussten, um so schnell wie möglich aus Österreich fliehen zu können. Mein Vater, mein Bruder und ich hatten das Glück, im Juli oder August 1938 legal nach Belgien auswandern zu können, da mein Vater, der einer internationalen Versicherungsgesellschaft angehörte, von dieser in deren Brüsseler Zentrale transferiert wurde. Nur meine Mutter musste bis Anfang 1939 warten, bevor sie das belgische Visum bekam. Trotz der Abwesenheit meiner Mutter, die uns traurig machte, passten wir uns rasch in Brüssel an, da wir dort Verwandte hatten und wir andererseits die französische Sprache schnell erlernten. Nach der Ankunft meiner Mutter konnten wir in Brüssel ein normales Leben führen, bis zur deutschen Invasion im Mai 1940, die so viele neue Schrecken und Gefahren mit sich brachte. Unserer Familie ist es geglückt, nach Südfrankreich zu flüchten und dort unter schweren Umständen den Krieg zu überstehen. In Frankreich arbeitete ich 40 Jahre lang als Physiker.

 

 

Carolin Heidler, Elisabeth Schwarz