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Ausgabe 1a/10


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"Mein Vater hat gesagt:,Wenn wir nach Österreich zurückkehren wollen, müssen wir eingeladen werden'"

Lucian Meisels emigrierte mit seiner Familie und drei Terriern nach Palästina. Er arbeitete dort später als Journalist. 1959 kam er wieder nach Österreich zurück. Heute lebt er mit seiner Frau in Baden.

 

Können Sie uns etwas über Ihre Herkunft erzählen?

Mein Name ist Lucian Otto Meisels. Otto war mein Vater. Lucian war damals ein sehr ausgefallener Name und sie haben mich in der Schule immer „Luci“ genannt. Das hat mir gar nicht gefallen. Ich wurde am 14. Mai 1925 in der Franzensburg in Laxenburg geboren. Was mehr oder weniger Zufall war: Damals wurde die Burg als Sommerwohnung vermietet; wir haben uns eingemietet und mein Vater hat dort eines seiner Bücher geschrieben. So ist es passiert – eigentlich hätte ich in Wien zur Welt kommen sollen. Ich habe in der Theresianumgasse gewohnt, meine Schule war zuerst in der Argentinierstraße und dann in der Waltergasse. Es gab nichts Bemerkenswertes, dann bin ich 1935 ins Akademische Gymnasium gekommen. Es gab damals eine Aufnahmeprüfung. Es war nicht schwer, ich habe sie ohne Probleme bestanden. Es gab immer zwei Parallelklassen, schon vor den Nazis wurde geteilt: Die a-Klasse war für Katholiken und Protestanten und die b-Klasse für die Übrigen. Ich glaube, das war wegen dem Religionsunterricht so. Aber es gab nie Probleme mit der a-Klasse, mit der „arischen Klasse“. Im März 1938 gab es zunächst eine Woche lang keinen Unterricht, dann wurde er wieder aufgenommen. Aus der a-Klasse sind plötzlich alle „nicht-arischen“ Schüler in die b-Klasse gekommen. Das ging einige Wochen lang, dann wurden alle „nicht-arischen“ Schüler in ein Gymnasium in der Zirkusgasse transferiert.

 

Was waren Ihre Lieblingsfächer?

Geschichte. Ich wollte eigentlich, und ich habe es auch schon angefangen, Archäologie studieren. Aber in den 50er Jahren war die Archäologie ein trostloser Beruf. Ich habe Ausgrabungen gesehen. Das war faszinierend. Und da ich schon mit einem Studium angefangen hatte, habe ich in Archiven herumgestöbert. Die Leute wissen das gar nicht, aber in den Archiven ist eigentlich viel zu finden. Das ist sozusagen moderne Archäologie.

 

Wurden sie von Lehrern des Akademischen Gymnasiums benachteiligt?

Es gab meiner Meinung nach zwei Nazilehrer an der Schule. Es waren zwei Turnlehrer, diese waren anfällig für die NS-Ideologie. Und einer von ihnen hat gesagt: ,,Ab morgen seid ihr in der Zirkusgasse.” Und wir wussten, dass das nicht gut ist. Weil wir nicht einmal den Schutz des zivilisierten Akademischen Gymnasiums hatten.

 

Wie wurde die „Umschulung“ begründet?

Das wurde nicht begründet. Wir wurden zusammengerufen und es wurde uns Folgendes mitgeteilt: ,,Ihr müsst wissen, ihr seid Gäste, man wird euch nichts tun, aber ihr habt euch auch wie Gäste zu benehmen.“ Kein Einspruch, nichts. Man konnte nichts machen.

 

Ein Zeitzeuge hat uns erzählt, dass einige jüdische Schüler den Boden vor der Schule mit Zahnbürsten reinigen mussten.

Das war nachher, nicht in der Schule. In der Schule hat es das auch in der ärgsten Zeit nicht gegeben. Auf der Straße war der Horror los. Mein Vater musste in der ,,Marokkaner Kaserne” das „Häuserl“ putzen. Das war gang und gäbe.

 

Wie haben sich die Menschen in Ihrem Umfeld verhalten? Also die Verkäufer in Geschäften?

Es war nicht so schlimm. Einmal stand an einem Geschäft: ,, arisiertes Geschäft”, aber sonst hatte man ja nichts gegen jüdische Kundschaft; wegen der Konkurrenz. Wir waren damals ja noch in der zivilisierten Zeit des Nationalsozialismus.

 

Wann haben Ihre Eltern beschlossen zu flüchten und wohin sind Sie emigriert?

In der Wiedner Hauptstraße begann schon der totale Ernst der neuen Ära. Die jüdischen Geschäfte wurden eingeschlagen. Wir waren die einzige jüdische Partei in unserem Haus. Wir haben am Abend des 11. März beschlossen, dass wir weg müssen, egal wohin. Mein Onkel hatte eine große Firma in Pressburg. Wir sind zuerst zu unseren Verwandten in Pressburg gegangen. Mein Vater hat gesagt:,,60 Kilometer zwischen mir und Hitler sind nicht genug.” Wir haben nicht geglaubt, dass wir in Pressburg bleiben könnten. Mein Vater hatte gute Beziehungen zum britischen Konsulat. Wir bekamen ein Visum für Palästina als Pilger. Nach drei Monaten war aber das Visum abgelaufen. Man konnte aber das Visum für Pilger, die im Heiligen Land sterben wollten, lebenslang verlängern. Ich war damals 13 Jahre alt. Wir zogen sofort nach Jerusalem. Dort gab es keine Schulpflicht. Es gab eine private englische Schule. Diese Privatschule war sehr teuer und wir hatten kein Geld. Der Direktor nahm mich trotzdem auf. Von den Lehrern wurde ich sehr schlecht behandelt. In Jerusalem gab es hauptsächlich christliche Araber und Juden.

 

Wie sind Sie nach Palästina gekommen?

Wir sind von hier nach Pressburg gekommen. Und dann hatten wir Karten nach Triest. Aber wie kommt man von Pressburg nach Triest, ohne Österreich zu durchqueren? Also sind wir von Pressburg durch das tiefste Ungarn gefahren und dann zur jugoslawischen Seite. Und dann sind wir zur italienischen Seite gekommen, wo die ganzen Faschisten waren. Da haben wir gesagt, dass wir Juden seien, aber eigentlich nach Palästina fahren würden. Also, das war eher amüsant. Und da wir von der Grenze von Ungarn wieder zurückgeschickt worden waren, waren wir buchstäblich drei Stunden vor der Abfahrt des Schiffes in Triest und sind sofort mit unseren Hunden auf das Schiff gegangen und das war dann eine sechstägige Reise, denn Schiffe waren sehr langsam. Immerhin hatten wir Papiere. Die anderen hatten ja keine.

 

Wie war es dann in Palästina? Haben Sie da auf der Straße geschlafen?

Nein, aber fast. Ich danke dir für diese Frage. Das war wirklich ein Chaos. Wir hatten drei Terrier, die wollten wir nicht dem Hitler überlassen. Heute kann ich darüber scherzen, aber damals nicht. Als wir angekommen sind, hatten wir noch ca. fünf englische Pfund in der Tasche, das war alles. Dann hatte uns ein kleines Sammeltaxi abgeholt. In Tel Aviv wussten wir, dass wir nach Jerusalem fahren wollen. Denn wenn man schon ins Heilige Land fährt, dann fährt man schon nach Jerusalem. In Jerusalem wussten wir den Namen einer Pension. Dort sind wir hingegangen und sie haben uns sehr freundlich aufgenommen, aber wir wussten, dass wir nicht zahlen konnten. Tagtäglich sind mein Vater und ich auf die Bank gegangen. Wir haben freundlich die Länder Amerika und Argentinien gebeten, uns Geld zu schicken. Die haben uns immer sehr rüde gesagt: „Nein, nix da, da kommen die Schnorrer schon wieder”. Also, das war nicht angenehm. Eines Tages, plötzlich, sagten sie zu meinem Vater: „Bitte, kommen Sie rein, wollen Sie nicht einen Kaffee trinken?“ Da haben wir gewusst, ein bisschen Geld ist da. Mit dem Geld konnten wir uns von der Pension freikaufen, denn wenn wir das nicht gehabt hätten… Dann haben wir in Jerusalem eine leere Wohnung gefunden. Das war natürlich schon was ganz anderes, da konnte uns finanziell nichts mehr passieren. Wir hatten in unserem Gepäck drei Feldbetten und drei Hunde mit. Das war auch schon alles. Aber das Schöne war, dass sich die Hunde gefreut haben, wenn man nach Hause kam. Das hat vieles entschädigt.

 

Wussten Sie während des Krieges von der Existenz der Konzentrationslager?

Nicht über das Ausmaß. Wir wussten, dass es sie gibt, man hat gedacht, es wären ein paar Tausende Opfer, aber nicht, dass es so viele Millionen sein könnten. Es gab nämlich die englischen Radiosender, und obwohl es strengstens verboten war sie zu hören, geben viele Leute zu, dass sie es wussten.

 

Sie haben gesagt, dass Sie in eine englische Privatschule gegangen sind. Die war doch sicher katholisch. Wie haben Sie sich gefühlt?

Ich war sehr dankbar dafür, dass ich dort lernen durfte. Aber es war natürlich ein indirekter Missionszwang. Nicht wirklich Zwang, sagen wir mal eine Berieselung. Die hatten Schulgebet und sind in die englische Kathedrale gegangen und so bin ich natürlich mitgegangen.

 

Sind Sie nach Wien zurückgekehrt?

Wir hatten schreckliches Heimweh, obwohl man uns rausgeworfen hatte. Mein Vater hat gesagt, dass sie uns rausgeworfen haben und wenn wir nach Österreich zurückkehren wollen, müssen wir eingeladen werden. Und das geschah in den 50er Jahren. Da kam der damalige große Zeitungszar. Und der hat gesagt: ,,Wir machen eine neue Zeitung. Wollt ihr nicht kommen?” Wir waren einverstanden und fragten: ,, Ja, aber was ist mit der Wohnung?” Er hat dann gesagt, dass sie das regeln würden. Ehrlich gesagt habe ich das nicht so geglaubt, aber es hat geklappt. Und so war ich im August 1959 Redakteur der „Wochenpresse“. Von dem Moment an habe ich niemals bereut, zurückgekommen zu sein. Denn Journalist zu sein war ein Traumberuf in Wien. Ich hatte jede Freiheit. Niemand hat mich zensuriert, ich habe selbst zensuriert. Es war doch der Kalte Krieg, man musste schon aufpassen. Aber wenn man vernünftig war, wurde man von den Russen respektiert. Natürlich, die Schwierigkeit war es, vom Geheimdienst, von der CIA oder von den Russen, nicht angeworben zu werden. Es gab eigentlich ein richtiges Werben um Journalisten. Sie haben natürlich eingeladen, wenn man das angenommen hat und womöglich Geld annahm, dann war es aus. Über kurz oder lang sind die alle, die sich bestechen ließen, aufgeflogen. Wenn beispielsweise russische Agenten übergelaufen sind, haben sie natürlich alle ihre österreichischen Informanten auffliegen lassen. So bin ich nie in diese Versuchung gekommen.

 

Wie war das Österreich der Nachkriegszeit?

Es war eine Schande, dass man nach dem Krieg die Opfer des Nationalsozialismus nicht berücksichtigt hat, sie waren einfach nicht da. Weil in der Moskauer Deklaration gesagt wurde, dass Österreich das erste Opfer sei, haben die Regierungskreise gemeint, dass sie ein Opfer wären. Es hat lange gedauert, bis Kanzler Vranitzky endlich in einer Messe in Jerusalem eingestanden hat, dass das nicht so war.

 

Wurden Sie persönlich nach dem Krieg schlecht behandelt?

Nein, das habe ich mir nicht gefallen lassen. Bei meinem ersten Opernball 1959 habe ich meine britischen Orden getragen. Nicht, dass ich ein Ordenfetischist bin, ich hatte einfach den englischen Orden, weil ich dabei war. Ich hätte auch mehr getan, wenn man mich gelassen hätte. Da kam einer und fragte mich, wie ich so einen Orden tragen könne! Man darf mir meine Beständigkeit nicht nehmen: Ich habe auf der richtigen Seite gekämpft.

 

Haben Sie nach dem Krieg Entschädigungen bekommen?

Nein. Die einzige Entschädigung, die wir bekommen hatten, waren einige tausend Schilling. Aber das war gar nichts: Für die Wohnung, die wir hatten, die wir aufgeben mussten, für die Möbel. Aber nachdem man das durchgemacht hat, ist eigentlich Entschädigung sekundär. Man ärgert sich natürlich, dass man offensichtlich nicht entschädigt wurde. Außer den paar Schilling, die man aus diesen Sammelstellen gekriegt hat. Aber im Großen und Ganzen sind materielle Sachen sekundär.

 

Wissen Sie, wer in Ihre Wohnung eingezogen ist?

Ja, der Butler von Rothschild. Wir wohnten gegenüber vom Rothschild. Und der Butler hat natürlich, als das Palais Rothschild von der SS übernommen wurde, seine Chance genutzt. Der gute Butler war auch ein SS-Mann, hat eine Wohnung gebraucht, er konnte ja nicht mehr im Palais wohnen. Und der ist zu uns gekommen und hat gesagt: ,,Siewerden doch wahrscheinlich nicht hier bleiben, es werden ja Leute kommen, die das arisieren wollen und wir würden Ihnen einen angemessenen Preis anbieten.” Und mein Vater hat gesagt: ,,Nein, ich will einen Schrieb von der SS, dass die SS interessiert ist, dass wir die Wohnung so rasch wie möglich aufgeben und dass man uns bei den Ausreisevisa im höheren Interesse bevorzugt behandeln muss.” Mit diesem Schrieb sind wir dann losgefahren – das ist sozusagen ein Treppenwitz der Geschichte.

 

Wie hat sich die Schule von damals auf heute verändert?

Früher war es strenger. Wenn man einmal eine Knallerbse in die Schule mitgebracht hat, war das Hochverrat. Es hängt natürlich von den Professoren ab. Die Professoren heute sind so menschlich. Wenn ich mich zum Beispiel an meinen Lateinprofessor zurückerinnere: Das war ein strenger Mensch. Und in Latein tat ich mir schwerer. In Geografie und in Geschichte kann man sich herausreden. Wenn man aber in Latein nur einen Fall falsch schreibt, dann ist der ganze Satz ganz anders. Ich hätte mir in der Schule viel leichter getan, wenn die Professoren so menschlich gewesen wären wie heute. Natürlich gab es auch menschliche, nette Lehrer, aber das war eher selten. Man hat die Fächer, in denen man nicht so gut war, wirklich gefürchtet. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin immer wegen meiner Schlampigkeit mit einem 2er oder 3er durchgekommen. Da hat mein Lateinlehrer meine Mutter zu sich gerufen und hat ihr gesagt, dass ich viel mehr könnte. Meine Mutter hat das auf die leichte Schulter genommen und hat ihm gesagt, dass ich doch eh durchkomme. Prompt hat er mir auf die nächste Schularbeit einen 5er gegeben. Daraufhin ist mein Vater zu ihm gegangen und hat ihm gesagt, dass es ihm Leid tue, dass ich so schlecht gewesen sei und dass ich nicht mehr rausgehen und meine Freunde treffen dürfe. Das war natürlich alles nur gespielt. Aber als mein Lehrer gemerkt hat, wie streng es in meiner Familie zuging, hat er meinem Vater gesagt, dass ich doch gar nicht so schlecht sei und dass er nicht so streng sein sollte, denn ich sei eigentlich ziemlich gut. Das hat meinen Vater köstlich amüsiert. Ich nehme an, Sie kennen das Buch ,,Der Schüler Gerber”. Solche Lehrer gab er wirklich. Sie gingen bis ins Sadistische. Es ist ein sehr gutes Buch, ich rate es Ihnen, es zu lesen, aber bitte nehmen Sie es nicht zu ernst.

 

Haben Sie später Ihre Schulkollegen wiedergetroffen?

Ja, einen, mit dem ich sehr gut befreundet war, habe ich später wiedergetroffen. Aber da ich in eine jüdische Klasse ging, war nichts mehr von den anderen Kollegen da. Mit den Kollegen, mit denen ich in der Air Force war, habe ich noch engen Kontakt, mit denen telefoniere ich noch jedes Jahr.

 

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Wir sind nach Pressburg gefahren, und wie wir ausgestiegen sind, haben sie den Siegesmarsch aus Aida gespielt. Das war mein schönstes Erlebnis. Dann haben wir gewusst, jetzt sind wir draußen.

 

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis?

Als die Prügel-Horden in die Zirkusgasse gekommen sind. Wir wussten, wenn die uns erwischen, kommen wir gleich ins Spital.

 

Wie religiös waren Sie damals und sind Sie heute?

Ich war es weder damals noch heute. Meine Frau ist Katholikin. Und wir haben natürlich auch ganz zivil geheiratet. Das bedeutete, dass sie, eine praktizierende und kirchensteuerzahlende Katholikin, von den Sakramenten ausgeschlossen war. Das hat sie natürlich geärgert. Dann hat sie mit einem Geistlichen gesprochen und ihm gesagt, dass unsere Zivilehe als Naturehe anerkannt wird. Ich bin ein gottgläubiger Mensch, aber ich lasse mir nicht vorschreiben, wer mein Gott sein soll. Damit ist eigentlich alles gesagt.

 

 

Sonia Balint, Carolin Heidler, Vivienne Weber