AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Ring frei!

Warum die Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger Ringes Not tut und die meisten Gegenargumente vorgeschoben oder falsch sind

 

Nicht Wien. Nehmen wir – St. Wolfgang: Rössl, Wolfgangsee. Am 12. August 1942 nahm sich dort der Gemeindearzt Franz Rais ungeachtet seiner sonstigen Verpflichtungen endlich einmal Zeit. Und schrieb einen Brief. Mutmaßlich verwandte er beträchtliche Mühe darauf, den richtigen Ton zu treffen. Nicht zu viel. Und nicht zu wenig. Klartext – und doch keine verstörende Direktheit. Die Jüdin Gertrud Peter war zu Herrn Doktors Leidwesen nämlich immer noch da. Wegen ihres arischen Ehemanns. Als dieser aber als politisch fragwürdiges Subjekt in Haft genommen wurde, schien es Franz Rais an der Zeit, dem Gmundner NS Landrat endlich mal Bescheid zu stoßen.

 

Ungeachtet der Rahmenbedingungen zeige sich Gertrud Peter, so Rais „zu frei und geradezu frech im Ort“. Und dann auch noch „im Kreise von Bekannten, einer typisch judenfreundlichen Clique, breit im Vorraum des Hotels“. Das konnte doch unmöglich so bleiben: „Ich bitte um Stellungnahme. Es ist ja ein arischer Haushalt, da der Gatte Arier, nun aber ist er verhaftet. […] Soll ich sie verwarnen oder Herr Landrat oder die Gendarmerie oder ...?“ Während seine Mühewaltung im Fall von Frau Peter nicht den intendierten Effekt hatte – sie überleb- te den Krieg – war Herrn Doktors medizinischen Aktivitäten scheinbar mehr Erfolg beschieden. Als man Jahre später daran ging dem Sohn des Ortes für seine Verdienste zu danken, setzte eine Koalition aus Expatienten, Nazikumpanen und hinreichend Desinteressierten die namentliche Widmung einer Strasse durch, der„Dr. Franz Xaver Rais-Promenade“. Erst in den 1990ern regten sich erste Zweifel, wenn auch mehrheitlich nicht in St. Wolfgang. Appelle der Israelitischen Kultusgemeinde und des Dokumentationsarchivs, den Namen doch im Hinblick auf Rais’ Denunziation abzuändern, verhallten zunächst ungehört. Erst nach einem neuerlichen Anlauf, diesmal unterstützt von zahlreichen Prominenten sah sich der Gemeinderat 2006 zum Handeln genötigt. Nach wie vor war man aber bemüht, Rais widerfahren zu lassen was man für Gerechtigkeit hielt. Da galt es sorgfältig abzuwägen zwischen einem Mordanschlag und der offenbar einzig Rais zuzuschreibenden Gesundheit der rassisch unbedenklichen Population. Andererseits – wenn so viele wichtige Leute „…?“ Um es kurz zu machen: Die betreffende Topographie schmückte fortan der schöne Name „Doktorpromenade“.

 

Lueger aus der Stadtgeschichte tilgen?

 

Jetzt doch Wien. Doch Ring. Doch Karl Lueger. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Die Notwendigkeit, im Umgang mit einer belasteten Person eine Entscheidung zu fällen. Und das, obwohl es neben den Schatten- eventuell auch Lichtseiten gibt. Mag man nämlich angesichts der peinlichen Posse um die „Doktorpromenade“ über den provinziellen St. Wolfganger Kleingeist höhnen, der sich nicht getraut geschichtspolitisch Nägel mit Köpfen zu machen, muss gleichwohl eingeräumt werden: Feiger ist man in Wien allemal. Hier erinnern gleich zwei Verkehrsflächen, eine Kirche, ein Brunnen, ein Park, mehrere Denkmäler und Büsten, Altarbilder, ungezählte Inschriften, eine mächtige Lueger-Eiche, der Lueger- Hof und die Lueger-Brücke an den langjährigen Bürgermeister und Gründer der Christlichsozialen Partei.

 

Niemand verlangt nun Luegers posthume Auslöschung, wie regelmäßig unterstellt wird: Weder soll sein Name aus den vielen „Errichtet unter Bürgermeister Dr. Karl Lueger“-Schildern gekratzt, noch die nach ihm benannte Kirche auf dem Zentralfriedhof gesprengt oder die Lueger-Eiche in den Kesseln des Wiener Fernwärmewerks verfeuert werden. Lediglich zwei seiner vielen Ehrungen stehen zur Diskussion: Das Lueger-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz im 1. Bezirk und der unter dem Austrofaschismus am 24. Juli 1934 nach Lueger benannte Abschnitt der Ringstrasse, der bis dahin nach dem Tag der Ausrufung der Republik „Ring des 12. November“ geheißen hatte. Auch das Lueger-Denkmal soll, der Idee des „Arbeitskreises zur Umgestaltung des Wiener Lueger-Denkmals“ an der Wiener Universität für Angewandte Kunst zufolge, nicht beseitigt, sondern in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus in Österreich umfunktioniert werden.[1]

Bleibt der Lueger-Ring. Und ja: der soll umbenannt werden.

 

Die Gegenargumente

Die GegnerInnen einer Umbenennung stützen sich im Wesentlichen auf fünf Argumente

1. Die historische Person Lueger werde zu Unrecht „dämonisiert“

2. Eine Umbenennung würde Geschichte verfälschen indem sie Lueger als Teil der Stadtgeschichte unsichtbar machen wolle

3. Eine Umbenennung führe unweigerlich zu weiteren und setze einen Prozess der Denkmalstürmerei in Gange

4. Die betroffenen AnrainerInnen würden von einer Adressänderung zu sehr irritiert

5. Die mit einer Umbenennung verbun denen Kosten seien nicht zu verantworten

 

Neue historische Erkenntnisse zur Person Lueger?

 

Als vor dem heurigen Sommer eine neue Biografie Luegers von John W. Boyer erschien, wurde von HistorikerInnen im Rahmen eines Symposiums im Wiener Rathaus einmütig die „Entmythologisierung“ der Person Lueger gelobt. Boyers Verdienst bestünde in einer „ausgewogenen“ Darstellung des „Schönen Karl“, war man sich einig: „Eine Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings, ein Fällen der Lueger-Eiche und die Demolierung des Lueger-Denkmals in Wien werden sich schwer aus der neuen Beurteilung ableiten lassen.“[2]

 

Bei näherer Betrachtung stellt sich freilich heraus: neu ist diese Beurteilung eigentlich nicht. Sie stellt Luegers politische Methoden seinen Projekten gegenüber. Lueger bediente sich in seiner Aufstiegsphase rabiat antisemitischer Parolen. Als Bürgermeister trieb er gleichwohl wichtige städtische Reformen voran - was auch schon bisher niemand ernstlich bestritten hatte. Muss aber deshalb ignoriert werden, dass dieser „gewaltigste deutsche Bürgermeister“ (A. Hitler) wesentlich dazu beigetragen hat hierzulande eine Dynamik zu verschärfen, die schließlich im NS-Massenmord kulminierte?

 

Weil die vulgäre Judenfeindschaft Luegers in einer Vielzahl von Quellen zweifelsfrei belegt ist, würde es wenig Sinn machen, ihn rundweg abzustreiten. Feinsinn ist gefragt: „[Der Antisemitismus] war zwar der einigende Faktor der sozial und kulturell buntgemischten Luegerschen Koalition, aber eigentlich nur ein Mittel zur Mobilisierung der Massen. Nie zog er aus seinen judenfeindlichen Reden praktische Konsequenzen, sein Antisemitismus war nicht rassistisch, sondern populistisch.“[3] Für die Betroffenen sicherlich ein tröstlicher Gedanke. Selbst, wenn dieser Argumentation folgend auch der FPÖ kein Vorwurf daraus zu machen wäre, dass sie einstweilen nur virtuell auf Minarette und Imame schießen lässt, ist sie historisch schlicht falsch: Luegers Antisemitismus war phasenweise durchaus auch praktisch orientiert, etwa, indem er 1887 Schönerers Bemühungen zur Beschränkung der jüdischen Zuwanderung unterstützte.

 

Auf die Behauptung, eine Umbenennung verfälsche die Stadtgeschichte indem sie Lueger gewissermaßen ungeschehen machen wolle, wurde bereits eingegangen: Es steht nicht Luegers Entfernung aus dem Stadtgedächtnis zur Debatte, sondern die Umbenennung einer nach ihm benannten, prominent gelegenen Verkehrsfläche. Diese wurde 1934 von einer Diktatur als Akt demonstrativer Ablehnung demokratischrepublikanischer Werte nach Lueger benannt und der neue Name nach 1945 infolge eines großkoalitionären Kuhhandels beibehalten (im Abtausch wurde der vormalige Seipel-Ring zum Dr.-Karl-Renner- Ring). Am derzeitigen Lueger-Ring liegen mit dem Burgtheater und der Universität Wien wesentliche Institutionen des hiesigen geistigen und kulturellen Lebens, somit wäre dieser Ort besonders geeignet ein öffentliches Zeichen zu setzen, das mit der antisemitischen Tradition sichtbar bricht. Und natürlich stimmt, dass Straßennamen zu einem gewissen Grad historische Erfahrungen widerspiegeln. Aber Erfahrungen werden im Lauf der Zeit ja glücklicherweise ab und an neu bewertet. Deshalb wurden, man verzeihe das zugespitzte Beispiel, ungeachtet der recht eindrücklichen historischen Erlebnisse mit der Person und ihrem Werk die zahlreichen Adolf-Hitler- Plätze, -Straßen und -Gassen nach 1945 landauf, landab ebenfalls umbenannt. Ein Fehler? Eine „historische Verfälschung“?

 

Die Behauptung, eine Umbenennung sei schon aus Prinzip abzulehnen, weil dann kein Ende absehbar sei, darf getrost als Versuch bezeichnet werden, jeder ernsthaften Diskussion von vornherein aus dem Weg zu gehen: Das Argument „aber dann müsste man ja konsequenterweise auch…“ firmiert in Rhetorik- Handbüchern als klassische Methode der Ablenkung und verdient keine weitere Aufmerksamkeit. Zur Diskussion steht der Lueger-Ring. Wenn diese Frage entschieden ist und darüber hinausgehender Diskussionsbedarf besteht, kann man sich anderen Fällen zuwenden. Diskussionen mit dem Hinweis abzulehnen, dass man dann eventuell auch andere führen müsse, ist widersinnig.

 

Insbesondere die Stadtregierung begründet die Beibehaltung des Status Quo gerne mit den vorgeblichen Wünschen der AnrainerInnen. Diesen sei, teilt das Rathaus auf Anfrage mit, eine neue Wohnanschrift einfach nicht zuzumuten. Hinzu komme das Problem, dass eine Änderung der Anschrift besonders für Unternehmen mit unzumutbaren Kosten verbunden wäre. Wir haben uns die Mühe gemacht nachzurecherchieren: Am Lueger-Ring gibt es mit Stand Jänner 2010 keine zehn privaten Wohnparteien. Betroffen wären mehrere Gastronomiebetriebe, einige Anwaltskanzleien und Unternehmen. Sieht man von der Universität und dem Burgtheater ab, handelt es sich um knapp sechzig zu ändernde Adresssätze. Die mit Abstand meisten Betroffenen, die Studierenden und MitarbeiterInnen der Universität Wien (alles in allem immerhin 95.000 Personen), haben mehrfach bekräftigt an einer Umbenennung dringend interessiert zu sein. Die dafür anfallenden Kosten würden also vermutlich von der Universität selbst getragen werden, hier könnte das PR-Budget zweifellos nutzbringender angelegt werden als in Kugelschreibern und Accessoires mit Universitätslogo. Sollten sich die Casinos Austria, deren Zentrale sich ebenfalls am Lueger-Ring befindet, oder eine/r der anderen AnrainerInnen derlei nicht leisten wollen oder können, ließe sich mit Sicherheit eine relativ preisgünstige Kostenübernahme durch die öffentliche Hand bewerkstelligen. Wie ein Blick ins Stadtbudget verrät, wären für kulturelle Anliegen – und um ein solches handelte es sich fraglos – die entsprechenden Mittel durchaus vorhanden.

 

Was ist also das Problem?

Abhängig von der jeweiligen politischen Couleur steht einer Umbenennung vor allem zweierlei entgegen: Die Volkspartei hält mit Lueger den Gründer ihrer Vorgängerorganisation, der Christlichsozialen Partei, in Ehren. Wie auch in anderen Fällen – man denke nur an Dollfuß oder Seipel – mag man den Wert einer kritischen Befassung mit der eigenen Organisationshistorie bei den Bürgerlichen bislang nicht erkennen. Wer in der Wiener ÖVP Parteizentrale nachfragt, erfährt lediglich, dass „die Namen der verschiedenen Ringabschnitte historisch gewachsen sind und nicht zur Diskussion stehen. Wir beschweren uns ja auch nicht über den Renner-Ring.“ So weit, so wenig überraschend. Die SPÖ-Führung fürchtet im Fall einer Umbenennung offenkundig eine breit angelegte Kampagne der Kronenzeitung, wie Funktionäre hinter vorgehaltener Hand erklären: „Von denen die das dann lesen versteht niemand was ihr wollt’s. Die glauben, wir machen das wegen der ‚Ostküste’ und wählen das nächste Mal erst recht den Strache.“ Aus verständlichen Gründen legen aber weder die einen noch die anderen ihre tatsächlichen Motive offen dar. Und bemühen stattdessen lieber weiterhin jedes noch so durchsichtige Argument, um die Diskussion im Keim zu ersticken.

 

Noch vor wenigen Monaten hätte der Artikel hier enden müssen. Inzwischen ist jedoch Bewegung in die Sache geraten. Der heurige SPÖ-Landesparteitag beschloss die Einsetzung einer Historikerkommission zwecks kritischer Überprüfung aller Wiener Straßennamen. Auf Konsequenzen mochte man sich zwar vorerst nicht festlegen, immerhin besteht aber Grund zur Hoffnung, dass das argumentative Eis für die GegnerInnen einer Umbenennung nicht dicker werden wird. Womit wir auf kurz oder lang in Phase 2 eintreten würden, nennen wir sie die „St.- Wolfgang-Stufe“. In ihr wird es darum gehen, faule Kompromisse zu verhindern, den „Karl-Hochquell-Ring“ etwa. Um schließlich in Phase 3 zu gelangen: Zur Zivilisierung des Rings. Bleibt die nicht minder spannende Frage, wer oder was dann im Herzen der Stadt eingeschrieben sein soll.

 

 

 

Florian Wenninger

 

Obmann Verein Gedenkdienst, leistete Gedenkdienst 1998/99 an der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Studium der Politikwissenschaft, Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

1 Nähere Informationen: www.luegerplatz.com

2 Helmut Rumpler: Der Koloss von Wien. In: Damals, 2/2010, S. 66-67:67.

3 ebenda.