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Ausgabe 2/10


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Die Politik der Wiener Straßennamen

Im Kontext der Umbenennungsdebatte in Bezug auf den Dr.-Karl Lueger-Ring taucht regelmäßig das Argument auf, in Wien würden „prinzipiell“ keine Umbenennungen von Verkehrsflächen vorgenommen, die auch AnrainerInnen beträfen. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt: das war nicht immer so. Beispielsweise wechselte der Platz vor der Votivkirche im Zentrum Wiens seinen Namen im Verlauf der letzten 100 Jahre stattliche fünf Mal.[1]

 

Nachstehend veröffentlichen wir einen Beitrag von Birgit Nemec, der die Wiener (Um-)Benennungspolitik des vergangenen Jahrhunderts beleuchtet.

 

Das Erinnern an geschichtswürdige Ereignisse und Persönlichkeiten geschieht im öffentlichen Raum nicht nur anhand von Denkmälern und Gedenktafeln, sondern auch in der Benennung von Straßen und Plätzen, wodurch – wie im Fall des Platzes vor der Votivkirche – eine offizielle Version der Vergangenheit in das verschriftlichte Gedächtnis einer Stadt überführt wird. Vergangenheitspolitische Prozesse wie Straßenbenennungen sind darauf ausgelegt ein herrschendes Regime zu bestätigen und in den Alltag der Stadt einzuschreiben. Brüche werden in diesem – häufig als ahistorisch und unpolitisch empfundenen Medium – daher zumeist ausgeblendet. Der urbane Raum ist jedoch nicht nur durch Gemeinsamkeiten, sondern auch durch Heterogenität geprägt, wodurch politische und historische Annahmen, im Besonderen beim Wechsel von Herrschaftsverhältnissen,in laufendem Übergang begriffen sind. Neue Mythen, pluralistische Legenden und Erinnerungen werden benötigt, Geschichte muss einer neuerlichen Prüfung unterzogen, neu geschrieben werden. Benennungen und Umbenennungen im öffentlichen Raum können in diesem Fall als explizite Werkzeuge der Nationsbildung verstanden werden. Das Bild der Vergangenheit, wie es in Straßennamen konstruiert wird, ist eng mit urbanen Lebenswelten verwoben, unterscheidet sich jedoch vom Vergangenheitsbild der Geschichtsbücher, da es im Normalfall keine Anti-Heldinnen und Anti-Helden enthält.

 

In der Memory Politik Wiens, vor allem jener der zweiten Republik, werden kulturelle Höhepunkte und Wiens Charakter als Kulturstadt offiziell propagiert. Ausgeblendet werden tendenziell hingegen etwa die NS-Vergangenheit und ihrer Wurzeln vor 1938, die Bedeutung der Arbeiterklasse und der Migranten in der Stadtentwicklung der letzten 100 Jahre, die historischen Erfahrungen von Frauen oder die Lebenswelten der aus verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen kommenden Einwohner Wiens – allesamt zentrale Themen in der Vergangenheit der Stadt Wien und wesentliche Beiträge zu deren Modernisierung; zudem sind dies demographische, soziale und politische Quellen von städtischen Veränderungsprozessen.[2]

 

Fragt man nach Tendenzen und Zäsuren von Wiens Memory Politik auf der Ebene der Straßenbenennungen zwischen 1910 und 2010, fällt auf, dass sich Umbenennungen entlang politischer Einschnitte häufen. Die erste Umbenennungswelle wurde durch den Verlauf des ersten Weltkrieges und den Zerfall der Monarchie geprägt. In dieser ersten Phase sollten anderssprachige Ausdrücke – im Besonderen solche, die ihren Ursprung in einer Sprache direkter Kriegsgegner hatten – aus der Straßenbenennung entfernt werden. Die Jahre zwischen 1918 und 1921 waren von den Interessen der sozialdemokratischen und christlichsozialen Regierung geprägt. Der Anstieg von Umbenennungen um 1933/1934 ist im Sinn des austrofaschistischen Regimes durch das Entfernen von sozialdemokratischen Erinnerungsinhalten geprägt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1938 löste die bis dahin größte Welle an Umbenennungen aus: Benennungen nach so genannten „rassisch oder weltanschaulich untragbaren Personen“[3] wurden durch Ehrungen von Persönlichkeiten des NS-Regimes ersetzt. Bis zum Staatsvertrag 1955 und der damit einhergehenden Unabhängigkeit Österreichs war die Zeit nach 1945 von der Übergangsregierung und von den Interessen der Alliierten geprägt. Die Umbenennungen der späten 1940er Jahre sahen eine „Säuberung der Wiener Straßennamen vom nationalsozialistischen Gedankengut“[4] vor sowie Ehrung von WiderstandskämpferInnen und Betonung von Österreichs Charakter als friedfertige Kulturnation. Ein Großteil der Einschreibungen der Alliierten wurden 1955 rückgängig gemacht. Seither wurden Umbenennungen soweit als möglich vermieden; ein leichter Anstieg der Fälle ist seit den 1980er Jahren erkennbar, in dem sich die Beschäftigung mit als problematisch erachteten Erinnerungselementen einerseits sowie mit Opfern des Holocaust andererseits abzeichnet.

 

Nicht alle Umbenennungen, die etwa von der Stadtverwaltung, politischen Parteien, Bezirksvertretungen, lokalen Gruppierungen, Interessensgemeinschaften oder Privatpersonen in Vorschlag gebracht wurden, fanden eine Umsetzung. Mehr noch, gaben sie häufig Anlass zu Verhandlungen von Themen wie (lokalem, urbanem und nationalem) Gedächtnis und Gegengedächtnis, Milieus und Subkulturen, der Verortung von communities im Stadtraum sowie dem Stellenwert von Aspekten wie Internationalität und Pluralität. Kontrovers diskutiert wurden weiters Inhalt und lokale Schwerpunkte der Verkehrsflächenbenennung, negative Aspekte politischer Instrumentalisierungen, der „Verkauf“ von Straßenbenennungen, um die leere Stadtkasse zu füllen (wie es beispielsweise in Berlin der Fall war[5]), Partizipationsbemühungen durch Anwohner oder – um Themen aus dem letzten Jahrzehnt zu nennen – die vermehrte Wahrnehmung von Frauen oder die Demokratisierung der Straßenbenennungen. Triftigster Grund einer Umbenennung war die Beseitigung eines ideologisch nicht mehr tragbaren Erinnerungsinhaltes – wenngleich diese Praxis zu jeder Zeit diskutiert und von den politischen Oppositionen heftig kritisiert wurde. Hohe Akzeptanz fanden Umbenennungen zur Ausschaltung von Doppelbenennungen – von der dadurch erleichterten Orientierung profitierten Anwohner, sowie staatliche Einsatz- und Hilfskräfte. In der jeweiligen Argumentation gegen eine Umbenennung werden die historische Relevanz der bestehenden Namen, die hohen Kosten und der hohe Aufwand für Stadt und Anrainer, sowie die Belastung der Bevölkerung durch Veränderungen im urbanen Gedächtnis betont.

 

Versteht man Geschichte und Erinnerungskulturen als wesentliche Komponenten der offiziellen Kultur und nationale oder kollektive Vergangenheit als bedeutungsvolle kulturelle Konstrukte, können Straßennamen als Medien der Memory-Politiken und des Gedächtnisspeichers einer Stadt gelesen werden. Die genauere Untersuchung von Straßenumbenennungen erlaubt demnach eine Analyse des Schreibens und Umschreibens von Geschichte im urbanen Raum, sowie in weiterer Folge Aussagen über Politiken und Tendenzen des momentanen Gedächtnis-Diskurses auf der Ebene der Straßenbenennung.[6]

 

 

Birgit Nemec

 

ist seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin des interdisziplinären CORPOrealities Projekts und seit 2009 als Forschungsstipendiatin an den Sammlungen der Medizinischen Universität Wien tätig sowie seit 2010 Kollegiatin im Doktorandenkolleg „Naturwissenschaft im historischen, politischen und kulturellen Kontext“ an der Universität Wien.

 

 

Der Text fasst die Zwischenergebnisse eines Forschungsprojektes zur Benennung Wiener Straßen zusammen. Nach einer weiteren Phase der Datenaufnahme sowie einer umfangreicheren seriellen Auswertung der Daten wird das Projekt mit Unterstützung der MA 7 Ende 2010 abgeschlossen und mit der Unterstützung der MA 8 Mitte nächsten Jahres publiziert.

1 Ursprünglich hieß er Maximiliansplatz (nach Kaiser Maximilian), 1919 bis 1934 Freiheitsplatz, 1934 bis 1938 Dollfußplatz, 1938 bis 1945 Hermann Göring- Platz und von 1945 bis 1946 wieder Freiheitsplatz. Seit 1946 trägt er den heutigen Namen – Rooseveltplatz.

2 Mattl, Siegfried: Vienna since World War II. In: Czaplicka, John J.; Ruble, Blair A.; Crabtree, Lauren (Hg.): Composing urban history and the constitution of civic identities. Washington D.C. (2003). S 242

3 Ebenda. S 218

4 Die Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien im Jahre 1939 (vormals Städtischer Verwaltungsbericht). S 192

5 Rathaus- Korrespondenz. 18. 12.1948. S 1781

6 Vgl. etwa die McDonald’s Straße oder die Möbel Hübner Straße: Kühn, Ingrid: Umkodierung von öffentlicher Erinnerungskultur. S 312