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Ausgabe 2/10


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Das Schwarze Wien, der antisemitische Kleinbürger

Zu Luegers politischer Vita und Wirkmächtigkeit sowie zu zwei Biografien, die zu seinem 100. Todestag erschienen sind

 

14. März 1910, Wien trauert; tausende Menschen, darunter nicht nur alle Erzherzöge und der Kaiser, sondern auch – so wird kolportiert – der junge Adolf Hitler, nehmen am Begräbnis des vier Tage zuvor verstorbenen Bürgermeisters Karl Lueger teil. Lueger wird in der Karl-Borromäus-Kirche, für die er 1908 den Grundstein gelegt hat und die heute noch unter dem Namen „Dr.- Karl-Lueger-Gedächtniskirche“ bekannt ist, beigesetzt. Diese Kirche war eines von vielen Bauwerken, die in Luegers Ära als Bürgermeister zwischen 1897 und 1910 errichtet wurden und die bis heute das Stadtbild von Wien prägen: Stadtbahn, Gaswerke, Krankenhäuser und Kirchen.

 

Der Politiker Karl Lueger hat jedoch nicht nur das Wiener Stadtbild geprägt, sondern vor allem als „brillanter großstädtischer Populist“, wie John W. Boyer in seiner unlängst erschienenen Lueger- Biografie schreibt, die politische Landschaft wesentlich verändert.

 

„Lueger erkennt seine Lebensmöglichkeit und damit seine Aufgabe: Niederringung des liberalen Bürgertums (…) durch den Kleinbürger, das ist er selbst, der konkrete Mensch.“ Dies merkte schon Robert Scheu, Journalist bei der Arbeiterzeitung in seinem Nachruf auf Lueger in Karl Kraus‘ Fackel an. Die Isolation des liberalen Bürgertums und die politische Etablierung des Kleinbürgers machten Lueger zu einem „der erfolgreichsten mitteleuropäischen Politiker des 19. Jahrhunderts“ (Boyer), er löste damit ein „die gesamte politische Landschaft Mitteleuropas erschütterndes Beben“ (Boyer) aus und prägte die Christlichsoziale Partei und in der Folge die gesamte österreichische Parteienund Politiklandschaft nachhaltig.

 

Karl Lueger wurde 1844 in Wieden, einem damals noch kleinbürgerlich geprägten Vorort von Wien, geboren. Schon früh erkannte er die Chance, die ihm der so genannte Mittelstand, das Kleinbürgertum, als Basis zu seinem politischen Aufstieg bot: Verunsichert durch die platzgreifende Industrialisierung und dem damit einhergehenden politischen Wandel, geprägt von der Ablehnung des Liberalismus und der Österreich-spezifischen Abneigung gegen Intellektuelle sowie durch den sich zur politischen Strömung formierenden Antisemitismus, war das Kleinbürgertum das ideale soziale Milieu, aus dem sich einer der einflussreichsten Politiker der Donaumonarchie zu einem der ersten Populisten entwickeln konnte. Dem den Kleinbürger prägenden Milieu von Angst und Hass – Angst vor dem Abstieg in das Industrieproletariat, Hass auf das liberale, als „verjudet“ imaginierte Großbürgertum – versuchte Lueger als einer der ersten politisch Gehör zu verschaffen, zuerst mit einem Wahlbündnis mit den entstehenden Deutschnationalen, dann mit der von ihm 1893 gegründeten Christlichsozialen Partei. Ziel war es, einen ressentimentgeladenen und somit massentauglichen Konservativismus mit eindeutig antiliberaler Ausrichtung zu etablieren.

 

Um seiner in permanenter Angst vor sozialer Deklassierung schwelgenden Wählerschaft auch ein konkretes Angebot machen zu können, formulierte Lueger für seinen Wahlkampf in Wien ein explizit antisemitisches Programm, das in seiner Regierungszeit auch umgesetzt werden sollte. So wurden antisemitische Bücher an Volksschulen eingeführt, jüdische Lehrer entlassen, Juden vom Gemeindedienst ausgeschlossen, Juden, die schon im Dienst der Gemeinde standen nicht befördert und ein Zusatz zur Wiener Gemeindeverfassung hinzugefügt, der den Erhalt der Bürgerrechteund den Schwur, Wiens Charakter als „deutsche Stadt“ zu erhalten. Der explizite Antisemitismus Luegers und seiner Christlichsozialen Partei wurde sofort verstanden, sodass sie mit dem aussagekräftigen Spitznamen „die Antisemiten“ politisch identifiziert wurde.

 

Das an den Eliten orientierte politische System der Donaumonarchie reagierte auf die von Lueger etablierte „Massenpolitik“ zunächst mit Verweigerung: Kaiser Franz-Joseph weigerte sich 1895 Luegers Wahl zum Bürgermeister von Wien zu bestätigen – zu neu und „schmissig“ war der offen artikulierte Antisemitismus Luegers. Erst fünf Wahlgänge und ein kurzes Interregnum als Vizebürgermeister später, konnte Lueger mit massiver Unterstützung durch Papst Leo XIII. das Bürgermeisteramt von Wien beziehen, ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1910 innehatte.

 

Um dem Kleinbürgertum als neuer politischer Akteur in einem vertrauten Rahmen begegnen zu können, kreierte Lueger von sich das Bild des „Volkskaisers“, der die oft nur schemenhaft formulierten Interessen des so genannten „kleinen Mannes“ gegen das als übermächtigen Gegner imaginierte Großbürgertum vertritt und verteidigt. Und auch über die Stadtgrenze hinaus konnte die Christlichsoziale Partei große Erfolge verbuchen und wurde von 1907 bis 1911 zur stärksten Fraktion im Reichsrat, denn außerhalb seines unmittelbaren Herrschaftsbereiches in Wien konnte Lueger mit seinen populistischen Parolen vor allem die konservative, antiliberale Agrarbevölkerung für sich gewinnen. Dieser Erfolg der Christlichsozialen war aber so entscheidend mit der Person Karl Lueger verbunden, dass ihr politischer Einfluss nach Luegers Tod 1910 schwand und erst mit dem vollständigen Scheitern der alten Eliten im Ersten Weltkrieg sollte die Christlichsoziale Partei, diesmal in einer Republik, wieder zu einer politisch bestimmenden Kraft werden.

 

Vorbei an allen politischen Veränderungen war es Bürgermeister Lueger gelungen mit seiner zum Programm erhobenen, massentauglichen Vereinfachung von komplexen Problemen, den so genannten „Lueger-Mythos“ zu etablieren. Am ersten Populisten Wiens kam auch in der Ersten Republik niemand vorbei. So übernahm 1926 das damals schon „Rote Wien“ die Kosten für das Fundament eines Lueger-Denkmals im ersten Bezirk. 1934 wiederum bediente sich das austrofaschistische Regime eines Lueger-Dramas, um austrofaschistische Vorstellungen auf der Bühne des Volkstheaters zu propagieren. Und auch die Nationalsozialisten bedienten sich des Lueger-Mythos für ihre Propaganda: der 1943 gedrehte Film Wien, 1910 stellt Lueger als einen Hitler-Vorgänger dar.

 

Hundert Jahre nach seinem Tod wird vor allem darüber debattiert, wie „echt“ sein politischer Antisemitismus gewesen sein mag.

 

Zweifelsohne war Lueger wie viele seiner Zeit und Sozialisation ein Antisemit. Worum sich die Debatten aber drehen, ist die Frage, ob der politische Antisemitismus Luegers und seiner Partei opportunistisches Mittel zum politischen Zweck oder politischer Selbstzweck gewesen sei. Hierbei taucht auch oft das folgende, ihm zugeschriebene Zitat auf: „Wer Jude ist, bestimme ich.“ Auch schreibt ihm das österreichische Schulbuch Einst und Heute, Band 7, die folgenden Worte zu: „Ja, wissen‘S, der Antisemitismus is‘ a sehr gutes Agitationsmittel, um in der Politik hinaufzukommen; wenn man aber einmal oben is‘, kann man ihn nimmer brauchen, denn des is‘ a Pöbelsport!“ Diesen Zitaten, die Luegers instrumentelles Verhältnis zum Antisemitismus belegen sollen, stehen aber Aussagen ganz anderer, eindeutiger Art gegenüber, wie etwa: „Ich werde erst glücklich sein, wenn der letzte Jud‘ aus Wien verschwunden ist.“ (Siehe dazu auch die Sammlung von Zitaten in dieser Ausgabe.)

 

Zum 100. Todestag widmen sich zwei neue Biografien dem Wirken und Leben Karl Luegers. John W. Boyers Karl Lueger (1844–1910) – Christlichsoziale Politik als Beruf (Böhlau Verlag, Wien 2010) zeichnet sich durch enorme Detailfülle aus. Der Autor versucht das Phänomen Lueger aus seiner Zeit heraus zu erklären. Er zeichnet Luegers politischen Höhenflug – die Etablierung einer der erfolgreichsten Massenparteien der österreichischen Geschichte – nach und widmet auch seinem posthumen Wirken ein eigenes Kapitel, in dem er Luegers Einfluss auf den späteren Bundeskanzler Ignaz Seipel diskutiert. Frei von Seitenhieben, die Boyers politische Ausrichtung erahnen lassen, ist sein Buch allerdings nicht: so schreibt er von einem sozialdemokratischen „Würgegriff“ oder von der „roten Flut“, die die Stadt 1919 überrollt haben soll.

 

Die zweite Biographie ist Anna Ehrlichs Karl Lueger – Die zwei Gesichter der Macht (Amalthea Signum Verlag, Wien 2010). Die Autorin erhebt einen ähnlichen Anspruch wie Boyer, nämlich die „Widersprüche“ der Person und den Mythos Luegers „zu erklären“. Ehrlichs Buch gibt im Wesentlichen das gängige Lueger-Bild wieder und diskutiert Fakten ergänzt um Zitate und Berichte von Luegers zeitgenössischen Verbündeten und Feinden. Damit richtet sie sich an ein anderes Publikum als Boyer, der eine ausführlich recherchierte Strukturgeschichte vorgelegt hat, die den politischen und gesellschaftlichen Kontext in die Analyse mit einbezieht.

 

Einen endgültigen Abschluss der Debatte um Luegers Antisemitismus liefern beide Autoren nicht. Was bleibt, sind Luegers Worte und Taten, die ihn – jenseits seiner Intentionen – zu einem der ersten antisemitischen Massenpolitiker Mitteleuropas machten.

 

 

Johannes Breit

 

2008/09 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Studiert Geschichte.

 

John W. Boyer: Karl Lueger (1844–1910) – Christlichsoziale Politik als Beruf (Böhlau Verlag, Wien 2010)

Anna Ehrlich: Karl Lueger – Die zwei Gesichter der Macht (Amalthea Signum Verlag, Wien 2010)