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Ausgabe 2/10


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Ent-Schuldigungen für Lueger

Anmerkungen zur wissenschaftlichen Debatte über Karl Lueger

 

Ist jemand, der gerne mal auf „die Juden“ schimpft deswegen automatisch Antisemit?

 

Ein klares Ja auf diese Frage scheint vielen in Bezug auf Karl Lueger schwer zu fallen. Bewiesenermaßen hat er antisemitische Positionen vertreten, dennoch zögern einige Menschen, ihn als Antisemiten zu bezeichnen ohne seinen Antisemitismus nicht im nächsten Satz zu relativieren, herunterzuspielen oder als „Phänomen seiner Zeit“ zu entschuldigen.

 

Auch im wissenschaftlichen Diskurs wurde die Rolle Luegers in letzter Zeit vermehrt diskutiert, Streitpunkt ist immer noch die Bewertung Luegers in Bezug auf seine Einstellung gegenüber Juden und Jüdinnen. Was also sind die Argumente, die in die letzten Debatten eingebracht wurden, was sind die Aussagen, Positionen und daraus abgeleiteten Konsequenzen?

 

In wissenschaftlichen Publikationen zu Shoah und Nationalsozialismus wird immer wieder betont, dass der Antisemitismus 1933 beziehungsweise 1938 nicht vom Himmel fiel. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus fokussiert zumeist den Holocaust, auch wenn darauf hingewiesen wird, dass die Ursprünge des NS-Antisemitismus in der Zeit vor der Gründung der NSDAP liegen. Die antijüdischen Ressentiments und Stereotype, die von den Nazis propagiert wurden, waren nicht ihre eigenen Erfindungen, sondern bereits weit verbreitete Vorstellungen. Als bestes Beispiel für diese Behauptung dient Hitler selbst mit seinen bereits zu genüge zitierten Passagen aus Mein Kampf, in denen er auch seine „Wiener Lehr- und Leidensjahre“ beschreibt. Seinem Antisemitismus und seiner Bewunderung für Karl Lueger verleiht er Ausdruck, bekrittelt jedoch die Christlichsoziale Partei und wirft ihr das Fehlen einer Rassenideologie Georg Schönerers vor. Heute würde kein aufgeklärter und reflektierter Mensch auf die Idee kommen Schönerer und seine AnhängerInnen von ihren gefährlichen Einstellungen und den daraus folgenden Konsequenzen freizusprechen. Obwohl Lueger ebenfalls, wenn man die Ausführungen Hitlers ernst nimmt, eine wichtige Rolle für die Genese des NS-Antisemitismus spielte, gibt es kaum klare Abgrenzungen zu ihm.

 

Am 5. März dieses Jahres veröffentlichte Anton Pelinka im Online-Standard einen Artikel über Karl Lueger.[1] Der Politologe führt in seinem Text aus, dass Lueger sich vorhandener Vorurteile bedient habe, aber nicht „der Antisemit“i gewesen sei. Was aber der Unterschied zwischen „dem“ Antisemiten und „einem“ Antisemiten sein soll, erklärt Pelinka nicht. Auch andere WissenschaftlerInnen schlagen in eine ähnliche Kerbe wie Pelinka. John W. Boyer veröffentlichte dieses Jahr eine Lueger-Biografie (siehe dazu den Artikel in dieser Ausgabe), in der er zum Schluss kommt, dass der ehemalige Wiener Bürgermeister zwar Antisemit gewesen sei, man aber die Zeit in der er lebte und deren Umstände berücksichtigen müsse.

 

Durch alle Jahrhunderte hindurch ziehen sich Wellen von Hass auf Juden und Jüdinnen, die oft abebbten und ein ruhiges Zusammenleben garantierten, oftmals jedoch wieder aufkamen, meist durch politisch motivierte Überlegungen der Machthabenden legitimiert. Die dabei ins Feld geführten Stereotype ziehen sich durch all diese Epochen hindurch, werden adaptiert und angepasst. Durch die lange Tradition der Diskriminierung und Verankerung der Vorurteile in Bevölkerung und diversen Institutionen, wie zum Beispiel Kirche, Militär und Bürokratie, gab es unter der Oberfläche immer ein antisemitisches Gewaltpotential, das in angespannten Zeiten vermehrt zum Vorschein kam. Karl Lueger erkannte darin als erster Politiker eine Wahlstimmen generierende Konstellation und schwang sich durch seine gezielt eingesetzten und radikal antisemitischen Äußerungen zum Bürgermeister von Wien und ersten modernen Populisten auf. Und auch in diesem Punkt suchen viele eine Entschuldigung für Luegers Verhalten: Er sei ein Kind seiner Zeit gewesen. Diese Phrase soll wohl bedeuten, dass, erstens, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Antisemitismus noch salonfähig war und, dass, zweitens, es sich um einen Abschnitt der Vergangenheit handelt, der vor der Shoah liegt und noch niemand die Gefahr und das Potenzial von systematischer Diskriminierung erkannte.

 

Doch werfen wir einen Blick auf Wien in der Zeit Karl Luegers: Ganz allgemein kann man es als eine Zeit nach der Aufklärung identifizieren, das Judentum war als Religion anerkannt, Juden und Jüdinnen waren zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt gleichberechtigt. Es ist richtig, dass es Antisemitismus gab, aber von Gesetzes wegen waren diese Vorurteile nicht legitim. Lueger jedoch bediente sich dieser antiliberalen, gewalttätigen und rassistischen Vorurteile bewusst und setzte sie politisch ein. Es wäre absurd zu behaupten, dass die antisemitische Propaganda des Bürgermeisters einer Stadt keine Auswirkungen auf die Bevölkerung hätte, unabhängig davon, ob dieser nun als Privatperson daran glaubte oder nicht.

 

In Erinnerung an den Bürgermeister und Antisemiten Lueger ist bis heute ein Stück des Rings in Wien benannt, wird ein Lueger-Denkmal von der Stadt Wien in stand gehalten, steht am Zentralfriedhof die Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche, ist an der Technischen Universität Wien am Karlsplatz bis heute eine Lueger-Gedenktafel angebracht. An keinem dieser Orte befindet sich auch nur ein kritischer Hinweis auf Luegers Antisemitismus.

 

Derzeit wird diskutiert, ob man das Lueger-Denkmal in Form eines Kunstprojektes kontextualisieren könnte – zu mehr scheint man nicht bereit zu sein: Umbenennung des Rings oder Abbau des Denkmals sind zurzeit nicht geplant. Anstatt etwas Neues zu schaffen, beispielsweise ein Mahnmal gegen Antisemitismus, ist es offenbar nahe liegender ein von einem autoritären Regime in faschistischem Stil errichtetes Denkmal zu erhalten und als Erinnerungsort zu manifestieren. Das Gedenken an Lueger im öffentlichen Raum ist stark von einer austrofaschistischen und einer den Austrofaschismus verharmlosenden Geschichtsinterpretationen geprägt.

 

Eine wissenschaftliche Verortung Karl Luegers aber muss, wenn man sich die Situation der Erinnerungsorte in Wien ansieht, zwangsläufig mit Konsequenzen, dass heißt: Forderungen im Jetzt verbunden sein. So wird man dem Anspruch kritischer Wissenschaft nicht gerecht werden, wenn man sich mit Antisemitismus auseinandersetzt, aber nichts daran findet, an der Adresse Dr.-Karl-Lueger- Ring zu studieren oder zu unterrichten.

 

 

Magdalena Neumüller

 

Studienfahrten-Guide im Verein GEDENKDIENST und Guide an der Gedenkstätte Mauthausen. Studiert Politikwissenschaft und Arabisch. Seit 2010 Büroleiterin des Verein GEDENKDIENST.

 

1 Vgl.: derstandard.at/1267743370347/Karl-Lueger-Mythos-und-Gegenmythos, 6. August 2010