AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Gedenken und Verantwortung

Oft und gerne strapazieren RednerInnen auf diversen Gedenkveranstaltungen Wendungen wie „Für die Gegenwart lernen“, betonen die „Pflicht zur Erinnerung“ und die „Lehren der Geschichte“. Gedenken ist recht, weil’s so billig ist. Moralische street credibility zum politischen Diskontpreis. Kost fast nix.

 

Die nachfolgende Rede führt uns weg von dieser Beliebigkeit, versucht Antwortmöglichkeiten zu eröffnen auf die herausfordernde und zugleich entscheidende Frage im Umgang mit Geschichte: „Und wir?“ Gehalten hat sie die Journalistin und Autorin Elfriede Hammerl auf der heurigen Gedenkfeier des Vereins RE.F.U.G.I.U.S. (Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative und Stiftung) in Rechnitz. Wir drucken eine leicht gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung durch Autorin und Veranstalter- Innen.

 

Rechnitz, 28. März 2010 Damals. Damals war das ganz anders. Sie haben ja keine Ahnung. Sie können sich das nicht vorstellen. Damals konnte man nicht. Damals durfte man nicht. Damals war man gezwungen zu. Man war ja ein Opfer, praktisch. Gebundene Hände.

 

Doch, ich kann es mir vorstellen. Kuschen – okay. Wir haben alle nur ein Leben, es ist legitim, es behalten zu wollen. Aber Fleißaufgaben dienten nicht dem Überleben. Niemand war gezwungen zu denunzieren, zu demütigen, über den Haufen zu schießen.

 

Also: Keine falschen Behauptungen. Vor allem aber: heute. Heute kann man. Heute darf man. Heute könnte man, wenn man wollte. Womit werden sich diejenigen entschuldigen, die heute verleumden, demütigen, verachten und hetzen, falls sie einmal gezwungen sein sollten, Rechenschaft abzulegen? (Es könnte ja sein. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.)

 

Wer zwingt die ÖVP, Martin Graf, Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Olympia, nicht aus dem Amt des 3. Nationalratspräsidenten zu entfernen?

Wer hat ÖVP und SPÖ gezwungen, Graf überhaupt erst zum 3. Präsidenten des Nationalrates zu wählen?

Wer zwingt den oberösterreichischen Landeshauptmann, sich jedweden Kommentar zu einer Präsidentschaftskandidatin Rosenkranz zu schenken, nur um keine Wahlempfehlung abzugeben?

Wer zwingt den burgenländischen Landeshauptmann, Asylwerber mit Kriminellen gleichzusetzen?

Wer zwingt die Innenministerin, Asylwerber einsperren zu wollen, sich über ein verzweifeltes Mädchen, das sich hier zu Hause fühlen möchte, auch wenn es nicht hier geboren wurde, öffentlich lustig zu machen und es der Erpressung zu bezichtigen, wer zwingt sie, den Begriff Rechtsstaat sprachlich zu pervertieren, indem sie ihn vorschiebt, um den staatlichen Verzicht auf humanitäres Handeln zu begründen?

 

Der Souverän ist es angeblich, auf den sie hören, die Innenministerin, die Landeshauptleute, die Parteistrategen, die Funktionäre und Funktionärinnen, es zwingt sie der Souverän, der Wähler, der Volkswille. (Merke: der Souverän ist immer männlich, aber das heißt nicht, dass die Wählerinnen aus dem Schneider sind. Im Gegenteil, hinterher – hinter welcher auch immer von der Geschichte später verurteilten Schweinerei – waren sie es, die sich angeblich durch besondere Niedertracht ausgezeichnet haben. Das nur nebenbei.)

Jedenfalls: Volkes Wille. Sagen sie.

Rein verbal ist man versucht, nichts dagegen zu haben, gegen so einen exekutierten grauslichen Willen, wenn schon exekutiert werden muss, warum dann nicht ein Wille, der beispielsweise dazu zwingt, schwerkranke Menschen in ein so genanntes Heimatland zurückzuschicken, in dem sie mit Sicherheit keinerlei medizinische Versorgung kriegen werden?

Aber die Flucht in Sprachspielereien ändert leider, wir wissen es, nichts an der Realität, und am Ende ist es doch wieder nur der arme Teufel mit dem Gehirntumor, der exekutiert wird, indem man ihn zurückschiebt nach Tschetschenien.

 

Also: gezwungene Politik. Vom unerbittlichen Souverän getrieben. Und wer zwingt den Souverän? Den Souverän zwingt angeblich die Angst. Der Souverän fürchtet sich vor dem Asylwerber. Vor den Flüchtlingen. Vor den Wirtschaftsflüchtlingen, die die Unverschämtheit an den Tag legen, Hunger und Not entkommen zu wollen, als wären sie Menschen wie wir.

Der Souverän fürchtet sich vor Kindern, die das Leben gleichgültig hier abgeworfen hat. Tickende Zeitbomben. Sie wachsen hier auf, gewöhnen sich ein, gehen zur Schule, spielen in der örtlichen Fußballmannschaft, sprechen Hochdeutsch und/oder österreichische Dialekte, wollen einen Beruf erlernen, möchten Steuern zahlen, wollen hier Kinder kriegen und womöglich hier alt werden – kurzum, sie sind furchteinflössend bis dort hinaus, denn sie sind fremd. Sie fühlen sich nicht fremd, sie benehmen sich nicht befremdlich, sie sind so wie der Nachwuchs, der uns angeblich fehlt und den wir angeblich brauchen, aber tiefdrinnen in ihnen, in ihren Blutbahnen, kreist das Fremde, irgendwo in ihren Genen lauert das Ausländische, und davon fühlt sich der Souverän bedroht, das wissen die getriebenen Politiker und Politikerinnen ganz gewiss.

Jetzt einmal nur so dazwischen gefragt: Was passiert eigentlich den angeblich Getriebenen, wenn sie diesen mutmaßlichen Volkeswillen nicht exekutieren? Müssen sie um Leib und Leben bangen oder laufen sie bloß Gefahr, die eine oder andere Wahl zu verlieren?

Naiv gefragt. Denn sie wollen die Wahlen ja nicht aus Eigennutz gewinnen, sagen sie, sondern, sagen sie, um Schlimmeres zu verhindern, sie wollen uns schützen, vor denen, die dann das Sagen hätten, wenn sie nicht mehr das Sagen haben, sagen sie, aber wovor schützen sie uns eigentlich, wenn sie es vorsorglich denen gleich tun, die noch nicht das Sagen haben, und wer sagt, dass wir es sind, die sie schützen, wenn sie doch den Willen derer exekutieren, vor denen sie uns angeblich schützen wollen?

So viel Schutzbedürfnis und so viel Furcht. So viel Furcht vor Schutzlosen. Wer soll sich da noch auskennen?

Der furchtsame Souverän kennt sich nicht aus, er fürchtet sich nicht differenziert, er wirft alle in einen Topf, die Kriminaltouristen und die Flüchtlinge und die Armen, die bloß vor der Armut geflüchtet sind. Ja, bloß vor der Armut, so heißt das, Wirtschaftsflüchtlinge, keiner hat ihnen die Kalaschnikow an die Stirn gehalten, was hat sie also gestört, nur der Hunger und die Kälte und die Aussichtlosigkeit in ihrem Land, das doch nicht ihnen gehört, sonst würden sie vielleicht nicht gehen?

Der Souverän differenziert nicht, weil er ein Opfer der Medien ist, niemand klärt ihn ja auf, aber wer, zum Teufel, zwingt ihn, nur die Kronen Zeitung zu lesen und ihr auch noch zu glauben? Und wer zwingt die Regierenden, sich der Kronen Zeitung zu unterwerfen?

 

Doch halt, nein, der Souverän ist gar nicht so. Wer immer dieses Bild von ihm entwirft, nimmt ihn nicht wahr, wie er auch ist.

www.fussballverbindet.org heißt zum Beispiel eine Website. Sie zeigt eine jugendliche Fußballmannschaft, Buben und Mädel in grünen Dressen, nur eine Kinderfigur ist bloß noch als schwarzer Schattenriss vorhanden. Darüber steht in gelber Schrift: Bernard Karrica, abgeschoben am 21.2.2010. Und dazu gibt es einen Text, in dem heißt es: „Fußball verbindet, aber einer musste gehen. Fußballkollegen, Trainer, Mitschüler und Lehrer vermissen Bernard und haben einen guten Freund verloren. Bernard hatte Hoffnung auf eine erfolgreiche Sportlerlaufbahn und ein glückliches Leben. Trauer und Hoffnungslosigkeit sind jetzt seine Begleiter.

Nach jahrelangem Aufenthalt in Österreich wurden Bernard, seine Geschwister und Eltern von den Behörden in nur 5 Tagen aus ihrem und unserem Leben gerissen.

Familie Karrica ist unbescholten und bestens integriert, sie hat sich nichts zu schulden kommen lassen und alle Voraussetzungen für ein humanitäres Bleiberecht erfüllt. So wie ihnen ergeht es täglich vielen Familien, die unter uns ein Zuhause gefunden haben. Die Behörden, die diese Familie in den Kosovo geschickt haben, hätten auch einen humanitären Aufenthalt erteilen können. Diese Behörden meinen, im Sinne von allen Österreichern zu handeln. Aber das tun sie nicht.

Wir denken und fühlen anders!

Wir wollen, dass diese Familien bleiben! Wir wollen menschliches Handeln und Vollziehung eines humanitären Aufenthaltes!“

 

Ja, das gibt es auch. Gemeinden, die sich vor ihre Asylwerber stellen. Manch- mal haben sie sogar Erfolg. In Vorarlberg wurde bekanntlich durch den Protest eines Dorfes tatsächlich die Abschiebung einer Familie aus dem Kosovo verhindert, ob auf Dauer, weiß man freilich nicht. Im Morgengrauen waren sie gekommen, wie immer in solchen Fällen, im Morgengrauen zum Abholen, damit es kein Aufsehen gibt, das hat eine lange und unselige Tradition, es ist kein Zufall, dass einem das so schrecklich bekannt vorkommt. Aber diesmal waren andere ebenfalls früh aufgestanden, rund 40 Dorfbewohner, die protestierten und mit den Beamten diskutierten.

Das gibt es nämlich und nicht so selten: Überall im Land bilden sich Initiativen, Plattformen, Gruppen, die bereit sind, zu helfen. Sie reden nicht schrankenloser Zuwanderung das Wort, aber sie gehen zu Recht davon aus, dass geregelter Zuzug nicht erbarmungsloses Verstoßen von Menschen bedeuten kann, von Menschen, die ja nicht aus Bosheit oder Übermut in ein fremdes Land gekommen sind, sondern weil sie Hilfe brauchen. Und schon gar nicht kann es bedeuten, dass wir Kinder wegwerfen wie Abfall, Kinder, die nichts dafür können,dass ihre Eltern sie verpflanzt haben, selbst wenn die Eltern gegen unsere Regeln verstoßen haben sollten.

Ach ja, die Regeln. Der fünfjährige Taschu aus Tschetschenien beispielsweise wurde in Tschetschenien von einem Lastwagen überfahren. Der Fahrer kam ins Gefängnis, seine Familie terrorisierte Taschus Mutter. Sie flüchtete mit dem schwerverletzten Kind, das an einem offenen, infizierten Beinbruch litt, über Polen nach Österreich. Hier versucht man nun, Taschus Bein zu retten, eine komplizierte Therapie ist nötig. Aber die Regeln verlangen, dass Taschu mit seiner Mutter wieder nach Polen zurückgeschickt wird, wo sein Bein nicht behandelt werden kann.

Wer sagt, dass die Einhaltung der Regeln wichtiger ist als Taschus Bein?

Wer hindert uns, Regeln zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern?

Was sind das für Regeln, die verletzte, hilflose, hilfsbedürftige Kinder kriminalisieren?

Was sind das für Regeln, denen zufolge gut integrierte zugezogene Familien als Stabilitätsrisiko abgeschoben werden, während es ihnen nicht gelingt, tatsächliche Kriminelle fernzuhalten?

 

„Wir brauchen diese Kinder“ nennt sich eine Plattform für Asylsuchende, die sich in Schruns gebildet hat. „Arigona muss bleiben, Fekter muss weg“ heißt eine Facebook-Gruppe mit großem Zulauf. Auch das ist Volkes Stimme.

Warum hören die Fekters und die Niessls nicht auf sie? Warum buhlen die großen Parteien nicht um diese Wählerinnen und Wähler statt um die miesesten Ungutmenschen, die es in diesem Land halt auch gibt?

Eigentlich könnte man von anständigen, in der Politik tätigen Menschen ja verlangen, dass sie so was wie Mut an den Tag legen, wenn es gilt, moralischer Integrität zum Sieg über Missgunst und paranoide Feindseligkeit zu verhelfen. Doch bei näherer Betrachtung stellt sich heraus: Den besonderen Mut braucht es nicht einmal. Dieses Land ist gar nicht in der Hand herzloser, egoistischer, brutaler Horden. Es schaut nur so aus, als solltees denen ausgeliefert werden.

 

Dieser Tage ist das Asylansuchen der Familie Zogaj – oder besser: der Personen, die von der Familie Zogaj noch übrig sind, das sind die selbstmordgefährdete Mutter, die beiden jüngsten Kinder und die 18jährige Arigona – dieser Tage also ist das Asylansuchen dieser Personen auch in der zweiten Instanz von Österreich abgewiesen worden. Die Richter zeigten sich unbeeindruckt von allen Argumenten, die der Anwalt der Familie vorbrachte. Die psychisch kranke Mutter könne auch im Kosovo behandelt werden, denn die psychiatrische Versorgung im Kosovo sei völlig ausreichend. Dass sich die Familie in Österreich bestens integriert habe, sei irrelevant.

Die Republik lässt sich nicht erpressen.

Das ist alles, was der Innenministerin, was den zuständigen Behörden einfällt, wenn sich eine Jugendliche, die hier heimisch geworden ist, verzweifelt dagegen wehrt, in die Fremde geschickt zu werden: Erpressung? Und wie zynisch muss man sein, wenn man die psychiatrische Versorgung im Kosovo als ausreichend bezeichnet? Was für eine Schande für dieses Land.

 

Was für eine Schande, wenn die Republik Österreich einer 18jährigen und ihrer Mutter und ihren kleinen Geschwistern so richtig „zeigt“, wer stärker ist, als gehe es hier um eitle Siege und nicht um Anstand und Erbarmen!

Noch gibt es eine letzte Hoffnung in dieser symptomatischen Causa: die,dass der Verfassungsgerichtshof menschlich entscheidet. Noch gibt es eine letzte Hoffnung für alle, die sich nicht für Österreich schämen wollen: die, dass der Verfassungsgerichtshof ein Signal setzt. Ein Signal, dass Schluss sein muss mit diesem Justament-Verhalten der Staatsmacht Menschen gegenüber, die sich weiter nichts zuschulden kommen ließen, als nicht hier geboren worden zu sein.

 

Volkes Wille. Hoffen wir, dass wir das Volk bleiben.