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Ausgabe 2/10


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Das Kind, das ich war

Erinnerungen an die Vertreibung der Slowenen aus Kärnten

 

Andrej Kokot, Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2007

 

Rezension

 

 

„Ich konnte meine Freude, dass wir verreisen nicht verbergen. Leuten, die an den Häusern standen winkte ich zu, und rief: „Wir gehen fort, ihr aber müsst zu Hause bleiben.“

 

In einer so kindlichen, lapidaren Sprache beschreibt Andrej Kokot die Vertreibung seiner Familie von ihrem Hof in Zgornja vas/Oberdorf in den Ossiacher Tauern. Wie die Familie Kokot wurden im April 1942 über 200 slowenische Familien, der Verband der ausgesiedelten Slowenen/ Zveza slovenskih izseljencev spricht von 1097 Personen, im Rahmen der „K-Aktion“ gezwungen ihre Häuser zu verlassen und erst ins Sammellager Ebenthal/Zrelec gebracht, um anschließend ins Reichsgebiet deportiert zu werden. Nach drei langen Jahren und Stationen in den Lagern Rehnitz, Rastatt und Gerlachsheim konnten die meisten von ihnen wieder nach Kärnten/Koroska zurückkehren. Die Ankunft in ihrem Heimatort mag ein weiteres Zitat von Kokot beschreiben: „Wir erwarteten, dass man uns willkommen heißen würde. Aber nichts geschah, obwohl wir das Gefühl hatten, dass wir beobachtet wurden [...] Wollten sie es nicht wahrhaben, dass wir zurückgekehrt waren?“

 

Andrej Kokot, zum Zeitpunkt der Deportation sechs Jahre alt, schreibt eine Geschichte nieder, die in Österreich im allgemeinen und in Kärnten/Koroska im besonderen nicht nur vergessen, sondern auch geleugnet wird. Und er schildert sie auf eine Art und Weise, die Heinz Fischer im Geleitwort als „ohne Ressentiments, mit viel Einfühlungsvermögen und kindlicher Erinnerung“ beschreibt. Es ist natürlich jedem selbst überlassen, das Buch und seine Aussage zu verstehen und zu interpretieren, aber die „KAktion“, die Vertreibung von slowenischen Familien aus Kärnten/Koroska durch die NationalsozialistInnen unter kräftiger Mithilfe der deutschsprachigen KärntnerInnen, ist wohl mit einfachen sprachlichen Mitteln am besten zu bewältigen. Der Autor hat das ganze Buch in einem einfachen, wohl bewusst kindlich und persönlich anmutenden Ton verfasst, der die Lektüre leicht macht. Oft fast zu leicht. Die Angst, die Entbehrungen und das Grauen, welche der kleine Andrej und seine Familie erlebt haben, brechen nur an wenigen Stellen durch, etwa wenn er brutale Lagerführer oder grausame NSV-Schwestern beschreibt. Nur im letzten Teil des Buches wird die Sprache eindeutiger. Es ist der Teil, in dem der slowenische Schriftsteller und Intellektuelle Kokot Klartext spricht und von den Steinen erzählt, die seiner Familie und den Kärntner SlowenInnen nicht nur in der Nachkriegszeit in den Weg gelegt wurden. Es mag stimmen, dass er, wie Heinz Fischer meint, „ohne Ressentiments“ und mit „kindlichem Einfühlungsvermögen“ schreibt, aber in Wirklichkeit geht es dem Autor um viel mehr: Es geht darum, dass dieser Abschnitt seiner Kindheit, den er im Buch beschreibt – die Vertreibung, die Angst, die Zwangsarbeit, der Mord an seinem Bruder, die ausgebliebene Wiedergutmachung – eine offene Wunde geblieben ist. Oder sollte es etwas anderes bedeuten, wenn ein Aufsatz zum Thema „Ein bedeutender Tag in meinem Leben“, und dieses Thema konnte für den jungen Andrej natürlich nur der Tag der Vertreibung sein, vom Lehrer als „nicht zeitgemäß“ beurteilt und mit dem Ratschlag zurückgegeben wird, dass er „über diese Zeit nicht nachdenken, sondern sie vergessen“ solle?

 

Abschließend lässt sich sagen, dass es zu wenig wäre, dieses Buch als – zugegeben dramatische und hervorragend verfasste – Kindheitserinnerung zu beschreiben. Andrej Kokot nimmt anhand seines Lebens die Geschichte der Kärntner SlowenInnen und nicht zuletzt auch die Geschichte Kärntens/Koroskas in den Blick. Ein Buch, das auch zum Verständnis der heutigen Situation im (ehemaligen) Haiderland beiträgt.

 

 

Matthias Vigl