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Ausgabe 3/10


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"Das Ende der Wehrpflicht darf kein Schlussstrich sein!"

Gespräch mit dem neuen Obmann

An der Generalversammlung am 1. Oktober 2010 wurde Adalbert Wagner zum neuen Obmann gewählt. Der Redaktion von GEDENKDIENST ist er Rede und Antwort gestanden.

 

GEDENKDIENST: Lieber Berti, was uns zunächst von Interesse scheint, ist die Frage, wie Du überhaupt zu den Themen Nationalsozialismus, Holocaust sowie zur Beschäftigung mit Rassismus und Antisemitismus – kurzum: auch zu den Arbeitsfeldern und Anliegen des Vereins – gekommen bist.

Adalbert Wagner: Alles hat damit begonnen, so könnte ich im Nachhinein sagen, dass ich mit 16 angefangen habe Seminare und Veranstaltungen der AKS (Aktion Kritischer Schüler_innen, Anm. der Redaktion) zu den Themen Faschismus und Rassismus zu besuchen und schon bald selbst solche Kurse hielt. Parallel dazu habe ich als PfadfinderInnenleiter für 10- bis 13-jährige gearbeitet und dort immer versucht auch gesellschaftsrelevante Themen wie Armut und Ausgrenzung mit den Kindern zu erarbeiten.

 

GD: Und wie bist Du zum Verein GEDENKDIENST gekommen?

AW: Ich wollte ursprünglich im sozial- politischen Bereich Zivildienst machen und bin dann durch den Hinweis eines Kollegen zum Thema Auslandszivildienst und somit zum GEDENKDIENST gekommen. Ab Oktober 2007 habe ich die Mittwochstreffen besucht, war sehr bald begeistert und habe mich dann entschieden mich zu bewerben.

 

GD: Warum hast Du Dich beworben?

AW: Um es offen zu sagen: schwierige Frage! Zum einen ist es mein großes historisches Interesse für Nationalsozialismus und Holocaust und das damit verbundene politische Ziel der Aufrechterhaltung der Erinnerung daran. Zum anderen ist es meine Begeisterung für die Bildungsarbeit. Politische Bildung scheint mir ein Weg zu sein, Geschichte und Politik Jugendlichen näher zu bringen, also: ihnen anhand bestimmter

Kompetenzen und Inhalte ein Werkzeug in die Hand zu geben, mit dem sie die komplexe Umwelt verstehen können und vernunftvoll und selbstbestimmt durch die Welt gehen können.

 

GD: Du bist dann für die Stelle am Jüdischen Museum in Vilnius ausgewählt worden. Wie ist es Dir in Vilnius ergangen? Was waren Deine Aufgabenbereiche?

AW: Die Zeit war emotional von Höhen und Tiefen gezeichnet, es hat dort für mich ein sehr wichtiger Entwicklungsprozess eingesetzt. Meine Arbeit dort umfasste einerseits Führungen durchs Museum und Rundgänge durch die Altstadt. Zunächst habe ich mich in die Arbeit gestürzt und hoch motiviert alles gegeben. Nach drei Monaten setzte bei mir ein Nachdenken über die Tätigkeit ein, das mich dann bis zum Schluss des Dienstes begleitet hat und mir, ja, den Blick auf theoretische Grundlagen der Vermittlungspädagogik eröffnet hat. Andererseits habe ich, vor allem in der zweiten Hälfte meines Dienstes, auch bei der politischen Arbeit des Museums mitgewirkt: In Litauen nämlich gibt es die starke Tendenz zur Doppel-Genozid-Theorie, die Faschismus und Kommunismus in einen Topf wirft und noch eine Prise Antisemitismus untermischt. Dazu habe ich bei der Erstellung einer Webpage mitgearbeitet (http://holocaustinthebaltics.com/). Zudem habe ich bei der Neukonzeption der Dauerausstellung des Museums mitgearbeitet, einen Guide für selbige verfasst und diverse Schulprojekte durchgeführt. Über die Zeit des Dienstes hinaus arbeite ich nun an der Erstellung eines Holocaust-Atlasses für Litauen.

 

GD: Im Sommer 2009 bist Du nach Österreich zurückgekommen. Was hat Dich dazu bewogen im Verein mitzuarbeiten?

AW: Nach meiner Rückkehr hatte ich das Bedürfnis weiterhin im Bereich der Politischen Bildung und Zeitgeschichtevermittlung aktiv zu sein. Ich wusste, dass der Verein in diesem Feld interessante Arbeit leistet und habe mich an die MitarbeiterInnen des Vereins gewendet, und gefragt, wie und ob ich mich einbringen könnte; weil die Möglichkeit bestand für den Vorstand zu kandidieren, habe ich das im Oktober 2009 gemacht. Mit der Entscheidung, Geschichte (und Biologie) auf Lehramt zu studieren, haben sich mein Interesse für Bildungsarbeit und mein Engagement für den Verein noch gesteigert.

 

GD: Und Dein Semester an der BOKU?

AW (grinst): Lausbubenstreich.

 

GD: Wie kam es dann dazu, dass Du für das Amt des Obmanns kandidiert hast? Du bist schließlich noch sehr jung und auch noch nicht lange im Verein tätig. Warum glaubst Du, bist Du die richtige Besetzung?

AW: Ich bin mir bewusst, dass ich mir mit diesem Amt sprichwörtlich große Schuhe angezogen habe, ich also lernen muss, diese Aufgabe mit der Zeit auszufüllen. Zuvorderst steht meine Bereitschaft diese Rolle anzunehmen: ich traue mir diese Arbeit also zu und bin zuversichtlich den Ansprüchen des Amtes gerecht werden zu können. Ich weiß, dass ich – und das schätze ich als zentrale Aufgabe des Obmanns/der Obfrau ein – Gruppen, Prozesse und Debatten moderieren und koordinieren kann und bereit bin Verantwortung für die Geschicke des Vereins zu übernehmen. Zum Glück steht mir dabei ein kompetentes und in vielen Bereichen erfahrenes Team zur Seite. Mich persönlich treibt dabei der Wille an etwas zu bewegen, sei es politisch, sei es in den Köpfen der Jugendlichen – eine Form der Erfüllung auf einer ganz persönlichen Ebene.

 

GD: Wie lautet konkret Dein Amtsverständnis?

AW (denkt nach): Ja, das Amtsverständnis… hm. Also zunächst entlang den Vorgaben, die mir das Statut macht: als Obmann obliegt es mir – gemeinsam mit dem Vereinsteam – drei Kernaufgaben wahrzunehmen: erstens, Kommunikation im Verein und über die Grenzen des Vereins hinaus, zweitens, Koordination und Vernetzung der im Radius des Vereins angesiedelten Arbeitsgruppen anregen und unterstützen und, drittens, an der Seite der Geschäftsführung die alltägliche und allgemeine Vereinsarbeit zu meistern, dabei vor allem die Betreuung der Gedenkdienstleistenden. Zudem gilt es den Verein auch künftig stark in der Öffentlichkeit zu positionieren und Networking zu betreiben, also den Ausbau der bisher schon sehr fruchtbaren Kontakte mit unseren PartnerInnen, weil ich glaube, dass eine verstärkte Zusammenarbeit in den kommenden Jahren sehr sinnvoll für alle Beteiligten wäre.

 

GD: Welche Themen und Agenden willst Du in Deiner Funktion als Obmann in den Vordergrund stellen?

AW: Ich möchte zwei Bereiche an dieser Stelle betonen, die in der nahen Vereinszukunft relevant sein werden. Zum einen Frauen als Gedenkdienstleistende: Allein ansprechen zu müssen, dass, ob und wie Frauen einen solchen Dienst leisten sollen, ist für mich bereits ein politischer Skandal. Die bestehende gesetzliche Diskriminierung muss be- seitigt werden. Leider ist die Arbeit des Geschwister-Mezei-Fonds immer noch PionierInnenarbeit und ständig gefährdet; ich möchte hier die sehr engagierte und meines Erachtens erfolgreiche Arbeit von Florian Wenninger und dem Vorstand weiterführen. Damit geht nun folgendes einher: Je mehr wir uns davon entfernen lediglich Zivilersatzdienst zu sein und je mehr wir das Konzept Gedenkdienst als politischen Freiwilligendienst für Österreicher und Österreicherinnen verstehen, konkret also die Arbeit junger Menschen in aller Welt mit Überlebenden von Nationalsozialismus, NS-Verfolgung und Holocaust, desto entschiedener sagen wir, muss es gewährleistet sein, dass Frauen zu denselben Konditionen wie Männer Gedenkdienst leisten können. Aus diesem Grund planen wir nun auch eine BürgerInneninitiative für den Nationalrat (mehr dazu in der Ausgabe 1/11, Anm. der Red.). Zum anderen die historisch-politische Bildungsarbeit: in diesem Bereich hat sich die Arbeit des Vereins in letzter Zeit intensiviert und ich werde mich darum bemühen, dass dieser Kurs fortgeführt wird. Die Bildungsarbeit ist nun ein zentrales Anliegen der alltäglichen Vereinsarbeit und in ihrem Kern sehe ich Aufklärung über und Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust. Das bedeutet: Weiterführung des Studienfahrten- Projekts, Workshop- und Bildungsangebote für Schulen und andere Bildungseinrichtungen, Begleitung von Gruppen zu Gedenkstätten in und um Wien, MultiplikatorInnen-Ausbildung in Zusammenarbeit mit unseren PartnerInnen. Und: es soll uns auch gelingen, internationale Projekte weiter zu pflegen und neue wahrzunehmen (etwa das Europäische Jahr der Freiwilligkeit 2011).

 

GD: Wie stehst Du zu den Kürzungen der staatlichen Unterstützung für Gedenkdienstleistende, also der Tatsache, dass die Förderung für den nächsten Jahrgang zehn Prozent weniger betragen wird?

AW: Es gilt deutlich zu machen, dass unsere Freiwilligen nun noch krasser als bereits bisher unter dem Existenzminimum ihr Auskommen zu haben verdonnert sind. Nach Jahren ohne Inflationsanpassung jetzt plötzlich auch noch diese Kürzungen. Wie werden uns also bemühen auf EntscheidungsträgerInnen in der Politik zuzugehen und versuchen diese untragbare Situation zu beenden. Denn: ich wehre mich dagegen, dass der Gedenkdienst nur noch jenen offen stehen soll, die es sich leisten können, einen solchen Dienst zu absolvieren.

 

GD: Wo siehst Du die größten Herausforderungen für den Verein in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

AW: Ich will, dass der Verein den Schritt in die Zeit nach dem Ende der Wehrpflicht gut meistert! Wir müssen also damit anfangen, uns zu überlegen, in welcher Form der Verein GEDENKDIENST weiterexistieren kann, wenn die Wehrpflicht – wie von mancher Seite zu vernehmen ist – fallen sollte. Die Entsendung von Zivilersatzdienstleistenden ist also bis zu einer allfälligen Abschaffung der Wehrpflicht weiterhin eine zentrale und ernstzunehmende Kernaufgabe des Vereins, aber nicht mehr die einzige. Erweiterung des Tätigkeitsfelds und teilweise Neuorientierung sind im Gange und werden künftig verstärkt ein Thema für uns sein. Das Ende der Wehrpflicht darf kein Schlussstrich sein! Es wird angebracht sein nach dem Modell des Freiwilligen Sozialen Jahres oder des Europäischen Freiwilligendienstes den Gedenkdienst der Zukunft, einen Gedenkdienst nach den Prinzipien der Chancengleichheit in sozialer Hinsicht wie auch in Bezug auf die Gleichheit der Geschlechter sowie Vermeidung anderer Formen von Diskriminierung, zu entwickeln.

 

GD: Berti, wir danken Dir für das Gespräch.

 

 

Das Gespräch führten

Johann Kirchknopf und Adina Seeger.

 

 

Adalbert Erich Konrad Wagner

14.01.1990 / Krems an der Donau

Berti wächst im Unteren Kamptal (NÖ) in einem

nonkonformen Haushalt auf – die Mutter ist Allgemeinmedizinerin,

der Vater Zimmermann und Hausmann.

2000-2008 BRG Krems Ringstrasse, 2007

„International Youth Congress“ in Yad Vashem,

Matura 2008. 2008/2009 Gedenkdienstleistender im

Jüdischen Museum in Vilnius. Seit seiner Rückkehr

Mitarbeit im Verein, Vorstandsmitglied (Schriftführer

Stellvertreter), Mitarbeit in Didaktik- und Gender-

Werkstatt, beim Studienfahrtenprojekt und bei den

Vorbereitungsseminaren. Studiert Geschichte und

Biologie auf Lehramt.